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Full text of "Walther von der Vogelweide"

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Walther von der Vogelweiöe 



Von NL C Freifrau v. Malapert-NeufvUle (Const 
tleisterbergk) erschienen in E. Piersons Verlag in Dresden: 

Aus Nord und Süd. K'!y Ä% K'" 

Urteile der Presset Neueste Nachrichten, Dresden. 
Die Verfasseim tritt mit dieser neuen literarischen Gabe wieder in 
vorteilhaftester Weise in die Öffentlichkeit. Freifrau von Malapert- 
Neufville hat es sich zum Gesetz gemacht, nie einen Ort, den sie 
nicht kennt, zum Schauplatz einer Erzählung zu wählen oder Ver- 
bältnisse zu schildern, die ihr nicht aus persönlicher Anschauung be- 
kannt sind, deshalb sind auch ihre Schilderungen von Land und Leuten 
von kaum zu übertreffender Naturwahrheit und von hohem Reiz. Der 
Stil ist elegant und flüssig und das kleine Buch wird sicher in den 
weitesten Kreisen gelesen. Es dürfte sich namentlich als eine vornehme 
Bereicherung des Weihnachtstisches für junge Damen sehr empfehlen. 

iUt^l^t^ri^Qrhirhf An Neun Novellen. Reich illustr. 

iviaiergescnicnien. p^^.^ ^ j^ ^^^^ 5 j^ 

Urteile der Presse: Kölnisches Tageblatt: Eines der 
originellsten Novellen bücher liegt uns heute zur Begutachtung vor. Die 
feinsinnige Poetin und tiefe Menschen kennenn Marie von Malapert er- 
zählt uns in einem Zyklus von Novellen, anknüpfend an berühmte Bilder 
berühmter Maler, deren Lebens- und Liebesschicksale. — Wie sie es er- 
zählt, braucht den Lesern dieser Zeitung nicht wiederholt zu werden, 
denn alle kennen die Verfasserin als eine der bedeutendsten und eigen- 
artigsten literarischen Erscheinungen der Gegenwart Wir wüssten t^ine 
ansprechendere Gabe, als diese Malergeschichten, die mit den unver- 
gänglichen Bildern eines Gerhard Dow, Jakob Ruysdael, Quintijn de 
Smit (Quintin Messys), Pieter de Hooghe, Albrecht Dürer, H. Holbein 
d. J., Ant. Watteau, E. Murillo und Giovanni Bassi geschmückt sind, 
und die sich uns durch die daran geknüpfte Geschichte, in der sich 
Wahrheit und Dichtung in hoch poetischer Weise vereinen, noch dau- 
ernder ins Gedächtnis einprägen. Jung und Alt wird an diesem 
Buche seine Freude haben 

Sdilichte Gesdiichten •»? S»vT ??i 

2 M., geb. 3 M. 

Urteile der Presse : Pfarrhaus: Die Verfasserin hat sich seit 
Jahren durch ihre ebenso naturwahren wie dichterisch tiefempfundenen &:- 
Zählungen rühmlich bekannt gemacht. Ihren früheren Büchern reihtsich in 
den , Schlichten Geschichten« eine neue, trefflich ausgestattete Sammlung 
von neun knapp gehaltenen Novellen an, die in der Tat nach Anlage 
und Ausführung volkstümlich sind und es verdienen, für Volks- und 
Schulbüchereien nachdrücklich empfohlen zu werden. Die Dichterin 
weiss frisch und fesselnd Natur und Menschenleben zu schildern, gleich- 
viel, ob sie uns unter die Alpenleute am Dachstein führt oder an die 
Küste Norwegens versetzt oder auf heimischem Boden deutscher Land- 
schaften verweilt. Alle Novellen durchweht ein gesund evangelisch- 
christliches Gottvertrauen bei vorwiegend ernsten Grundzügen der 
Einzelbilder, eine heitere Geschichte, »Sylvesterglocken«, schliesst das 
Ganze, das durch liebevolle Ausmalung auch des Kleinen und Einzel- 
nen vielfach an die Erzählweise Meister Riehls gemahnt. Wir wünschen 
dem wertvollen Buche fleissige und dankbare Leser in weitesten Kreisen. 

(Dr. Pritzel, Geh. Schulrat.) 



Denkmal Walthers V. d, Vogelweide 






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Walther von der 



Vogelweide 



Eine Gabe für das deutsche Haus 



Von 



Const. Heisterbergk X 

M. C. Frfr. von Malapcrt-NeufviUe 



Motto: 

»Ein stiller Qeist ist jahrelang geschäftig; 
Die Zeit nur macht die feine Gärung 

kräftig-. 

Joh. Wolfg. Goethe. 



Mit Bildern 



DRESDEN — LEIPZIG 

E. PIERSON'S VERLAG 

1910 



I 



I 



Alle I^echte vorbehalten. 



Copyright 1910 by E. Piersons Verlag in Dresden. 



— 2 — 

ihr so tiefes Empfinden, wie wenige Idiome sie aufzuweisen 
haben. Die Eigenart eines Volkes offenbart sich nicht zum 
wenigsten in seiner Sprache und das Vertrautwerden mit 
ihrem Ursprung kann nur dazu dienen, sich des Wertes der 
Muttersprache, der leider gerade jetzt oft verkannt wird, voll 
bewusst zu werden. 

Es wirkt immer fördernd auf das Nationalbewusstsein, 
wenn man dem Volke die Schätze der Literatur der Vorzeit 
wieder naherückt, und es ist ein nicht hoch genug zu schätzen- 
des Verdienst jener Männer, die im vorigen Jahrhundert un- 
serm Volke die Werke seiner althochdeutschen und mittel- 
alterlichen Literatur wieder aufschlössen, durch diese echt 
nationale Tat das deutsche Volksbewusstsein mächtig gehoben 
zu haben. 

Auch den deutschen Frauen soll dieser Sänger, der im 
edelsten Sinne des Wortes ein Kämpfer für sie war, 
nahegebracht werden. — Zwar, sie kennen seinen Namen 
als einen der besten, aber — Hand aufs Herz — wie wenige, 
selbst unter den Gebildeten, kennen seine Lieder! Und doch 
hat er vor allen andern sie geehrt; nicht mit höfischer 
Schmeichelei, wie manch ein anderer; nicht ihre sinnlichen 
Reize allein — wie ein Ulrich von Lichtenstein — , nein, 
ihren inneren Wert vielmehr hat er in seinem Sänge gepriesen. 
Er besingt das sittige deutsche Weib, dessen äussere Hold- 
seligkeit nur der Widerschein eines reinen Gemütes, einer 
hoheitvollen Seele ist. Nicht patriotische Einseitigkeit war es, 
die ihn in der deutschen Frau die Zierde der Weiblichkeit 
erkennen lässt; — nein! er hat „der Lande viel .gesehen, 
nach dem Besten allerwärts geforscht"; es gab auch zu sei- 
ner Zeit der ritterlichen Sänger viele, die gleich Schmetter- 
lingen um fremde, farbenprächtigere Blumen flatterten, aber 
sein schlichter Sinn erkannte den Schatz im deutschen Weibe, 
auch unter einfacher Hülle: „Hilf mir, Gott, so schwör' ich 
sie sind besser hier, als der andern Länder Frauen." So 
singt Walther! — soll die deutsche Frau ihren Dichter, „den 



wahren Frauenlob", nicht kennen, ihn nicht ehren, wie 
er sie geehrt hat? — Darum sollten seine Lieder im Bücher- 
schatze einer deutschen Frau von Bildung nicht fehlen ! Und 
wahrlich! nicht minder ist die Bekanntschaft mit diesem 
echt deutschen und echt männlichen Dichter der 
männlichen Jugend unseres Volkes zu empfehlen, der er ein 
leuchtendes Vorbild werden kann! Hier ist kein unreiner 
Gedanke, kein unedles Empfinden ! — sittliche Reinheit und 
Hoheit der Anschauung sind leuchtende Züge, die aus sei- 
nen Dichtungen zu den Herzen der Jugend sprechen und 
zur Nacheiferung anspornen. Vor allem glüht sein Herz von 
Liebe zum Vaterlande. Wo wäre dies inniger zutage 
getreten, als in jenem vorerwähnten Liede? — Sollte dieses, 
das dem Dichter so recht aus der innersten Seele herausge- 
klungen, unsrer Zeit — Männern wie Frauen — nicht eine 
ernste Mahnung sein? — 

Hoffen wir, dass im deutschen Volke noch genug vater- 
ländisches Bewusstsein und Würdigung wahrer Ethik vor- 
handen sei, um den Wert solcher Dichtung zu erkennen ! — 

Ein Buch für das deutsche Haus, das diese schlichte 
Gabe werden möchte, hat aber nicht allein die Erleichterung 
sprachlichen Verständnisses, sondern auch eine Beschränkung 
des Stoffes zu beobachten. Darum ist hier eine Auswahl 
der Gedichte Walthers getroffen, doch gibt die Darbietung 
ein klares, abgerundetes Bild seines Lebens, Strefctens und 
Schaffens, indem sie sowohl die volkstümlichsten, als auch 
diejenigen seiner Lieder, die seinen inneren, wie äusseren 
Werdegang offenbaren, zusammenfasst. Bei der Übertragung 
ist möglichste Anlehnung an den Orundtext ins Auge gefasst. 
Wo aber dem Laien der Sinn eines im Grundtexte klaren 
Ausdrucks dunkel bleiben würde, ist es für den Übersetzer 
geboten, wenn auch so sparsam wie möglich, von einer Um- 
schreibung Gebrauch zu machen. 

Möge das deutsche Haus diese schlichte Gabe so wohl- 
wollend aufnehmen, wie sie anspruchslos geboten wird. Und 



— 4 — 

tK^^nn es dem bescheidenen Buche gelingt, sich Fi^unde zu 
erwerben, deutsche Gesinnung und Liebe zum 
„Outen, Schönen und Wahren" fördern zu helfen, 
vvrenn unsre Jugend am Schaffen und Streben des edlen Dich- 
ters sich begeistert und zu reinen und starken Charakteren 
heranbildet: dann hat das Werk seinen Zweck erfüllt! 

Dresden, Juli 1909. 

M. C Frfr. von Malapert-NeuffvIUe 

(Canst. Heisterbergk). 



Lebenßskizze Walthers von der Vogelweide« 

Inmitten des Sturmes und Dranges, der Finsternis und 
des Irrtums, welche das deutsche Volk des Mittelalters noch 
gar vielfach in Banden hielten, erblühte eine Wunderblume: 
der Minnegesang. Der Name ist dem althochdeutschen Worte 
minan — meinen, gedenken — entlehnt. Sein Inhalt ist im 
wesentlichen die Liebe. Dieser, auf Verherrlichung der 
Frauen, auf Übung höfischer Sitte gerichteten Liederdichtung, 
welche nicht wenig zur Hebung des Ritterstandes, von dem 
jene Kunstform vertreten wird, beitrug, ist mindestens betreffs 
ihrer Blütezeit ein Ehrenplatz in der deutschen Literatur ein- 
zuräumen. Wie der Minnesang ein wesentliches Aggregat 
ritterlichen Lebens ward, so waren auch die Höfe der .Fürsten 
die Pflegstatten dieser neuen Kunstblüte, die deshalb den 
Namen „höfische Kunst" erhielt. Wenn nun auch nur wenige 
Vertreter des Minnesanges sich über den frauenhaften Charak- 
ter desselben zu erheben vermochten, so bleibt diese Dich- 
tungsart doch nicht allein ästhetisch, sondern auch ethisch 
von nicht zu unterschätzendem Werte. 

Der Aufschwung des ritterlichen Standes ist in der ge- 
schichtlichen Entwicklung des Mittelalters begründet. Schon 
die Pflege geistiger Bildung unter den Sachsenkaisern, die 
politische Bedeutung der beiden ersten Herrscher aus frän- 
kischem Stamme, noch mehr aber der Glanz des Reiches 
unter den hochveranlagten Kaisern aus dem Hohenstaufen- 
geschlechte, führte die kurze, aber reiche Blüte des Ritter- 
standes herauf, aus dessen erhöhtem Selbstgefühl der Quell 
dichterischer Begeisterung entsprang. Die vielfache Beruh- 



— 6 — 

rung mit anderen Nationen, zumal durch die Kreuzzüge, 
brachte neue Stoffe und Formen in die ritterliche Dichtung. 
Als Urheber des deutschen Minnegesanges, als derjenige, 
welcher den kunstvollen Strophenbau und feinere höfische 
Formen der deutschen Liederdichtung einführte, gilt mit Recht 
Heinrich von Veldekin, von dem Gottfried von Strassburg 
sagt: „Er impfete daz erste rts in tiutscher Zungen/ 

In der grossen Schar der ritterlichen Sänger und Ver- 
treter des Minnesanges, die, wie Uhland treffend sagt, „von 
Lenz und Liebe, von seliger, goldner Zeit" sangen, nimmt 
unstreitig den ersten Rang Walther von der Vogelweide ein ! 
Schon seine Zeitgenossen reichten ihm den Ehrenkranz, so 
der vorerwähnte Meister Gottfried von Strassburg, der, selbst 
einer der Grössten, nach Reinmar des Alten Tode Walther für 
den Würdigsten erklärt, Führer und Bannerträger der Minne- 
sängerschar zu werden, und zwar in jener Stelle seines 
„Tristan", wo er das Verstummen der „Nachtigall von Ha- 
genau" beklagt und fragt: 

„Wer leitet nü die lieben schar? 
wer wiset daz gesinde? 
ich waene, ich si wol vinde, 
diu di baniere füeren sol: 
ihr meisterinne kan ez wohl, 
I diu von der vogelweide." 



Das Leben Walthers von der Vogelweide enthüllt, soweit 
es authentisch erforscht worden, ein sehr bewegtes Dasein, 
eine klar und scharf ausgeprägte Individualität und einen 
ursprünglichen Dichtergenius, den selbst das jahrzehntelange 
L^ben eines fahrenden Sängers nur vertiefen und veredeln 
konnte. 

Wo die Wiege dieses geist- und gemütvollsten Sängers 
des Mittelalters gestanden, ist nach jahrhundertelangem For- 
schen und Streiten auch heute noch nicht mit unumstöss- 
licher Gewissheit zu ermitteln. Nicht weniger als vier Län- 



- 7: - 

dergebkte, Franken, Schwaben, die Schweiz und Tirol, stritten 
sich von altersher um die Ehre seiner Oeburtsstätte. . Seit 
Anfang des vorigen Jahrhunderts wurde auf Grund einer Ori- 
ginalhandschrift, zur Zeit des Grafen Meinhard von Tirol, im 
Jahre 1286 abgefasst, Tirol und zwar die Gegend des Eisack- 
tals, der Vogelweidhof im Laiener Riede, als wahrscheinliche 
Geburtsstätte Walthers angenommen. Dieser Annahme gegen- 
über erhebt jetzt die Stadt Duxin Böhmen Anspruch 
auf die Ehre, im ehemals ausserhalb des Stadtgebietes be- 
legenen, noch heute vorhandenen Vogelweidhofe die Ge- 
burtsstätte des grossen Dichters suchen zu dürfen. Und in 
der Tat haben die Urkunden über die Existenz eines uralten 
Geschlechtes derer von der Vogelweide, die sich in dem 
alten Stadtbuche von Dux vorfinden, berechtigten Anspruch, 
in Enx'ägung gezogen zu werden, da sich hieraus ebenso die 
Möglichkeit ergibt, Dux als Geburtsstätte des grossen Dich- 
ters anzusehen, als bisher die vorerwähnte Urkunde dem 
Laiener Riede diese Ehre zuerkannte. Für Tirol, wie für Böh- 
men, sprechen urkundliche und örtliche Gründe, -t 
Bis vor kurzem wurde auf Grund eingehender Forschungen^ 
insbesondere Franz Pfeiffers, Zingerles, Johannes Schrotts und 
Patrik Anzolettis, Tirol fast allgemein als das Land bezeich- 
net, in welchem mit Wahrscheinlichkeit Walthers Heimat zu 
suchen sei. Und zwar liegen dieser Annahme zwei Doku- 
mente zugrunde; L jene Originalschrift auf der k. k. Hof- 
bibliothek zu Wien (Nr. 2699) unter der Regierung des 
Grafen Meinhard von Tirol (1286— 1295 Herzog, von Kärnten) 
abgefasst, in welcher eine Steuer gebucht ist: „datz Vogel- 
weide an dem herbiste driu pfunt." Als Lage des Ortes 
wird die Gegend zwischen „Mittenwalde und Schel- 
len berch" angegeben, welche beide im Eisack-Gebiete lie- 
gen ; ferner eine Noti^ im Layener Tauf buche vom Jahre 
1575, in welcher sich der * Name „Walther von der Vogel- 
weide" findet. Dr. Karl Klaar, Innsbruck, bemerkt betreffs 
der Geburtsstätte des Dichters in einem Heft der „Kultur" 



— 8 — 

folgendes: ,,Nach Zusammenfassung aller Qrunde, welche 
dafür sprechen, dass der Dichter Tiroler von Geburt war 
und nach Widerlegung der von Dr. Joseph Lampl-Wien und 
Professor Burdach-Berlin dagegen erhobenen Einwendungen, 
ergibt sich, dass bisher in deutschen Landen nur ein ein- 
ziger ritterlicher Sitz namens Vogelweide gefun- 
den ward. Dr. Klaar pflichtet der vom Professor Redlich 
1892 aufgestellten Ansicht bei, der Vogelweidhof im Layener 
Riede sei die einzige Stätte, die den Standes Verhältnissen des 
dem Dienstadel entsprossenen Dichters entspreche. 
Indessen stellt auch er dies nur als wahrscheinlich 
hin. Der zusammengehörige Ober- und Unter- Vogel- 
weidhof war zu jener Zeit ein vom Oeschlechte der „Sevener" 
— auch Säbcner genannt — zu vergebendes Ritterlehen. Erst 
im fünfzehnten Jahrhunderte wurde der Untervogelweidhof 
vom Obcrvogelweidhof abgetrennt. Nach allgemeiner Sage 
stand im zwölften Jahrhundert in der Umgebung des Layener 
Riedes ein dichter Wald, der bereits um 1280 sich ^nicht mehr 
vorfand. Auch dieser Umstand diente den Verfechtern der 
Meinung, dass Walthers Oeburtsstatte in Tirol zu suchen sei, 
als Beleg, indem sie die Klage des Dichters bei der späten 
Wiederkehr in die Heimat — um das Jahr 1228 — hierfür 
anführen: „Bereitet ist daz velt, verhouwen ist der walt" usw. 

Am 3. Oktober des Jahres 1874 wurde vom Geschieh ts- 
verein für Tirol eine Gedenktafel am verfallenen Untervogel- 
weidhofe unter grosser Teilnahme angebracht und im Jahre 
1889 ein schönes Standbild des Dichters in Botzen errichtet. 

Es ist hier nicht der Ort, diese Streitfrage in allen Einzel- 
heiten wieder zu erörtern. Die Gründe^ welche für das Laye- 
ner Ried ins Feld geführt wurden, sind bekannt. Hier gilt 
es aber, der Wahrheit entsprechend, auch diejenigen Zeug- 
nisse aufzuführen, welche für Böhmen als Geburtsland 
Walthers sprechen. Der allgemein hochgeschätzte Forscher 
vaterländischer Geschichte, Hofrat Dr. Hallwich-Wien, tritt 
in seiner im Verlage des Vereins für Geschichte der 



- 9 - 

Deutschen in Böhmen (Prag, H. Dominicus) 1893 er- 
schienenen Schrift „Böhmen, die Heimat Walthers von der 
Vogelweide?" mit Wärme hierfür ein, indem er betont: „Das 
Recht auf solchen Anspruch verwandle sich in ein Gebot 
der Pflicht." Ohne Anspruch auf unbedingte Ge- 
wissheit für Böhmen als Heimat des Dichters zu erheben, sagt 
er: „Wir erlauben uns die Erklärung, dass auf Grund ur- 
kundlichen Materials auch ein anderes Land — ein deutsches 
Stück böhmischer Erde — mit gleichem Rechte, wie das 
Layener Ried im Eisacktale, um die Ehre, Walthers Geburts- 
stätte zu sein, ringen dürfte." Zunächst erweist sich die von 
Franz Pfeiffer, Dr. Klaar und anderen aufgestellte Behauptung 
von der Existenz eines einzigen aktenmässig verbürgten rit- 
terlichen Hofes derer von der Vogelweide — und zwar 
desjenigen im Layen-Riede — als hinfällig. In einem, vom 
Stadtrat Franz Reidl im Duxer Rathäuse entdeckten, merk- 
würdigerweise hn Hussitenkriege verschont gebliebenen ur- 
alten Gerichtsbuche findet sich die urkundliche Bestätigung 
der Existenz eines ritterlichen Lehenshofes der Vogelweider 
im Duxer Gebiete. Hofrat Dr. Hallwich, der seit einem Men- 
schenalter sich der Erforschung der Geschichte seiner enge- 
ren Heimat widmet, erkannte sofort die hohe Bedeutung die- 
ses Fundes. Das „Stadtbuch", wie es sich selbst bezeich- 
net, führt in den Jahren 1389 — 1404 eine Reihe von Namen 
derer von der Vogelweide — unter andern einen „Walther 
von der Vogelweide" — als Inhaber des zu jener Zeit ausser- 
halb des Stadtgebietes belegenen und von „Heide und Wald" 
umgebenen Hofes zur Vogelweide auf. 

Dieser Hof ward den Vogelweidern als Lehen von 
dem damals reichbegüterten Adelsgeschlechte der Riesen- 
burger abgetreten; ein Umstand, der mit der allgemeinen 
Annahme, dass Walthers Geschlecht dem Dienstadel ange- 
hörte, übereinstimmt. Die Dokumente für die Existenz des 
Geschlechtes derer von der Vogelweide im Stadtgebiete von 



— 10 — 

Dux sind in photographischer Abnahme dem Buche beige- 
geben. 

Auch ein anderer örtlicher Umstand spricht für die Mög- 
lichkeit, die Oeburtsstätte des berühmten Dichters in der 
Gegend von Dux in Böhmen zu suchen. Am fliessenden 
Wasser stellt Walther in dem vermutlich aus der Jugendzeit 
stammenden zweiten Spruche des Wahlstreites Betrach- 
tungen über den Unbestand des Lebens an. Ein solch fliessen- 
des Wasser bot sich ihm in der Biela, wie im nahen Eibstrom. 
Aber der Dichter erwähnt auch in einem seiner Jugendgedichte 
einen heimatlichen See. Ein solcher findet sich im Eisacktale 
nicht, wohl aber breitet sich noch heute ein grosser Teich 
vor Dux aus, der vor Jahrhunderten notorisch eine weit 
grössere, seeähnliche Ausbreitung gehabt hat. Auch 
die Niederlegung grosser Waldstrecken in der Umgebung von 
Dux lässt ebensowohl, wie diejenige im Layenriede, auf Zu- 
sammenhang mit dem vorerwähnten Klageliede Walthers bei 
der Rückkehr in die Heimat schliessen. Jenes Lied, das mit 
Wahrscheinlichkeit aus dem Jahre 1228 stammt, dürfte beim 
Besuche der Heimat vor dem beabsichtigten Kreuzzuge ent- 
standen sein. Damals war nachweisbar durch die Gründung 
des Klosters Osseg eine grosse Veränderung im Duxer Ge- 
lände vor sich gegangen. Nach all dem ist die! Berechtigung, 
mit Tirol in den Wettstreit um die Ehre der Geburtsstätte des 
grössten Minnesängers einzutreten, dem Böhmerlande nicht 
abzusprechen. 

Hierzu kommt noch der sehr beachtenswerte Umstand, 
dass — wäre Walther von der Vogelweide wirklich ein Sohn 
der Alpen gewesen — sein Heimatsgefühl sich doch wohl 
auch nach dieser Richtung, wenn nicht durch eine Verherr- 
lichung des Hochgebirges, wenigstens andeutungsweise aus- 
gesprochen hätte. Davon ist aber in seinen Dichtungen tat- 
sächlich nicht die Spur zu finden. Mit voller Bestimmtheit 
dürfte diese Frage gleichwohl nicht entschieden werden. 

Finden sich Urkunden über das Geschlecht derer von der 



— 11 — 

Vogelweide in Dux auch nur vom Jahre 1389 an vor, da das 
aufgefundene Stadtbuch nur bis zu dieser Zeit zurückreicht, 
so schliesst dieser Umstand doch die Möglichkeit — ja, die 
Wahrscheinlichkeit — nicht aus, dass das Geschlecht der 
Vogelweider, gleich dem der Riesenburger, schon Jahrhunderte 
lang in jener Gegend ansässig war. 

Aber wenn Dokumente, wie örtliche Umstände, dieser 
Gegend die gleichen Ansprüche wie dem Tiroler Lande zu- 
billigen dürften, so wird eine unumstössliche Gewissheit der 
Heimat des grossen Dichters weder für den einen, noch für den 
andern Ort zu ermitteln sein.*) 

Wie die Stätte, so kann auch die Zeit der Geburt des Dich- 
ters und selbst die seines Todes nur annähernd bestimmt 
werden. Erstere dürfte etwa in die Jahre zwischen 1165 iind 
1170, letztere zwischen 1236 und 1237 zu setzen sein und 
zwar wird mit ziemlicher Sicherheit Würzburg als die Stättt 
angenommen, wo der edle Dichtergeist seine Erdenwallfahrt 
vollendete. 

Auch über Walthers Abstammung sind nur Vermutungen 
vorhanden. Wahrscheinlich ist, dass er dem niederen, 
sogenannten Dienstadel entstammt. Er selbst nennt sich 
einmal „der Niedern einer". Indes ist nicht wahrscheinlich, 
dass, wie früher allgemein, so auch von einem der bedeutend- 
sten Forscher mittelalterlicher Literatur, Vi 1 mar, angenom- 
men wurde, Walther erst mit dem von Kaiser Friedrich IL 
erhaltenen Reichslehen den Adel empfangen habe. Dass es 
ritterbürtige „von der Vogelweide" gab, ist mittels einer im 
Statthaltereiarchiv zu Innsbruck vorgefundenen Urkunde von 
1431 nachgewiesen worden. Auch wird in Liedern, wie Ur- 
kunden, der Dichter wiederholt als „Herr Walther" angeführt, 
welcher Titel damals allein dem Ritterstande zukam, während 



•) Wie die Stadt Bozen,, so soll auch Dux durch ein im Jahre 1911 
zu errichtendes Standbild Walthers von der Vogelweide geschmückt werden, 
dessen Abbild dem Buche beigegeben ist. Es ist dieses charakteristische 
Denkmal zugleich ein schönes Zeugnis der nationalen Gesinnung der 
Deutschen Böhmens. 



— 12 — 

der Name „Meister" den bürgerlichen Stand, bezeichnete. 
Neuere Forschungen lassen glaubwürdig erscheinen, dass 
Walther einem edlen, aber kein:en Eigenbesitz, mit- 
hin auch keine politische Stellung innehabenden Oe- 
schlechte angehörte. Um so grösser tritt seine bereits von 
den Zeitgenossen ungeteilt anerkannte geistige Bedeutung her- 
vor, die, weder durch Geburt, noch Rang und Besitz unter- 
stützt, einzig auf seinem persönlichen, dichterischen wie sitt- 
lichen Werte beruht. Und hierin liegt seine dauernde Bedeu- 
tung für die Literatur unseres Volkes insbesondere, aber auch 
für die Gesamtheit! Sein Patriotismus ist noch heute vorbild- 
lich für echt deutsche Gesinnung, und wie Goethe in seinem 
herrlichen Nachrufe an Schiller, so kann die deutsche Nation 
auch von ihm mit vollem Rechte sagen: „Er war unser!" 
— Und er bleibt es! Aber nicht sowohl grosse historische 
Taten, als vielmehr seine Lieder sind es, die dem deutschen 
Volke sein Andenken erhalten haben, indem sie ein klares 
Bild seines echt deutschen Fühlens, Strebens und Schaffens 
entrollen. 

In Tirol und in Österreich herrschte um die Wende des 
zwölften Jahrhunderts besonders rege Sangeslust. Nicht un- 
bedeutend sind Zahl und Genius der Sänger, die dem erst- 
genannten Lande entstammen, wie unter anderen die Namen 
eines Rubin aus der Gegend von Meran, eines Leuthold von 
Seven, Walthers Jugendgefährten und Sangesgenossen, be- 
weisen. Sangeslust und Tatendurst verbanden sich bei Walther 
früh schon mit der Notwendigkeit des Broterwerbs. Letztere 
drängte ihn zum Verlassen der Heimat und der Eintritt in 
eine erweiterte Lebenssphäre wirkte befruchtend auf die Ent- 
faltung seines dichterischen Genius. Glückliche und er- 
spriessliche Jugendjahre verlebte der Dichter am Wiener Hofe, 
wo er, wie er selbst bekennt, „singen und sagen lernte". 
Hier wird Reinmar der Alte sein Lehrmeister und wie 
hoch er diesen lebenslang schätzte, beweist der warme Nach- 
ruf, mit dem er den Altmeister noch im Tode ehrt. Jedenfalls 



— 18 — 



fand Walther, nach Zeit wie nach ort, hier den günstigsten 
Boden ffir seine dichterische Entwicklung. E^enn die Qaue 
des schönen Donaugebietes befanden sich in blühendstem 
Zustande und am Hofe der kunstsinnigen Babenberger bilde- 
ten Poesie, Wissenschaft und Kunstpflege eine Art Mittel- 
punkt des geistigen Lebens. 

Walthers dichterische Begabung, die — wenn auch der 
wahre Genius sich überall seinen Weg bahnt — in der Be- 
schränkung des väterlichen Heims kaum je einen so hohen 
Flug genommen haben würde, konnte bei der Mannigfaltig- 
keit der Eindrücke am reichen und lebensfreudigen Baben- 
berger Hofe, im Wettstreit mit andern hervorragenden Sän- 
gern, wie in dem vielbewegten Leben in erweiterter und er- 
höhter Sphäre, sich besonders gedeihlich und vielseitig ent- 
falten. 

In Friedrich dem Katholischen fand er einen grossmü- 
tigen Freund und Gönner, dessen der an zeitlichem Gute 
arme Sänger bedurfte, um in Freiheit seiner Muse zu dienen. 
Dass aber jenes versuchungsvolle Hofleben dem schlichten 
Sohne der Berge nicht zu sittlichem Nachteil ward, legt ein 
wertvolles Zeugnis für die natürliche Reinheit und Unantast- 
barkeit seines Charakters ab. In sorgenfreier Lebenslage, ge- 
hoben und angefeuert durch den Beifall, der seinem kühn- 
eniporstrebenden, vielseitigen Schaffen in reichem Masse zu 
teil ward, verlebte der Dichter hier seine glücklichsten Jahre 
und treu hat er die Erinnerung an seinen Wohltäter, wie an 
die selige Zeit der Jugend und „ersten Minne" bewahrt. 

In diese Zeit seines erstmaligen Aufenthaltes am gastlichen 
Hofe zu Wien fallen ohne Zweifel Walthers schönste und 
frischeste Minnelieder. Denn dazu gehört ja nicht allein die 
Jugend des Herzens, die Walther sich durch alle Wechselfälle 
seines prüfungsreichen Lebens bis ins Alter bewahrte, son- 
dern auch die Unbefangenheit und Unmittelbarkeit der Emp- 
findung, wie sie eben nur der Lebensfrühling in sich 
fasst. Zwar hat Walther — ähnlich wie Goethe — bis ins 



~ 14 — 

vorgerückte Alter der Minne gehuldigt, allein zwischen den 
Liedern jenes frühen Lebensabschnittes und denen späterer 
Zeit ist doch ein merklicher Unterschied. Während jene an 
Frische und Innigkeit des Gefühls, wie an Naivität und An- 
mut des Ausdrucks, dem Volksliede ähneln, das wie der Berg- 
quell mit ursprünglicher Kraft und Frische hervorsprudelt, 
enthalten die Minnelieder späterer Jahre neben echter Empfin- 
dung doch auch viel Reflexion. In jenen pulsiert das rasche, 
warme Herzblut der Jugend — in diesen kreist das lang- 
samere des gedankenvollen Mannesalters. 

Der Umstand, dass Walthers Mannesreife in. eine Zeit 
bedeutendster politischer Ereignisse fiel, musste bestimmend 
auf die Richtung seines Strebens und damit insbesondere auf 
seine Dichtung werden. Wie mehr oder minder alle bedeuten- 
den Geister, so ist auch Walther in gewissem Grade der 
Sohn seiner Zeit, wenngleich nicht unbemerkt bleiben darf, 
dass unter allen seinen Zeitgenossen, Gottfried von Strassburg 
und Wolfram von Eschenbach mit eingeschlossen, er allein 
sich zu so hoher dichterischer wie patriotischer 
Bedeutung aufgeschwungen hat. Einen Wendepunkt nach 
letzterer hin dürfte für Walthers Dichtung das Jahr 1198 ge- 
bracht haben, das politisch ereignisreich, den Dichter zur 
Mitwirkung durch Wort und Schrift antrieb. Walther hatte 
damals das dreissigste Jahr überschritten, die volle männliche 
Reife und Geistesentfaltung erreicht und fühlte in diesem Be- 
wusstsein einen mächtigen Tatendrang. — Mit dem Tode 
Herzog Friedrichs II. von Österreich, dem der Dichter in 
seinem dankbaren Nachrufe ein ehrendes Denkmal gesetzt 
hat, fand sein Wiener Aufenthalt einen vorläufigen Abschluss. 
Leopold VII., Friedrichs des Katholischen Nachfolger, war 
dem heimatlosen Dichter nicht so wohlgesinnt, wie sein 
Vorgänger und Zeiten schwerer Bedrängnis kamen für ihn. 
Zunächst wandte Walther sein Interesse dem schönen und 
liebenswürdigen Hohenstaufen Philipp zu, an dessen Kampfe 
gegen den Nebenbuhler um die deutsche Krone, Otto IV., 



— 16 — 

den Weifen, der Dichter mit Wort und Tat lebendigen Anteil 
nahm. Im September des Jahres 1198, zur Zeit der Krönung 
König Philipps von Schwaben und später, zu Weihnacht 1199,. 
finden wir den Dichter an des jungen Königs glänzendem 
Hofe zu Magdeburg. Auch war Walther wiederholt Gast de^ 
liebenswürdigen jungen Fürsten, dessen holdselige Gemahlin 
Irene er als „die Rose ohne Dorn", „die Taube sonder Galle" 
besingt. Von der Wende des Jahrhunderts an beginnt für 
Walther ein Wanderleben. Zu Pfingsten 1200 auf kurze Zeit 
in Wien, wo er nicht mehr die frühere freundliche Aufnahme 
fand, durchstreift er etliche Jahre die österreichischen Lande ; 
1203 meldet eine Urkunde seinen Aufenthalt im österreichi- 
schen Orte Zeisselmauer ; 1204, 6 und 7 finden wir den Dich- 
ter am gastlichen Hofe des Landgrafen Herrmann von Thürin- 
gen. Obwohl die ausgedehnte Gastfreundschaft dieses kunst- 
sinnigen Fürsten einer Schar von Schmarozern Tor und Tür 
öffnete, was dem ernsten, gehaltvollen Dichter den Aufenthalt 
daselbst zuweilen trübte — wie er dies in jenem bekannten 
sarkastischen Liede ausspricht — , so weilte er doch gern 
auf der Wartburg und rühmt dankbar die empfangene Gast- 
freundschaft. Vermutlich war er im Jahre 1206 bei jenem 
Wettstreite zugegen, der eine Anzahl berühmter Sänger, unter 
andern Klingsohr, Wolfram von Eschenbach und Reinmar 
den Alten vereinigte. Die Manessesche Handschrift*) zeigt 
uns das Bild Walthers im Vereine mit sechs dichterischen 
Zeitgenossen. 

Im Jahre 1207 finden wir den Dichter wiederum an der 
Seite seines Lieblings, des jugendschönen Hohenstaufen 
Philipp. Dem königlichen Paare, das zu Magdeburg im vollen 
Strahle des Glückes sich sonnte, war das düstere Verhängnis 
bereits nahe, das 1208 König Philipps verheissungsvollem Le- 
ben durch Mörderhand — in jener traurigen Privatfehde gegen 
Otto von Witteisbach — ein jähes Ende bereitete. 

♦) Manessesche Handschrift genannt nach den Sammlern mittelalter- 
licher Lieder, den beiden Züricher Ratsherrn Rüdiger u. Johannes Manesse. 



I 



i 



— le- 
in der furchtbaren Verwirrung, welche dieser unerwar- 
tete Todesfall über Deutschland brachte, erhoffte Walther Heil 
von dem ehrgeizigen, damals noch tatkräftigen Otto dem 
Weifen. Durch einmütigen Anschluss an den nunmehr ein- 
zigen Thronprätendenten meinte Walther, der Zersplitterung^ 
Deutschlands könne ein Damm gesetzt und den immer küh- 
neren Übergriffen der Kirche gewehrt werden. D i e s e i n z i g , 
nicht das seiner geraden, ehrlichen Natur fremde „Ansehen 
der Person" bewog ihn zum Übergang und kräftig vertritt 
er nunmehr Ottos IV. Rechte gegenüber dem Papste. Als 
aber Ottos Charakter sich gar bald als unzuverlässig erwies :und 
voji Stufe zu Stufe sank, konnte Walther sich nicht länger 
darüber täuschen, dass von diesem Kaiser keine Heilung der 
politischen und religiösen Schäden Deutschlands zu erwarten 
sei ! Darum wandte er — der Letzten einer — sich von dem 
Weifischen Kaiser ab und dem jungen, vielversprechenden 
Hohenstaufen Friedrich II. zu, dem er lebenslang und unter 
den wechselndsten Geschicken treu blieb. 

Das Zeitalter der Hohenstaufen gewinnt erst die rechte 
Färbung, wenn wir es in der Einbildungskraft der Dichtung 
sich widerspiegeln sehen. Namentlich musste sich einem so 
echt deutschen Gemüte, wie dasjenige Walthers, das Leben 
und Streben jener Zeit tief einprägen. In seinen Dichtungen 
bewegt er sich ausschliesslich auf vaterländischem Boden. 
Nicht, wie so mancher seiner Zeitgenossen, hat er seine Kunst 
romanischen Stoffen zugewandt, noch auch aus märchenhaf- 
ten Gebieten geschöpft, sondern sein Interesse ganz der Ge- 
genwart zugewandt und den Stoff für seine Muse dem Leben 
und Sein seines Volkes entnommen. Die Welt im Grossen, wie 
das innere Leben, politische, wie persönliche Verhältnisse, 
stellt er lebendig und wahr dar, gleichsam in seinen eigenen 
Lebenserfahrungen und Betrachtungen die Welt und seine 
Zeit widerspiegelnd. 

Das macht seine Dichtungen zu reinen Quellen des Auf- 
schlusses über jene hochinteressante, durch sieben Jahrhun- 



Urkunden über e 



— 17 — 



derte von der unsrigen getrennte Zeit ; — ein Zeitalter, gleich' 
ruhmvoll, wenn auch minder glücklich, als die erfolggekrönte 
Aera der letzten Dezennien des vorigen Jahrhunderts und 
gleichwohl geistig uns näher geruckt durch die Oleichartig- 
keit der Bestrebungen. — 

Der gewaltige Kampf zwischen Staat und Kirche ward 
von Walther mit innigstem Anteil durchgekämpft. In dem 
zunehmenden Verfalle von Sitte und Recht, wie in der Ver- 
weltlichung der geistlichen Orden, in der Entäusserung der 
Kirche vom wahren Geiste des Christentums, erkennt der 
Dichter Zeichen eines nahen Gerichts. Mächtig tritt seiaie 
patriotische Muse in den Kampf wider päpstliche Anmassung; 
in apostolischem Geiste eifert er gegen Habsucht und Üppig- 
keit des päpstlichen Hofes, gegen Ablasshandel, willkürliche 
Bannsprüche und gegen das ungeistliche Leben des Clerus. 
Ein echt reformatorischer Zug geht durch seine Dichtung der 
reifen Mannesjahre, sowohl betreffs der Kirche, wie des 
Reiches. Seine von männlichem Geiste und sittlicher Kraft 
durchdrungenen Lieder, die nicht nur an Fürstenhöfen und 
auf Ritterburgen gesungen wurden, sondern im ganzen Deut- 
schen Reiche und Volke widerhallten, konnten nicht ohne 
tiefgreifende Wirkung bleiben und mit Recht hat man ihm 
vorreformatorische Bedeutung zugeschrieben. In kraftvoller 
Rede, mit bewundernswertem Freimut, ruft er dem mächtig- 
sten Papste des Mittelalters, Innozenz III., sein: 

„Herr Papst, ich fürchte mich noch nicht" — 
zu und scheut sich nicht, dem Stolzen seine zweideutige 
Handlungsweise vorzuhalten in Worten, wie: 

„Zwei Zungen stehen schlecht in einem Munde." 

Aber im kühnen Kampfe gegen die Gebrechen der Kirche 
bewahrt er lebenslang die schlichte, aufrichtige Frömmigkeit, 
die sich kaum in einem Liede rührender ausspricht, als in 
jenem vermutlich während des Kreuzzugs 1228 — 29 ge- 
dichteten : 

Malapert-Neufville, Walther von der Vogelweide. 2 



- 18 - 

„Nun erst leb' ich ohne Fährde, 
Seit sich meinem Auge weist 
Das heil'ge Land, die heil'ge Erde, 
Die man füglich lobt und preist. 
Mein ist, was ich je erbat: 
Dass ich treten darf den Pfad 
Den der Gottmensch einst betrat." 

In allem tritt uns Walther als edler, kernhafter, deutscher 
Mann entgegen, der nicht seinen eignen Vorteil, sondern 
den des Ganzen im Auge hat, in selbstloser Treue sein eignes 
Geschick den Ereignissen der stürmischen Zeit unterordnet 
und an diejenigen Persönlichkeiten knüpft, von denen er am 
ersten Heil für das Vaterland erhofft. Frei von falschem 
Patriotismus, erkennt keiner die Schäden seines Volkes klarer 
und bekennt sie freimütiger als er. Mit tiefem, sittlichen Ernste 
betont er die Regentenpflichten, insbesondere die Verantwort- 
lichkeit des Re;ichsoberhauptes. Nie trübt die Gunst der 
Machthaber sein schlichtes offenes Urteil. Bei aller Pietät für 
die gottgeordneten Unterschiede der menschlichen Verhältnisse 
und Stände betont er doch kraftvoll die „Gleichheit aller vor 
dem Herrn aller Herren!" Offen spricht er aus, dass 
die wahren Vorzüge die inneren seien: 

„Ihr müsset in die Leute sehen" — 
und: 

„Wir wachsen alT aus gleichem Ding." 

Unter mancherlei Anfechtung und trotz zeitweiser, schwe- 
rer Verkennung, bewahrt dieser edle, reine Charakter sich 
das warme Mitgefühl mit dem Geschicke seines Volkes, wie 
mit den Menschen im einzelnen. Er versteht es, „mit den 
Frohen froh zu sein und mit den Weinenden zu weinen". 
Aber bei aller Weichheit und Wärme der Empfindung eines 
echten Dichtergemütes gilt ihm doch Selbstbeherrschung als 
wichtigste Mannestugend : 



— 19 — 

„Wer schlägt den Löwen, bezwingt den Riesen, 

Wer überwindet jenen und diesen? 

Das tut der, der sich selbst bezwingt." 

Diese Tugend zu üben ward ihm oft im Leben Gelegenheit 
und besonders nach dem tragischen Ende König Philipps. 
Erst mit dem Wiederaufgehen des Sterns der Hohenstaufen 
beginnt eine freundlichere Zeit für den wandermüden Dichter, 
indessen noch kein Ausruhen in einem Eigenbesitz. — Ums 
Jahr 1214 auf kurze Zeit Gast Heinrichs von Medlick am 
Hofe zu Mödling bei Wien und wenig später der des Patri- 
archen von Aquileja, Wolfger von Engelbrechtskirchen, fin- 
den wir den Dichter im Jahre 1216 wieder in Thüringen 
und zwar als Gast des edlen Landgrafen Ludwig, Gemahls 
der hl. Elisabeth, auf der Wartburg. In den Zeiten politischer 
Wirren durch das Doppelkaisertum war Walther viel umher- 
gewandert, zwar überall ein gerngesehener Gast, doch nir- 
gends recht heimisch. Nun, nachdem er den Höhepunkt des 
Lebensalters überschritten, wuchs in ihm die Sehnsucht nach 
Selbständigkeit und einem bescheidenen Eigenbesitz, wo er 
sein wandermüdes Haupt wenigstens zeitweise betten könne. 
Etwa um das Jahr 1220 mag ihm dieser Herzenswunsch er- 
füllt und das kleine Reichslehen zu teil geworden sein, um 
das er Kaiser Friedrich II. in jenem wehmütigen Liede bat: 

„Schirmvogt von Rom, Apuliens König, habt Erbarmen, 
Dass man bei reicher Kunst mich also lässt verarmen; 
Gern möcht' auch ich am eignen Herd erwarmen!" 

Und Friedrich IL, selbst ein idealveranlagter Geist, erhörte 
die Bitte des bewährten Kulturkämpfers und schenkte ihm 
in Anerkennung seiner Verdienste um Volk und Reich ein, 
wahrscheinlich in der Nähe Würzburgs gelegenes, Lehen, 
dessen bescheidener Ertrag den Dichter in den Stand setzte, 
nach langem Wanderleben sich ein Heim zu gründen. Freu- 
dig verkündet er dies in dem Liede: 



— 20 — 

„Ich hab' mein Lehen ! Hör's, o Welt, ich hab' mein Lehen ; 
Nun furcht' ich nicht der Winterstürme Wehen'' usw. 

Obschon Walther, wie aus den Urkunden ersichtlich, öfter 
die Gastfreundschaft der Mächtigen und Besitzenden hatte 
in Anspruch nehmen müssen, bewahrte er doch zu jeder Zeit 
und allen gegenüber seinen Mannesstolz. Rückhaltlos, wenn- 
gleich immer in versöhnlicher Weise und edler Absicht, rügt 
er Schwächen und Gebrechen, auch an Machthabern. Denn 
über allem stand diesem geraden Charakter Wahrheit und 
Recht. Wo seine wohlgemeinte Rede, sein verständiger Rat 
ungehört verhallte, da schüttelt er den Staub von den Füssen 
und wandert weiter, stolz und frei — ein demütiger Knecht 
Gottes, doch niemals der Menschen Knecht; ein unverbrüch- 
lich treuer Diener des angestammten oder freierwählten Ober- 
herrn, doch nie sich zu Schmeichelei erniedrigend ; stets wahr, 
tiefreligiös, ein eifriger Verfechter echtchristlicher Zucht, doch 
unerbittlich gegen die Eingriffe der geistlichen Macht in welt- 
liche Rechte; hoch über persönlichen Vorteil das Wohl des 
Vaterlandes stellend, durchdrungen von der grossartigen Idee 
des deutschen Kaisertums und seiner zivilisatorischen Bedeu- 
tung, voll echter Begeisterung für das Gute, Schöne und 
Wahre, — so offenbart er sich im Leben wie im Dich- 
ten! So ragt er, sittlich, wie dichterisch, hoch über seine 
Zeit empor, im edelsten Sinne des Wortes ein „Charakter"! 
Diese Hoheit und Reinheit der Gesinnung, wie sie sich durch 
seine ganze reiche Dichter- und Kulturkämpferlaufbahn hin- 
durchzieht, spricht sich schlicht und schön in jenem Ge- 
dichte „Am Lebensabend" aus: 

„Lasst mich an meinem Stabe gehen. 
So werb' ich noch um Würdigkeit 
Mit unverzagter Emsigkeit, 
Wie's schon vom Knaben ist geschehen!" 

Wie Walther mit echter Mannestreue zu Kaiser und Reich 



~ 21 -^ 

stand, so wirkte er auch durch Wort und Schrift für den 
Kreuzzug Friedrichs II. Über seine persönliche Teilnahme 
an demselben ist die Forschung nicht völlig im Klaren, doch 
spricht das oben erwähnte Lied dafür. Nach seiner Rückkehr 
scheint der Dichter wieder kurze Zeit am österreichischen Hofe 
zugebracht zu haben, den er jedoch schon um das Jahr 1230, 
nach Leopolds des Olorwürdigen Tode, wieder verliess, um 
sich nun dauernd auf sein Lehen zurückzuziehen, das, in 
unmittelbarer Nähe Würzburgs gelegen, ihn oft mit dieser 
Stadt in Berührung gebracht haben dürfte. Es ist Möglich, 
doch nicht erwiesen, dass der Dichter seine letzten Lebens- 
tage als Kanonikus des, durch den Frankenapostel Kilian be- 
rühmt gewordenen, Kollegiatstiftes zum Neuen Münster ic- 
schlossen habe. Mit Wahrscheinlichkeit ist die Hauptstadt des 
fränkischen Gebietes die Stätte, wo dies edle männliche Herz, 
das hinieden mehr Kampf als Ruhe, mehr Leid als Freude 
erlebt, zum ewigen Frieden eingegangen ist — und zwar 
dürfte dies zwischen 1236 und 37 geschehen sein. 

Soviel über Walthers Lebensgang und Charakter. Was 
nun seine Dichtungen nach Inhalt und Form betrifft, so sei 
zu deren Charakteristik hier nur das Wesentlichste angeführt. 

Sie gliedern sich in rein lyrische — Natur und Liebes- 
poesie — , in politische und religiöse Gedichte, oder 
um eine mittelalterliche, allerdings hier nicht ganz umfassende 
Bezeichnung zur Geltung kommen zu lassen: „in Frauen- 
dienst, Herrendienst und Gottesdienst." Der Mannigfaltigkeit 
des Inhalts entspricht der Reichtum der Form. Auch hier- 
in ähnelt Walther, der bedeutendste Lyriker des Mittelalters, 
dem grössten Lyriker der Neuzeit, Goethe, indem er, gleich 
diesem, zu jedem poetischen Gedanken die entsprechende 
Form, sozusagen „den eigenen Ton" fand. Ganz beson- 
ders gilt dies von seinen frühesten Minneliedern, wo zu den 
„Tönen des Herzens" sich gleichsam von selbst der „Liedes- 
ton" fand. Gleichwohl trägt bei Walther, wie bei Goethe, die 



- 22 — 

Form, trotz der Ursprünglichkeit, den Stempel künstlerischer 
Vollendung. 

Das Gesetz der Dreiteilung, das die mittelalterliche Lyrik 
beherrscht, findet sich, mehr oder minder ausgeprägt, in den 
meisten Liedern Walthers, wenngleich mit grösserer Freiheit 
gehandhabt, als bei den übrigen Minnesängern. Aber für 
ein müssiges Spiel mit Formen, worin jene und noch mehr 
die Lyriker der Verfallszeit sich gefielen, ist Walthers Muse 
zu ernst, zu gedankenreich und zu gediegen. Darum bleibt 
er bei allem Reichtum der Form immer einfach und klar. 
Und zwar hält der Inhalt stets so gleichen Schritt mit dem 
Ausdruck, dass schon der äussere Bau des Gedichtes unge- 
fähr auf dessen Inhalt schliessen lässt. Dem lebensfrischen, 
im Volkston gehaltenen Liede entspricht (z. B. im naiven 
Sang: „Verschwiegenes Glück") die heitere, fast mutwillige 
Weise ; so ungesucht, so herzinnig, so völlig einander deckend. 
Wiederum, wo Walther ernste Ereignisse, wichtige Fragen oder 
bedeutende Persönlichkeiten zum Gegenstande seiner Muse 
wählt, sind seine vollen, gleichsam langgezogenen Töne ent- 
sprechende Träger der Würde des Gegenstandes. Dies gilt 
insbesondere von seinen religiösen Gedichten und von einer 
Anzahl seiner Spruch dichtungen. 

Von der Minne hat Walther einen hohen und reinen Be- 
griff. Ihm ist sie nicht, wie so manchem seiner Sanges- 
genossen, blosser Zeitvertreib, sondern der Antrieb zu allem 
Guten und Tüchtigen. „Der verliert seine Tage," sagt er, 
„dem nie von echter Minne ward weder wohl, noch weh!" 
und „Minne ist aller Tugend Hort; ohne sie wird nim- 
mer ein Herz recht froh!" 

Wie tief und schön bezeichnet jener Spruch das Wesen 
der Minne: 

„Die Minne ist nicht Mann noch Weib; 
Sie ist nicht Seele nur, noch Leib; 
Sie hat auf Erden nicht ihr Bild ; 



~ 23 — 

Ihr Nam' ist kund; sie selbst verhüllt; 
Nur eines wisse, dass noch nie 
In falsches Herze Minne trat 
Und wisse auch, dass ohne sie 
Sich Gottes Huld dir niemals naht." 

Ja, ihm war die Liebe das Kleinod einer keuschen, ideal 
gerichteten Seele! Selbst Gottfried von Strassburg, der ihm 
in dieser Hinsicht nicht ähnlich ist, preist ihn als ^„der Nachti- 
gallen beste, wert, die Führerin der Sängerschar zu sein". — 
Über falsche, unbeständige Minne urteilt der edle Walther 
streng; so z. B. in jener Strophe: „Minne und Unminne." 
Wie hoch ihm der Gegenstand seiner Minne erschien, beweisen 
Aussprüche, wie: „sie entfremde ihm alle andern, nur dass 
er um ihretwillen alle ehren müsse!" Ja — so lange 
deutsche Treue, deutsche Innigkeit der Empfindung lebt, wird 
der Puls keuscher Minne verstanden werden, wie er in jenem 
köstlichen Liede schlägt: 

„Was taugt ein Mann, der nicht begehrt, 
Zu werben um ein reines Weib? 
Und lässt sie ihn auch unerhört, 
Es wertet ihm doch Seel' und Leib! 
Nicht such' er Minne anderswo. 
Wenn er der Einen nur behagt; 
Dann macht die Eine ihn so froh, 
Dass er den andern gern entsagt. 
Daran gedenk' ein rechter Mann: 
Viel Heil und Ehre hängt daran! 
Wer guten Weibes Minne hat, 
Der schämt sich aller Missetat." 

Und würdig reihen sich an solche zarte, innige Herzens- 
töne der „Frauenminne" jene tiefernsten Feierklänge der 
„Gottesminne", wie das erhabene „Lob des Herrn": 

„Der keinen Anfang je gewann, 
Doch allem Anfang geben kann ; 



— 24 — 

Der „schafft, was Ende nimmt, doch selber nie 

wird enden"; 
Der alles hält und trägt in seinen Händen: 
Wer in der Welt war' solchen Ruhmes wert? 
Er steh' voran in meinem Preise! 
Sein Lob erfülle meine Weise! 
Ein selig Lob, das Er begehrt!" 

Über Walthers Liebesleben geben seine Gedichte keinen 
näheren Aufschluss. Allerdings wird ein Name genannt — 
Hildegunde — und es ist nicht unmöglich, dass der Dichter 
nach langer Irrfahrt und vergeblicher Werbung, wenn auch 
spät, noch ein trautes Heim mit einem geliebten Weibe gefun- 
den habe — vielleicht nach Erlangung des ersehnten Lehens — , 
allein wahrscheinlicher ist es, dass er unvermählt blieb. 
Darauf scheint sowohl seine spätere fast ausschliessliche Hin- 
neigung zur „Gottesminne", als auch seine Teilnahme am 
Kreuzzuge 1228 zu deuten, die er in vorgerückten Jahren 
kaum unternommen haben dürfte, wenn er daheim Weib und 
Kind unversorgt zurückgelassen hätte. Gleichwohl berichtet 
die vorerwähnte Urkunde von 1431 von einem ritterlichen 
Geschlechte „derer von der Vogelweide". Bestimmtes lässt 
sich jedoch hierüber nicht ermitteln. 

Obwohl nur Lyriker — es sei denn, dass die ihm 
zuweilen zugeschriebene, nach Art und Charakter aber wohl 
einer späteren Zeit zugehörige Spruchdichtung „Meister Frei- 
danks Bescheidenheit" von ihm herrühre — ist Walther der 
Einzige, welcher der Eintönigkeit und sentimentalen Über- 
weichheit zu entgehen verstand, die mit Recht der Minne- 
dichtung des Mittelalters zum Vorwurf gemacht wird. Und 
wiewohl sein dichterisches Schaffen in die glänzendste Zeit 
mittelhochdeutscher Sangeskunst fällt, ist er es doch allein, 
der, unbeschadet der Innigkeit und Zartheit der Empfindung, 
dem oft spielenden, weichlichen Minnegesang den Stempel 
männlicher Kraft aufzudrücken verstand. In ihm reifte, wie 



— 26 — 

Uhland treffend sagt, die Blüte der Empfindung zur 
Frucht des Gedankens. — 

Dass Walther gelehrte Bildung besass, war auf seine 
spätere Dichtung von entschiedenem Einfluss. Aber sein 
Denken und Fühlen ward dadurch nicht, wie bei manchem 
andern, pedantisch, sondern es erhielt nur reicheren, tieferen 
Inhalt. Ohne sich in trockene Meditation zu verlieren, ist er 
in seinen reiferen Jahren im edelsten Sinne ein philosophi- 
scher Dichter. Ihm schwebte — wie Bouterweck in seiner 
Geschichte der Poesie und Beredsamkeit bezeichnend sagt — 
bei seiner dichterischen Anschauung „das Ganze des 
menschlichen Lebens vor Augen". In all' seinen Dich- 
tungen aber prägt sich sein feines Schönheitsgefühl aus. Neben 
Liedern voll naivem Reiz, im leichten, raschen Tonfall des 
Volksliedes, neben Tönen innerster Herzenspoesie, in denen 
sein eigenstes Liebesleben sich kundgibt, wie neben Gedichten 
voll feierlichen Ernstes in grossartiger, getragener Form, fin- 
den seine geist- und kraftvollen Sprüche voll epigrammati- 
scher Feinheit und Schärfe als ebenbürtige Erzeugnisse seiner 
edlen Muse Platz. 

Im allgemeinen tragen seine Gedichte den Stempel des 
Ernstes und der Welterfahrung. Bedeutsam für seine An- 
schauungsweise ist Jenes Wort: 

„Liessen mich Gedanken frei. 

So wüsst' ich nichts von Ungemach." 

Aber dabei bleibt sein Grundcharakter doch heiter, wie 
jener Ausspruch bezeugt: 

„Ohne Freude taugt der Beste nicht." — 

Wie reich und mannigfach gegliedert die Stufen- 
leiter von Tönen sei, in denen er von der einfachen 
Volksweise zur schwungvollen Königsweise, vom zarten 
Minneliede zum erhabenen Hymnus oder zum reforma- 
torischen Kraftspruch emporsteigt: immer bewahrt er 
in der Einfachheit die Kraft seiner Wirkung. 



— 26 — 

Und so möge Uhlands treffendes Urteil diese Charakte- 
ristik der Dichtung Walthers schön abschliessen : „Unser 
Meister schuf seine Gedichte von innen heraus; eben darum 
die lebendige und wirksame Entfaltung des Gedankens, die 
dem Gedichte seine Selbständigkeit sichert und zugleich seine 
Begrenzung bedingt. Bedarf ja doch das klarste Bild, der 
kräftigste Gedanke, zur vollen Verständlichkeit am wenigsten 
der Ausführlichkeit!" 

So steht Walther vor uns, jeder Zoll ein Dichter — ein 
Deutscher — ein Mann ! — Und so lebt er fort im Liede un- 
ter seinem Volke, nachdem bereits seit fast sieben Jahrhunder- 
ten das Grab sich über seiner sterblichen Hülle geschlossen 
hat. 

Im vom Kreuzgang des neuen Münsters zu Würzburg 
eingeschlossenen Klosterhofe, dem sogenannten „lussamgarten" 
(vom altdeutschen Worte lussam = lustsam, herrührende Be- 
zeichnung) heute Lorenzgarten benannt, unter einer Linde, 
soll die stille, poesievolle Ruhestätte dieses „Sängers von 
Gottes Gnaden" gewesen sein. Von der kindlichen Milde sei- 
ner Gesinnung gab noch sein letzter Wille Zeugnis, nach 
welchem auf seinem Grabsteine den Vögeln, diesen kleinen 
„Poeten des Unbewussten", Futter gestreut werden sollte, 
eine Spende, welche von dem, mehr praktisch als poetisch 
veranlagten, Klostervorstande späterhin in Semmeln für die 
Klosterbrüder verwandelt ward. 

Der bis in die erste Hälfte des vorigen Jahrhunderts 
noch vorhanden gewesene Grabstein trug die etwas schwer- 
fällige Inschrift: 

Pascua qui volucrum vivus, Walthere, fuisti, 
Qui flos eloquii, qui Palladis os, obiisti! 
Ergo quod aureolam probitas tua possit habere, 
Qui legit, hie dicat: „Deus istius miserere!" 

„Der du im Leben, o Walther, der Vöglein Weide ge- 
wesen, 



— 27 



Du, die Blume des Wohllauts, der Weisheit Mund, bist 

gestorben. 

Dass die himmlische Krone dir Redlichem werde er- 
worben, 

„Möge sich Gott dein erbarmen!" — so spreche, wer 

dieses gelesen! 

Die älteste Abschrift dieses Epitaphs, im Pergament- 
manuskripte des Magisters Michael von Löwen, 1350, findet 
sich in der königlichen Universitätsbibliothek zu Würzburg. 
Am 25. August 1843 ward, vom historischen Vereine für Unter- 
franken und Aschaffenburg, am Neumünster zu Würzburg 
dem Dichter ein Denkmal errichtet, das diese Inschrift trägt. 

Im Jahre 1883 hat man den denkwürdigen Kreuzgangs- 
rest wieder aufgedeckt, aber das Grab Walthers ist von der 
Erde verschwunden, der Stein zerfallen. Um die ehrwürdigen 
Räume webt nur die Oberlieferung ihre zarten Schleier, wie 
Longfellow in jenem schönen Verse sagt: 

„Time has long effaoed the inscription 
On the cloisters funeral stones 

And tradition only teils us 
Where repose the poets bones; 

But arround the vast cathedra!, 
By sweet echoes multiplied. 

Still the birds repeat the legend 
And the name of „Vogelweid." 

„Längst schon hat die Klostergräber 
Fortgespült der Zeiten Flut 

Und die Sage nur berichtet. 
Wo des Dichters Asche ruht; 

Aber um die Kathedrale, — 
Süsses Echo alter Zeit — 

Zwitschern Vögel die Legende 
Und den Namen: „Vogelweid." 



— 28 — 

Ob auch der Stein zerfallen, das Grab verschwunden ist, 
das Andenken des Sängers bleibt der Nachwelt als das eines 
der edelsten Söhne der Nation. Eine reiche Literatur hat 
sich, namentlich seit Ludwig Uhland, um diesen seltenen Dich- 
tergeist gewebt, den seine Zeitgenossen durch ehrende Nach- 
rufe bereits als Meister des Sanges priesen. Ulrich von Sin- 
genberg setzte ihm ein Denkmal liebender Verehrung in folgen- 
den Versen : 

„Uns ist unsers sanges meister an diu vart, 
den man e von der vogelweide nande, 

diu uns nach im allen ist vil un verspart, 
waz frumet nü swaz er e der weite erkande? 

stn höher sin ist worden kranc; 
nü wünschen wir ime durch sinen werden höveschen sanc^ 

daz sin der süeze vater nach genäden pflege!" 

„Unsres Sanges Meister trat an die letzte Fahrt, 
Den man eh'mals den „zur Vogelweide" nannte; 

Jene Fahrt, die unser keinem bleibt erspart. 
Was frommt es nun, dass er so klar die Welt erkannte? 

Sein hoher Sinn ist nun erstorben; 
Wir wünschen ihm, des' Sang verdient die Ehrenkrone, 

Dass ihm in Gnaden nun der Himmelsvater lohne !" 

Und wie die Zeitgenossen, so ehrt den edelsten der Minne- 
sänger am Schlüsse des dreizehnten Jahrhunderts Hugo von 
Trimberg in einem schlichten, herzlichen Nachrufe, in welchen 
noch heute jedes für das „Gute, Schöne und Wahre" emp- 
fängliche Gemüt gern einstimmt: 

„Her Walther von der vogelweide, 

S' wer dez vergaez', der taet' mir leide!" 



Das notwendigste über mittelbocböeutscbe 
Busspracbe unb Vershunst« 

K Die Aus9pro(be» 

Das vorliegende Büchlein hat nicht den Zweck eines 
Sprachlehrbuchs, sondern nur den, dem deutschen Volke die 
Dichtungen Walthers von der Vogelweide vertraut zu machen. 
Dennoch ist es für den der mittelhochdeutschen Sprache 
Unkundigen unerlässlich, wenigstens das Wesentlichste über 
Aussprache und Verskunst jener Zeit zu wissen. Dazu sollen 
die folgenden kurzen Bemerkungen dienen. 

Die mittelhochdeutsche Sprache hat kurze und lange 
Vokale. Die ersteren sind die ursprünglichen; aus ihnen 
haben sich die letzteren entwickelt. 

Der lange Vokal hat das doppelte Zeitmass des kurzen, 
ähnlich wie, teilweis bis in die jüngste Zeit, die neuhochdeutsche 
Sprache, die für die Dehnung eines Vokals sich des Doppel- 
vokals oder der Einfügung des h bediente, z. B. Maass, 
Schaar, hehr, Rohr usw. In einigen Fällen, wie in den letzt- 
genannten Worten, dient das h noch als Dehnungszeichen. 
Einfacher wurde die Länge der mittelhochdeutschen Vokale 
durch den Zirkumflex ausgedrückt, z. B. ä, S, t, 6, ü: da, 
söle, rife, s6, du usw. 

Der Umlaut wird durch Verbindung zweier Vokale ge- 
bildet, z. B. : ae: maere; oe: schoene usw. 

Das althochdeutsche 1 und ü ist — letzteres mit Ausnahme 
von du, dessen Aussprache unverändert geblieben, und nü, 
das in nun übergegangen ist — in ei und au verwandelt 



— 30 — 

worden, z. B. bt, frl, wip (bei, frei, Weib), rü, hüs, hüt 
(rauh, Haus, Haut) usw. 

Alle nicht mit Zirkumflex bezeichneten Vokale gelten ge- 
meinhin als kurze, z. B. „sol, vol, schal, got" („soll, voll, 
Schall, Gott") und sind demgemäss auszusprechen. — Weit 
zahlreicher, als im Neuhochdeutschen, waren im Mittelhoch- 
deutschen die Doppellaute, deren, abgesehen von einigen we- 
nig gebräuchlichen, acht zu nennen sind: „ei, ie, eu, 
iu, ou, öu, uo und üe." 

Im Neuhochdeutschen haben sich von diesen Doppel- 
lauten nur drei, ei, eu und „ou" erhalten, das in au um- 
gewandelt ist, z. B. tou (Tau), troum (Traum) usw.; ie wird 
im Neuhochdeutschen zum langen i, u o zum u ; öu zum ä ü ; 
und üe zum ü, z. B. guot, gut, böume. Bäume, güete, Güte 
usw. 

Das mittelhochdeutsche iu geht im Neuhochdeutschen 
teils in eu über, z. B. „triuwe, Treue"; „iuwer, euer"; teils 
in ie, „biuten, bieten"; oder in ü, „triugen, trügen". Das 
iu des bestimmten Artikels „diu" geht in ie, „die" über. 

Besonderer Aufmerksamkeit bedarf die Aussprache des 
ie, da sie eben nicht, wie im Neuhochdeutschen, den Laut 
des gedehnten i, wie in „hier, nie" hat, sondern beide 
Vokale unterschiedlich hören lässt, z. B. ie (immer, 
irgendwann, je). 

Betreffs der Konsonanten besteht zwischen Mittel- und 
Neuhochdeutsch geringerer Unterschied. Eine Eigentümlich- 
keit des ersteren ist, dass bei Worten, die auf p, t oder c im 
Nominativ enden, im Genitiv der stumpfe Laut sich in den 
weichen wandelt, z. B, lip, llbes (Leib, Leibes), eit, 
ei des (Eid, Eides), sanc, sanges (Sang, Sanges); f wan- 
delt sich in v: hof, hoves (Hof, Hofes) usw. 

Betreffs der Aussprache äes h ist zu beobachten, dass'es 
niemals ein bloss graphisches Zeichen ist, das etwa zur 
Dehnung des Vokals benützt würde, wie im Neuhochdeut- 
schen, sondern dass es überall, nicht nur im Anlaute, 



— 31 — 

wie in „haben, halten", sondern auch im Inlaute, vor Vo- 
kalen hörbar ist, wie in sehen, gehen. Vor s und t aber 
nimmt es einen stärkeren Hauchlaut an, der unserm c h ähnelt, 
z. B. reht, niht, wahsen usw. („recht, nicht, wachsen"). 

In betreff der Aussprache des z begegnet man im Mittel- 
hochdeutschen einem zweifachen Laute, was in der Aus- 
sprache zu beobachten ist. Steht das z im Anlaut, z. B. „zart, 
zunge, zwei", so hat es ganz denselben Laut, wie im Neu- 
hochdeutschen, nämlich den des ts. Im Auslaute, sowie in 
Verbindung mit den Konsonanten 1, n, r — z. B. stolz, 
kränz, herze — ähnelt es gleichfalls der neuhochdeutschen; 
Aussprache, nur vielleicht mit etwas gelinderem Laute. Da- 
gegen nimmt es in Worten, wie „weiz, grüezen, groz" 
den Laut eines scharfen s, etwa unsres ß an, und wo es 
doppelt steht, z. B, in „genozzen", gleicht die Aussprache 
der unsres ss. 

Anders verhält es sich mit der Stellung des z in Worten, 
wie daz, ez, diz, wo es den Laut unsres einfachen s an- 
nimmt. 

Noch ist über die Verbindung des s mit 1, m, n und w 
zu bemerken, dass ihre Aussprache eine der Schreibweise 
entsprechende gewesen sein dürfte, ähnlich wie in nieder- 
deutschen Mundarten : s 1 afen, s m ecken, s n idan, s w ach usw., 
an deren Stelle bei uns das seh getreten ist: schlafen, 
schmecken, schneiden, schwach usw. 

Wer sich mit der Lautlehre oder überhaupt mit der alt- 
und mittelhochdeutschen Grammatik eingehend beschäftigen 
will, dem sei der „Abriss althochdeutscher Grammatik von 
Wilhelm Braune (Halle a. S., Max Niemeyer) empfohlen, der 
besonders interessante Zusammenstellungen des Altsächsi- 
schen mit dem Alt- und Mittelhochdeutschen gibt. 



— 82 — 



II« einises Ober Verskunst 5er mittelbo<b6eut9d>en 

Dicbtung. 

A. Rhyfhxnik. 

Zum Verständnis der Lyrik des Mittelalters dürfte eine 
allgemeine Kenntnis des mittelhochdeutschen Versbaues un- 
entbehrlich sein! Bei aufmerksamer Lektüre wird der Leser 
wahrnehmen, dass sich in der mittelhochdeutschen Lyrik be- 
reits die Neigung zu regelmässiger Hebung und Senkung 
kundgibt, während das Epos des Mittelalters den gleich- 
massigen Wechsel betonter und unbetonter Silben nicht be- 
rücksichtigt. 

Die antike Verskunst folgte dem Gesetze der Quan- 
tität. Im Gegensätze hierzu kennt die deutsche Lyrik, und 
.zwar bereits die des Mittelalters, das Gesetz der Qualität. 

Mit vergleichsweise bewundernswerter Genauigkeit be- 
obachtet Walther von der Vogelweide betreffs der Anzahl 
der Versfüsse die Qualität der Silben; es entscheidet hier 
einzig der Ton. — Es ist möglich, dass ein und dieselbe 
Silbe in einer Strophe als betonte, in einer andern als un- 
betonte Silbe betrachtet wird. Hierbei entscheidet einfach die 
Stellung, z. B. in dem Gedichte „Preis weiblicher Tugend", 
wo in zwei aufeinander folgenden Zeilen das Wort „wol" 
einmal als unbetonte (sogenannte kurze) und das andere Mal 
als betonte (sogen, lange) Silbe benützt wird: 

„ich weiz wol, daz die liebe mac 
ein schoene wip gemachen wol." 

Hier ist in der ersten Zeile das Wort „wol" als kurze 
oder besser „unbetonte" Silbe behandelt, weil eine volltö- 
nende Silbe vorausgeht, während in der folgenden 2^ile 
der Akzent voll und ganz auf demselben Worte ruht, 
weil ihm eine tonlose Silbe voransteht. 

Im allgemeinen gilt das Gesetz: den Hauptton auf die 



— 84 — 



B. Der Reim. 

Es erübrigt, noch etwas vom Reime zu sagen. Man unter- 
scheidet im Mittelalter stumpfe und klingende Reime, 
ein . Ausdruck, der durch die Meistersinger eingeführt wurde 
und heutzutage noch hin und wieder für die Bezeichnung 
„männliche und weibliche'' Reime eintritt. Die klingenden 
Reime bestehen meist aus zweisilbigen Worten, deren erste 
Silbe den vollen Ton hat. Daneben kennt man eine Art weib- 
licher Reime, die aus drei Silben bestehen, von denen die erste 
betont, die beiden andern stumm oder schwach betont sind, 
z. B. „Lebende, gebende" usw., oder es wird die zweite Silbe 
mit der dritten verschmolzen, z. B, „nidere in nidre" ge- 
wandelt. 

Stumpfe (männliche) Reime sind Einsilber mit vollem 
Ton, z. B. röt, wtp, munt, tal usw. Sie werden aber 
zuweilen, wenn die erste Silbe eines Endwortes kurz ist, durch 
Verschmelzung zweier Silben gebildet, z. B. im Liede „Ver- 
eitelter Vorsatz", worin das Schlusswort der ersten Zeile gleich- 
sam als Einsilber gedacht wird: 

„Lange swigen des hat' ich gedäht, 

nü muoz ich singen aber als e; 

darzu hänt mich guote Hute bräht" usw. — 

Worte mit stummem „e oder en" am Ende betrachtete 
man als stumpfe Reime, obwohl sie Zweisilber sind, z. B. 
lange — bange, leben — geben usw. 

Sehr viel Wert legte man in der mittelhochdeutschen Dich- 
tung auf Reinheit der Reime. Die Einzel-Vokale und 
Diphthonge müssen vollkommen gleich lauten, eine Regel, 
die von Heinrich von Veldekin und Reinmar dem Alten bis 
auf Konrad von Würzburg, also vom Ende des zwölften bis 
zum Ausgang des dreizehnten Jahrhunderts galt, später aber 
sich verlor und selbst von unsern Dichterheroen in einigen 
ihrer schönsten Poesien nicht beachtet wurden, so z. B. 



— 35 — 

in Goethes lieblichem Liede „Kleine Blumen, kleine Blätter" 
usw. und in Schillers : „Ist der holde Lenz erschienen" usw. 
Gewiss wäre es Pedanterie, die Schönheit einer Dichtung 
um einiger unreiner Reime willen zu bemäkeln, gleichwohl 
ist auch der Wohllaut eines völlig reinen Reimes nicht gering 
zu achten. 

C. Der Versbau. 

Die übliche Form des Minneliedes ist die Dreiteilung, 
d. h. der dreiteilige Strophenbau. 

Die beiden ersten Glieder, formal, wie gedanklich einander 
entsprechend, nannte man „Aufgesang" oder, wie nament- 
lich später, im Meistergesang, Stollen, ein Ausdruck der, 
der Baukunst des Mittelalters entnommen, gewissermassen 
zwei Pfeiler, die einem krönenden Abschluss zur Stütze die- 
nen, bezeichnet. 

Das dritte Glied, der Abgesang, bildet den Abschluss 
des Gedichts. Diese Form tritt mehr oder minder deutlich 
in der Minnedichtung zutage, besonders in Walthers Liedern, 
wie folgendes dartut: 

1. Aufgesang: 
„Wer gab dir, Minne, die Gewalt, 
Dass du so gar gewaltig bist?" 

2. Aufgesang: 

„Du zwingest beide, jung und alt. 

Dafür kann niemandes Macht, noch List! > 

Abgesang: 
Nun lob ich Gott, dass mich dein Band 
Gefesselt hat, da ich zu Recht erkannt. 
Welch wahren Wert dein Dienst verleiht. 
Davon komm' ich nun nimmer — Gnade, Herrin 

Minne ! 
Lass mich dir dienen meine Zeit! 



- » — 

Auch 4». fQleende — ob mit Recht oder Unrecht — , 
Kwnf üetaneh VI. zugeschriebene, jedenfalls, reizvolle und. 
f^msshone MinneUßd^ dürfte ein anschauliches Beispiel für 
diR' foriR der Dr^ülung sein. 

1. Stollen: 

„Ich grüsse mit Oesang die Süsse, 
Die ich nicht meiden kann, noch mag; 

2. Stollen: 

Der idi des Herzens frohe Qrässe 
Wohl bringen möchte- jedien Tag! 

3. Abgesang: 
Wer dieses Lied nun singt von ihr, 
Die ich so schwer vermisse hier, 
Sei's Weib oder Mann, 
Der habe sie gegrüsst von mir! 
Doch ist die Form der Dreiteilung keine bindende, 
vielmehr erfand sich jeder nach seiner Individualität und Be- 
gabung seine eigne Form, oder — \ne man zu sagen pflegte 
— seinen „eignen Ton". Dieser Ausdruck beweist, dass 
die mittelhochdeutsche Lyrik für gesanglichen Vor- 
trag bestimmt war. In der Regel war der Minnesänger Dich- 
ter und Sänger in einer Person. Daher die ausserordent- 
liche Fdlle an „Tönen" im Mittelalter. 

Die unendlich reiche Gestaltung dieser Töne beruht atier 
im ganzen auf dem gleichen dichterischen Grundgesetze, nur 
dass Wort und Weise, in innigem Zusammenhange stehend, 
dieses Grundgesetz mit mehr oder minderer Freiheit hand- 
habten. — In Walther, dem auchformal höchstbegab- 
ten unter den Minnesängern, tritt uns ein Reichtum der Form 
entgegen, der nur in der dichterischen Schönheit und im 
Reichtum seiner Gedanken ein Gegengewicht hat. 

Vor frivolem Spiele mit Formen, vor „Überkünstelung" — 
Abwege, auf welche die ritterliche Dichtkunst und mehr noch 



— 37 — 

die spätere der Meistersinger im Wetteifer der Erfindung 
neuer Töne geriet — bewahrt diesen Dichter von Gottes 
Gnaden seine Feinsinnigkeit und die Hoheit seiner Muse. 
Jene „Überkunst" war es, die späterhin wesentlich zum 
Verfall der Lyrik des Mittelalters beitrug. In der Blutezeit 
aber war diese Dichtung von nicht zu unterschätzendem 
künstlerischen, wie ethischen Werte und durfte von den ritter- 
lichen Vertretern der Minnelyrik im allgemeinen das Wort 
gelten: „Es wächst der Mensch mit seinen Zwecken!'' 



I. Teil 



Ciebeslieöer. 

(Frauenminne.) 



(Vierzig Lieder aus Walthers früherer und späterer Zeit, meist Liebeslieder.) 



— 41 _ 



I. CiebMlIeber. 

1. Frühlingssehnsucht: »Uns hat der Winter". 

2. Traumdeutung: »Da der lichte Sommer". 

3. Frühling und Frauen i »Wenn die Blumen aus dem«. 

4. Liebestraum: »Nehmet, Jungfrau, diesen Kranz*. 

5. Verschwiegenes Qlück: »Unter der Linde«. 

6. Erste Beg^^nung: »Wohl mir der Stunde«. 

7. Freudereiche Zeit: »Dürft' ich noch erleben«. 

8; Wunsch und Gewährung: »Oott g6b* ihr immer«. 

9. Weibes und Mannes üeü: »Mich hat ein woniu^Ucher^. 

10. ;Liebesklage: „Ihrer minniglichen Augen". 

11. .Gegenseitige liebe: ,^Bin ich xlir zuwider?" 

12. Schönheit und Anmut: ,, Herzgeliebtes Mägdelein". 

13. Trost im Liede: „Wer verborgnen Kummer'^ 

14. Freudlose Zeit; „Was soll lieblich Sprechen". . 

15. Der Minna Recht: „Dass ich dich so selten". 

hb. JDik Ai^K^%de6 Htnmsi ,iQbne Freude Uugt der Beste nicht". 

17. Allgewalt der Liebe: „Wer ^ab dir, Minne". 

18. Minne ;und Unminoß: „Wer sagt, dass Minne". 

19. Beseligung durch Liebe: ,.Ein selig Weib". 

20. Edite WcKtschäteungs „Ich weiss wdil, dass die Liebe". 

21. (Geistige Nähe: „Mein lieb ist immerdar". 

22. Frühling m Winter: ,;Ich im nun «o herzlich Iroh". 

23. Preis des Sommers: «,Wie schon die Heide". 

24. Schüchterne Ui^be: „Sagt, ist es übel". 

25. Maienwonne: „Wollt ihr sdiauen". 

26 Liebe ist zwder Herzen Wonne: „Sagt mir jemand, »as ist Misne?* 

27. Liebesglaube: „Mancher fraget, was ich klage". 

28. Sangesfreud^to't: ^Ganzer Freuden waixl". 

29. Vier Wonite; .^Die verzagten aller gulen". 

30. Frauenpreis: „Du süsse Herrin". 

31. Weib oder Frau: „Weib muss immer**. 

32. Wahre Manneszier: „Dem Weibe steht «s wokl*'. 

33. Lob des Weiho: „Was hal die WeH zu ^eben". 

34. Sanges Wioderlwhr : „Die Zweifler sprechen^'. 

35. Ebriicb währt .am längsten : „Wer sich so bewahre". 

36. Selbstzeugnis: „Zwei Vorzug' hab' ich". 

37. Frühlingserinnemng: „Der Reif tut den kleinen VögWn". 

38. Entsagung: „Ich bin nun so selbstlos froh^'. 

d9. Am LebcnsAbend: Du reiaes Weib, du werta* Mann". 

40. Deutschland über alles: Ihr soU«t «prechen; sei willkommen"! 



— 42 _ 



I. 



Cvriscbe Di(btung. 

Frauenminne. 

Ursprünglich bedeutet Lied jede einzelne Gesanges- 
strophe. Bei den ältesten Minnesängern ist diese Art lyrischer 
Dichtung noch vorherrschend. Ihre Lieder bestehen meist 
aus einer einzigen Strophe; so zumeist bei Heinrich von 
Veldektn. Allmählich aber wurden zwei, drei oder mehr gleich- 
gebaute Strophen zu einem zusammenhängenden Ganzen ver- 
bunden. Eine solche Verbindung mehrerer verwandter 
Strophen zu einem Liede nannte man in der alten Sprache 
„diuliet". (Plural.) 

Das Lied war ursprünglich nicht für Rezitation, sondern 
für Gesang gedacht und darum stets im Geleite der Ton- 
kunst. Dies lehrt schon der Ausdruck „T o n'' für die Form 
des Liedes (dön) oder auch „Weise" (wise). Während 
dön die Liedform bezeichnet — das strophische und rhyth- 
mische Mass — ist unter „wtse" die Melodie zu verstehen. 
Zu beiden gesellt sich das „Wort". Unter diesem versteht 
man den Inhalt, das Gedicht selbst. „Wort" und „Weise" 
stehen in innigem Zusammenhang in der mittelhochdeutschen 
Lyrik. 

Die Formen der mittelhochdeutschen Lyrik sind keine 
überlieferten, sondern der Ausdruck der Individualität. Meist 
erfanden die mittelalterlichen Dichter nicht nur den eig- 
nen Ton, sondern auch die Melodie oder „Sangesweise". 
Der Dichter war also Dichter und Sänger in einer Person und 
trug seine Lieder meist selbst vor, und zwar in Begleitung 
eines Saiteninstrumentes, Geige oder Fiedel. Weil Inhalt und 
Vertonung übereinstimmen müssen, so sehen wir die Dichter 
nach neuen Formen ringen und hören sie von „neuen Tö- 
nen" und „neuen Weisen" reden. Daher die Mannigfaltigkeit 
strophischer Formen in der mittelhochdeutschen Lyrik. Was 



— 43 — 

aber diesen Liedern meist gemeinsam ist, das ist die bereits 
erwähnte Dreiteilung. Diese war es, welche die mittel- 
hochdeutsche Lyrik zur Kunst erhob. 

So erkennen wir denn in der mittelhochdeutschen Lyrik 
die unendlich reiche Ausgestaltung ein- und derselben Grund- 
form. Etem Genius des Dichters blieb es vorbehalten, dieser 
sein eignes. Gepräge zii verleihen und .dadurch der Eintönig- 
keit vorzubeugen. Dies ist in hohem Masse das Verdienst 
der Waltherschen Muse. 

Eine besondere Art mittelhochdeutscher Lyrik ist der 
Leich. Der Name stammt von dem gothischen Worte laiks = 
Tanz, und bezieht sich auf rhythmische Bewegungen. Für 
unsem Geschmack haben die Leiche nichts Anmutendes und 
sind uns um so fremdartiger, als die Melodien verlorenge- 
gangen sind, die dazu gehörten. Denn jeder Leich hatte 
seine eigne Weise. Meist wurden sie bei Prozessionen, unter 
rhythmischen, tanzartigen Bewegungen gesungen. Von 
Walther von der Vogelweide kann nur ein Leich als authen- 
tisch angeführt werden und dieser steht an poetischem Werte 
seinen übrigen Gedichten nicht gleich. Das Schematische 
überwiegt das poetische Element; es ist mehr ein orthodoxes 
Glaubensbekenntnis in metrische Form gebracht; immerhin 
unterscheidet sich der Walthersche Leich von denen anderer 
Dichter seiner Zeit durch eine tiefe Frömmigkeit. Weit poeti- 
scher und gleichfalls der Ausdruck wahrer Frömmigkeit sind 
Walthers religiöse Sprüche, die hier in einer besonderen Rubrik 
den weltlichen und politischen angereiht sind. Jedenfalls sind 
sie unsrer Empfindung verwandter, als der Leich des Mittel- 
alters. 



— u — 



I. Tdl. 

Qeöer am i5er frftfeesteii 3eit 

(Frauenminfie.) 



1. 



Fitüfalmgss^insKicfat. 

Uns liät der winter geschadet Qberal: 
beide unde walt die sint beide nü val, 
da manlc stimme vil suoze inne hal. 
saehe ich die megde an der sträze den bal 
werfen, s6 kaeme uns der vögele schal. 

Möhte ich versläfen des winters geztt! 
wache ich die mk, sÖ han ich s!n ntt 
daz sin gewalt ist so breit imd so wlt. 
weiz got, er lät oucfh dem meien den strtt: 
s6 lis' ich bluomen da rtfe nü Ttt. 



Amnerktmg: 

1>ts Versittass dieses OecUdrteä i^ das im 12. Jahrhundert iti ^ler 
Lyrik zuweilen fjfebräuchlfche des Dactylus. Uhland meint» Walther .habe 
hier gewissermassen den Takt des Ball werf ens nachahmen wollen. 



— 45 — 



I. Tdl. 

Cieöer aus 5er friübesteti 3eft 

(Frauenminne.) 



1. 



Frühlingssehnsucht. 

Uns hat der Winter geschädigt überall. 
Heide und Wald, die sind beide nun fahl, 
Da süss ertönte vielstimmiger Hall. 
Sah' ich die Mägdlein erst werfen den Ball, 
Kehrte auch wieder der Vögelein Schall. 

Möcht' ich verschlafen des Winterfrosts Zeit! 
Wach' ich derweilen, so hab' ich dess' Leid, 
Dass er Gewalt übt so weit und so breit. 
Weiss Gott! er lässt doch dem Maien den Streit; 
Dann les' ich Blumen wo's reift jetzt und schneit. 



« 
I 



— 48 — 



2. 

Traumdeutung. 

Dö der sumer komen was, 

und die bluomen durch daz gras 

wünnecliche ensprungen, 

aldä die vögele sungen, 

dar kom ich gegangen 

an einen anger langen, 

da ein lüter brunne enspranc; 

vor dem walde was sin ganc, 

da diu nahtegaie sanc. 

Bi dem brunnen stuont ein boum, 
da getroumde mir ein troum: 
ich was von der sunnen 
gegangen zuo dem brunnen, 
daz diu linde maere 
den küelen schalen baere. 
bi dem brunnen ich gesaz, 
miner swaere ich gar vergaz 
schiere entslief ich umbe daz. 

D6 bedühte mich zehant, 
wie mir dienten elliu lant, 
wie min sele waere 
ze himel äne swaere, 
und der lip hie solle 
gebären swie er wolte. 
däne was mir niht ze w^ 
got der walde's swie'z ergS; 
schoener troum enwart nie me. 

Gerne sliefe ich iemer da 
wan ein unsaeligiu krä 



— 47 — 



2. 



Traumdeutung. 

Da der lichte Sommer kam 
Und die Blumen wonnesam 
Aus dem Gras entsprangen, ^ 
Allwo die Vöglein sangen, 
Da kam ich gegangen 
Auf der Trift, der langen, 
Da ein laut'rer Brunn' entsprang; 
Vor dem Walde war sein Gang 
Wo die Nachtigall noch sang. 

Bei dem Brunnen stand ein Baum; 
Allda träumt' ich einen Traum. 

* 

Ich war aus der Sonnen 
Gegangen zu dem Bronnen, 
Dass die Linde Schatten 
Mir spend' auf weichen Matten 
Als ich bei dem Brunnen sass, 
Aller Schwere ich vergass 
Und im süssen Schlaf genas. 

Es bedünkte mich dabei, 

Dass mir alles dienstbar sei; 

Dass meine Seele wäre 

Im Himmel ohne Schwere; 

Und wie mein Leib sich sollte 

Gebaren, wie er wollte. 

Kaum empfand ich noch ein Weh! 

Gott mög's walten, wie's ergeh; 

Schönrer Traum ward mir kaum je! 

Gerne schlief ich immer da, 

Als — ich weiss nicht, wie's geschah, 



— 48 — 

diu begonde schrien, 
daz alle krä gedien, 
als ich in des gfinne! 
si nam mir michel wunne 
von ir schrien ich erschrac; 
wan daz da niht steines lac, 
s6 waer ez ir suonetac. *) 
Wan ein wunderaltez wtp 
diu getröste mir den Itp. 
die begonde ich eiden 
nü hat si mir bescheiden, 
waz der troum bediute; 
daz merket, wise Hute: 
zwene und einer daz sin dri; 
dannoch seite's mir da bt, 
daz min düme ein vinger st! 



*) suonetac: Sühne - oder jüngsten Tag. 



— 49 — 

Eine Kräh' begann zu schrei'n; 

Alle andern stimmten ein. — 

Mein Wohlsein stören können, 

Wie sollt' ich's ihnen gönnen? 

Wie ich vor dem Schrei'n erschrak I -^ 

Wenn ein Stein zur Hand mir lag, 

Wahrlich — war's ihr letzter Tag! 

Doch ein Weib, das wunderalt, 

Wusste mich zu trösten bald. 

Und versprach, auf ihren Eid, 

Mir zu geben klar Bescheid, 

Was der Traum bedeute. 

Nun merkt es, weise Leute: 

„Zwei und Eines machen Drei" 

Und noch dfeses fügt sie bei, 

„Dass mein Daum' ein Finger sei!" 

Anmerkung: 

Dieses schelmische Lied dürfte eine Verspottung der damals sehr im 
Schwange gehenden Traumdeuterei sein, darum werden hier zwei selbst- 
verständliche Wahrheiten einem alten Wdbe gewissemiassen als Wahr- 
spruch in den Mund gelegt. Alte Weiber und, Krähen galten. im alt- 
deutschen Volksglauben als Zeichen übler Vorbedeutung. 



MaUpert-Nenf Tille, Walther von der Vogelweide. 



— 50 — 



Frühling und Frauen. 

3. 

So die bluomen üz dem grase dringen!, 
same sie lachen gegen der spileden sunnen, 
in einem meien an dem morgen fnio, 

und diu kleinen vogellin wol singent 
in ir besten wtse die sie kunnen, 
waz wünne mac sich da genözen zuo? 

ez ist wol halb ein himelriche. 
suln wir sprechen waz sich deme geliche, 
so sage ich, waz mir dicke baz 

in minen ougen hat getan und taete auch noch, gesaehe 

ich daz. 

Swä ein edeliu schoene frouwe reine 
wol gekleidet unde wol gebunden, 
durch kurzewile zuo vil Hüten gät 

hovelichen hochgemuot, niht eine,*) 
umbesehende ein wenic under stunden: 
alsani der sunne gegen den sternen stät; — 

der meie bringe uns al sin wunder, 
waz ist da so wünnecliches under, 
als ir vil minneclicher lip? 

wir läzen alle bluomen stän und kapfen an **) daz schoene 

wip. 

Nu wol dan, weit ir die wärheit schouwen, 
gen wir zuo des meien höchgezite! 
der ist mit aller siner krefte komen. 

seht an in und seht an werde frouwen, 
wederz ir daz ander überstrite! 
daz bezzer spil, ob ich daz hän genomen? 



•♦ 



•) niht eine: nicht allein. 
) kapfen an: „anschauen''. 



51 — 



Frühling und Frauen. 

8. 

Wenn die Blumen aus dem Grase dringen, 
Gleichsam lächelnd gegen's Spiel der Sonne, 
Morgens früh an einem Maientag, 

Und die kleinen Vöglein lieblich singen 
Ihre besten Weisen, welche Wonne 
Gab' es wohl, die ihr sich gleichen mag? 

Man ist schon halb im Himmelreiche; 
Soll ich sagen, was ich dem vergleiche. 
So sag' ich, was mir wohler doch 
In meinen Augen hat getan und immer tut, erschau' ich's 

noch. 

Stellt euch vor, ein edles Fräulein schreite 
Wohlgekleidet, wohlgeschmückt, vertrauend, 
Unter Freunden bei des Festes Glanz 

Sittig, unter schützendem Geleite — 
Dann und wann ein wenig um sich schauend, 
Gleich der Sonne in der Sterne Kranz; 

Bringt der Mai uns alle seine Wunder, 
Was ist wohl so wonniglich darunter. 
Wie ihr holder, minniglicher Leib? 
Wir lassen all' die Blumen steh'n und schauen auf das 

schöne Weib. 

Nun wohlan! wollt ihr die Wahrheit schauen, 
Geh'n wir zu des Maien Hochzeitsfeste! 
Seht! mit aller Kraft ist er gekommen! 

Schaut auf ihn und schaut auf schöne Frauen, 
Welches dieser beiden sei das Beste! 
Ob ich mir das bessre Teil genommen? 



— 58 — 

6we der mich da welen hieze, 
deich daz eine durch daz ander lieze, 
wie rehte schiere ich danne küre! 

her meie, ir müeset merze sin, 6 ich mine frouwen da 

verfüre. 

Anmerkung: 

Der Dichter zieht hier eine zarte und ritterliche Parallele zwischen 
dem Lenz und den Frauen und sagt «iSo herzerfreuend und lieblich der 
Frühling sei, so werde er doch durch den Reiz einer schönen und edlen 
Frau übertroffen." 

Im Strophenbau dieses Gedichts ist die Form der Dreiteilung klar zu 
erkennen. Kunstvoll, doch leicht und gefallig, reimen die Verse, („Vers 
bedeutet Zeile und „Strophe", was im Sprachgebrauch unsrer Zdt mit 
„Vers'' bezeichnet wird) des ersten Stollens auf die des zweiten. 

Der Abgesang der dritten Strophe hat scheinbar nur weibliche Reime, 
allein das stumme ein »Kürze'' und »verlüre" zählt nicht; die Worte gelten 
als stumpfer Reim. 



— 63 — 

O weh! — wer mich da wählen hiesse, 
Dass ich das eine um das andre liesse — 
Wie schnell war' da mein Teil erkoren! 
Herr Mai, ihr müsst zum Märze werden, eh ich um euch 

die Liebste geb' verloren. 



\ 



— 64 — 



4. 



Liebestraum. 

„Nemt, frouwe, disen kränz," 
also sprach ich z' einer wolgetänen maget; 

,;SÖ zieret ir den tanz 
mit den schoenen bluomen als ir's üfe traget. 

haet' ich vil edele gesteine, 
daz mües' üf iuwer houbet, 
obe ir mir's geloubet 
set mine triuwe, daz ich'z meine! 

Frouwe, ir sit s6 wol getan, 
daz ich iu min chapel gerne geben wil, 

so ich'z aller beste hän. 
wizer unde röter bluomen weiz ich vil. 

die Stent s6 verre in jener heide: 
da si vil schöne entspringent 
und die vögele singent 
da suln wir si brechen beide. 

Si nam daz ich ir bot 
einem kinde vil gelich daz Sre hat; 

ir wangen wurden röt 
same diu rose, da si bi der liljen stät 

do erschamten sich ir liehtiu ougen 
doch neic si mir vil schöne 
daz wart mir ze löne: 
wart mir's Iht mer, daz trage ich tougen. 

Mich dühte daz mir nie 
lieber wurde danne mir ze muote was; 
die bluomen vielen ie 



— 55 — 



4. 



Liebestraum. 

„Nehmet, Jungfrau, diesen Kranz!" 
Also sprach ich zu der holden Magd. 

Seht, so zieret ihr den Tanz 
Mit den schönen Blumen, die ihr tragt. 

Hätt' ich viele edle Steine, 
Schmückt' ich damit euer Haupt. 
Ob ihr mir's wohl glaubt? 
Seht, wie ich's so redlich meine! 

Ihr seid so lieblich anzuschau'n 
Dass mein Kränzlein gern ich geben will; 

Das Beste, was ich habe, traun ! 
Weiss und roter Blumen weiss ich viel, 

Die stehen dicht in jener Heide, 
Wo sie gar schön entspringen 
Und die Vöglein singen: 
Da wollen wir sie brechen beide. 

Sie nahm, was ich ihr bot, 
Einem Kinde gleich, das ehrbar geht; 

Die Wange ward ihr rot. 
Der Rose gleich, die unter Lilien steht. 

Da senkte sie die lichten Augen, 
Doch neigte sie sich schon; 
Das war mir süsser Lohn 
Und mehr noch, wofür Schweigen wohl mag taugen! 

Mich deuchte, dass mir nimmer 
Lieb'res wurde, als ich nun besass! 
Die Blüten fielen immer 



— 66 — 

von den boumen bi uns nider an das gras, 
seht, dö muost' ich von freuden lachen, 
do ich s6 wünnecliche 
was in troume rtche 
do tagete ez unde muoz ich wachen. 

Mir ist, von ir g«chehen, 
daz ich disen sumer allen meiden muoz 

vast' under d' ougen sehen : 
Ithte wirt mir mitiiu: so ist mir sorgen buoz. 

waz obe si get an disem tanze ? 
frouwe, durch iur güete 
rucket üf die hüete: 
6we, gesaehe ich's under kränze! 



AnmerkutiiE : 

Uhland bezeichnet nachstehendes Lied als »Tanzweise", doch ist in 
ihm mehr der Charakter des Liedes, als der eines blossen »Reihens« zu 
erkennen« Die Handschriften bringen die beiden letzten Strophen in 
andrer Reihenfolge, doch scheint die logische Anordnung die von Sim- 
rock aufgestellte zu sein, der auch Frz. Pfeiffer folgt. In den ersten vier 
Strophen spricht der Dichter von einem lieblichen Traume; in der letzten 
Strophe hofft er< das Traumgesicht verwirklicht zu sehen. Dieser Auf- 
fassung der Reihenfolge entspricht die hier eingereihte Dichtung. Lach- 
mann gibt der zweiten Strophe die vierte Stelle, doch schliesst sie sich 
dem Sinne nach genau an die erste Strophe an. 



— 57 — 

Von den Bäumen zu uns in das Gras. 

Da musst' ich schier vor Freuden lachen 
Als mir's so wonneglejch 
Im Traume ward — so reich! 
Da tagt' es — und ich musst' erwachen. 

Mir ist von ihr geschehen, 
Dass ich diesen Sommer jeder Maid 

Sehr genau ins Aug' muss sehen. 
Leicht — wenn ich sie fände, war' vorbei mein Leid l 

Ob sie wohl geht zu diesem Tanze? 
Mägdelein, aus Güte 
Rückt empor die Hüte! 
Ach! dürfte ich sie sehen unter'm Kranze! 



— 58 — 



6. 



Verschwiegenes Glück. 

Under der linden 
an der beide, 
da unser zweier bette was, 

da muget ir vinden 
schöne beide 
gebrochen bluomen unde gras 

vor dem walde in einem tal, 
tandaradei ! 
schöne sanc diu nahtegal. 

Ich kam gegangen 
zuo der ouwe: 
dö was min friedel komen e. 

da wart ich enpfangen, 
here frouwe! 
daz ich bin saelic iemer me. 

kuste er mich? wol tüsentstunt; 
tandaradei ! 
sehet, wie röt mir ist der munt! 

Dö het er gemachet 
also rtche 
von bluomen eine bettestat. 

des wirt noch gelachet 
innecltche 
kumt iemen an daz selbe pfat. 

bi den rösen er wol mac 
tandaradei ! 
merken wä mir'z houbet lac. 



— 69 — 



5. 



Verschwiegenes Glück. 

Unter der Linden 
Auf der Heide, 
Wo ich mit meinem Trauten sass, 

Da mögt ihr finden 
Wie wir beide 
Die Blumen brachen und das Gras. 

Vor dem Wald, in einem Tal, 
Tandaradei ! 
Sang so süss die Nachtigall. 

Ich kam gegangen 
Zu der Aue; 
Mein Trauter harrte meiner dort. 

Da ward ich empfangen. 
Hehre Fraue!*) 
Dass ich nun selig immerfort; 

Küsst' er mich tausendmal zur Stund; 
Tandaradei ! 
O seht, wie rot ist mir der Mund! 

Da hat er bereitet 
Mir eine Stätte 
Von bunten Blumen mancherlei. 

Dess' werd' ich beneidet — 
Wohl! ich wette! 
So jemand wandelt dort vorbei. 

An den Rosen er wohl mag 
Tandaradei ! 
Merken, wo das Haupt mir lag! 



♦) Anrufung der big. Jungfrau. 



— 60 — 

Daz er bl mir laege, 
wesse ez iemen 
(nu enwelle got!) so schämte ich mich! 

wes er mit mir pflaege, 
niemer niemen 
bevinde daz, wan er und ich 

unde ein kleinez vogellin: 
tandaradei ! 
daz mac wol getriuwe sin. 



Anmerkung: 

Dies naive, durch Wohlklang ausgezeichnete Lied legt der Dichter 
Seiner Geliebten in den Mund. Es ist darin ein Ton echter, harmloser 
Volkspoesie. Die erste Zeile jedes Stollens ist dactylisch. 
Pfeiffer gibt dem Licde den Titel »Unter der Linde''* 
Jedenfalls ist es eines der frühesten Lieder Walthers. 



-- 61 — 

Dass er bei mir ruhte — 
Wüsst' es einer — 
Verhüt' es Gott! — so schämt ich mich! 

Wie mich der Oute 
Küsste. — Keiner 
Je wisse dies, als er und ich — 

Und ein kleines Vögelein; 
Tandaradei ! 
Das wird wohl verschwiegen sein ! 



i 



— 62 — 



6. 



Erste Begegnung. 

Wol mich der stunde, daz ich sie erkande, 
diu mir den Itp und den muot hat betwungen, 

Sit deich die sinne so gar an si wände, 
der si mich hat mit ir güete verdrungen! 

daz ich gescheiden von ir niht enkan, 
daz hat ir schoene und ir güete gemachet 
und ihr röter munt, der s6 lieplichen lachet. 

Ich hän den muot und die sinne gewendet 
an die vii reinen, die lieben, die guoten: 

daz müez' uns beiden wol werden volendet 
swes ich getar an ir hulde gemuoten. 

swaz ich ie freuden zer werlde gewan, 
daz hat ir schoene und ir güete gemachet 
und ir roter munt, der so lieplichen lachet. 



Anmerkung: 

Das Versmass ist Dactylus. Die erste Zeile desAbgesangs reimt auf 
die entsprechende der zweiten Strophe. 

Die Orthographie ist eine ziemlich willkürliche; so findet sich z. B. 
in diesem Gedichte, wie in etlichen andern „Mund mit t, während in 
späteren Gedichten das d eintritt Auch fmdet sich lieplich und lieblich, 
wie liep und lieb«. 

Bei Fr. Pfeiffer trägt dieses Lied den Titel «Schönheit und Tugend«, 
doch ist die obige Bezeichnung wohl zutreffender. 



~ 68 — 



6. 



Erste Begegnung. 

Wohl mir der Stunde, da ich sie erkannte, 
Die Leib und Seele ganz mir hat bezwungen, 

Seit ich mein Sinnen also zu ihr wandte. 
Hat sie mit ihrer Güte mich durchdrungen; 

Dass ich nun nimmer von ihr scheiden kann, 
Hat ihre Qüt' und Schönheit nun vollbracht; 
Ihr roter Mund, der mir so lieblich lacht. 

Ich habe Herz und Sinne zugewendet 
Allein der Lieblichen, der Reinen, Outen! 

Es müss' uns beiden werden wohl vollendet, 
So wie ich's darf von ihrer Huld vermuten: 

Was je an Freud' ich auf der Welt gewann, 
Hat ihre Qüt' und Schönheit mir gebracht; 
Ihr roter Mund, der mir so lieblich lacht. 



— 64 



7. 



Preudereiche Zeit. 

(Bei Simrock „Rosenlesen" genannt) 

Miieste ich noch geleben daz ich die rösen 
mit der minnecllchen solde lesen: 

s6 wold' ich mich s6 mit ir erkösen, 
daz wir iemer friunde müesten wesen! 

wurde mir ein kus noch z'einer stunde 
von ir röten munde 
s6 waer ich an freuden wol genesen. 



Anmerkung: 

Dies liebliche Liedchen, das ohne Zweifel der frühen Periode des 
Dichters angehört, findet sein Gegenstück in einem Gedichte aus späterer 
Zeit: »Freudlose Zeit.« Es hat mit diesem den gleichen Rhythmus; nur in 
der Anwendung männlicher Reime in der zweiten , vierten und letzten 
Strophe des späteren Gedichts findet sich ein formaler Unterschied. Wegen 
ihrer Gleichartigkeit in der Form werden die beiden Gedichte von Über- 
setzern zuweilen zusammengestellt. Frz. Pfeiffer bringt sie getrennt, was 
der Zeit nach das richtige ist, da das Lied »Freudlose Zeit" ohne Zweifel 
der Zeit des Verfalles des Reiches unter den Kämpfen der Gegenkaiser 
angehört. Dieser Anschauung schliesst sich die Verfasserin des vorliegen- 
den Buches an. 



Standbild Walthers 



— 65 — 



7. 



Fr^udereiche Zeit. 

Dürft' ich noch erleben, dass ich Rosen 
Mit der Minnigiichen könnte lesen, 

Wollt' ich — ach! so lieblich mit ihr kosen, 
Wie wenn immer ich ihr Freund gewesen. 

Wurde mir ein Kuss ?u jener Stunde 
Von dem holden, •roten Munde, 
Würd' ich durch Freud' von allem Leid genesen. 



Mala per t- Neu fr iUe, Walther ron der Vogelweide. 



— 66 — 



8. 

Wunsch und Gewährung. 

Der Liebende: 

„Got gebe ir iemer guoten tac 
und läze mich sie noch gesehen, 

die 'ch minne und niht erwerben mac. 
mich müet daz ich sie hoefe jehen, 

wie holt sie mir entriuwen waere, 
und saget mir ein ander maere, 
des min herze minnecilchen kumber iidet iemer sit! 
6we, wie süeze ein arebeit! 
ich hän ein senfte unsenftekeit." 

Die Geliebte: 

„Got hat vil wol ze mir getan 
stt ich mit sorgen minnen sol, 

daz ich mich underwunden hän 
dem alle Hute sprechent wol; 

im wart von mir in allen gähen 
ein küssen unde ein umbefähen 
seht, do schoz mir in min herze daz mir iemer nähe lit 
unz ich getuon des er mich bat. 
ich taete'z, wurde mir's diu stat. 



Anmerkung: 

Aus diesem Gedichte spricht deutlich die feine und zarte Anschauung» 
die Walther im Gegensätze zu so manchem andern Sänger seiner Zeit von 
der Liebe zwischen den Geschlechtern hatte. 



67 — 



8. 

Wunsch und Gewährung. 
Der Liebende: 

„Gott geb' ihr immer guten Tag 
Und lasse mich sie wiedersehen 

Die treu ich lieb' und nicht erwerben mag. 
Mich kümmert's, hör' ich sie gestehen, 

Wie hold sie mir in Wahrheit wäre. 
Und sagt mir doch ganz andre Märe, 
Die tief mein Herz versenkt in Liebesleid. 
O weh! welch süsse Qual! 
Ich fühle Wonn' und Weh zumal!" 

Die Geliebte: 

„Gar viel des Guten Gott mir gab, 
Seit ich mit Sorgen lieben soll, 

Dass ich mich unterwunden hab', 
Dem alle Welt gesinnt so wohl, 

In Eile, doch in allen Ehren 

Kuss und Umarmung zu gewähren. 
Die Sehnsucht schoss ins Herz mir, die nicht ruht, 
Bis ich getan, um was er bat! 
Ich tät's wohl noch, wenn sich die Stunde naht! 



— 68 - 



9. 

Weibes und Mannes Heil. 

Ritter: 

„Mich hat ein wünneeclicher wan 
und ouch ein lieber friundes tröst 
in seneclichen kumber bräht; 

sol der mit freude an mir zergän, 
so'n wirde ich's anders niht erlöst, 
ez'n kome als ich mir'z hän gedäht 

umb ir vi! minneclichen l!p, 
diu mir enfremedet alliu wip 
wan daz ich's alle durch sie eren muoz. 
ja enger ich anders lönes niht von ir de keiner, wan ir 

gruoz. 

Frau: 

Mit valschelöser güete lebt 
ein man, der mir wol iemer mac 
gebieten swie und swaz er wil. 

sin staete mir mit freude gebt 
wan ich ouch sin vil schöne enpflac: 
daz kumbt von grözer liebe vil. 

mir ist an ime, des muoz ich jehen, 
ein schoenez wibes heil geschehen, 
diu saelde wird uns beiden schin: 
sin tugent hat ime die besten stat erworben in dem 

herzen min. 

Ritter: 

„Die mine freude hat ein wip 
gemachet staete und ungelöst; 
von schulden al die wile ich lebe. 



— 69 — 



9. 

Weibes und Mannes Heil. 
Ritter: 

Mich hat ein wonniglicher Wahn 
Und eines lieben Trostes Licht 
In sehnsuchtsreiches Leid gebracht; 

Soll mir nun wieder Freude nah'n, 
So werd' erlöst ich anders nicht, 
Es komme denn, wie ich's gedacht: 

Dass sie in Liebe sich mir anvertrau'. 
Die mir entfremdet jede andre Frau, 
Nur dass in ihr ich alle ehren muss; 
Doch fordre ich von keiner Lohn, als einzig ihren Gruss !" 

Frau: 

„Mit unverfälschter Güte lebt 
Ein Mann, der mir gebieten mög' 
Was immer er von mir begehr! 

Sein Lieben mich zum Glück erhebt, 
So wie ich sein in Treue pfleg'. 
Das kommt von rechter Liebe her. 

Mir ist an ihm, ich muss gesteh'n. 
Ein rechtes Weibesheil gescheh'n. 
Dies Glück leiht beiden seinen Schein. 
Sein Wert hat ihm die beste Statt erworben in dem 

Herzen mein! 

Ritter: 

„Ein Weib hat alle Freude mir 
Nun unauflösbar fest gemacht. 
Darum, so lang ich Leben habe 



— 70 — 

genäde suoch ich an ir lip: 
enpfähe ich wünnecltchen trost, 
der mac wol heizen friundes gebe. 

ein mannesheil mir da geschach, 
da si mit rehten triuwen sprach, 
ich müese ir herzen nähe sin 

nu endarf es nieman wunder nemen, lebt äne sorge daz 

herze min." 



Anmerkung: 

Auch dieses Lied enthält eine Wechselrede. Der Liebende erklart, 
dass sein Leid und seine Liebessehnsucht nur im Besitze der Geliebten 
Trost finden könne. Auf ihre Entgegnung, dass sie um seiner Treue und 
Tugend willen ihn erhören wolle, sagt er: nun sei ihm i»Mannes Heil" 
geschehen ; keiner solle sich wundem, wenn er nun „ohne Sorgen lebe''. 

Das Gedicht ist in Jambischem Versmass gehalten. 



— 71 — 

Such' ich nur Glück und Heil bei ihr; 
Für air mein Leid ist Trost gebracht; 

Das ist die rechte Freundesgabe! 

Ein Mannesheil ward mir beschert, 
Da sie in rechter Treue mir gewährt: 
Ich solle nahe ihrem Herzen sein! 
Nun darf es niemand Wunder nehmen, wenn ohne Sorge 

lebt das Herze mein." 



— 72 — 



10. 



Liebesklage. 

Ir vil minneclichen ougen blicke 
rüerent mich alhie, swann' ich sie sihe, 

in min herze: öwfe, soid' ich sie dicke 
sehen, der ich mich für eigen gihe! 

eigenltchen diene ich ir, 
daz sol si vil wol gelouben mir! 

Ich trag* in min herzen eine swaere, 
der ich von ir läzen niht enmac; 

bi der ich vil gerne tougen waere, 
beide, naht und ouch den liehten tac! 

des enmac nü niht gesin, 
ez enwil diu liebe frouwe min. 

Sol ich miner triuwe alsus engelten! 
so'n sol niemer man getrüwen ir! 

si vertrüege michels baz ein schelten 
dann^ ein loben, daz geloubet mir! 

wS, warumbe tuot si daz, 
der min herze treit vil kleinen haz. *) 



*) Im Herzen des Liebenden kämpfen Liebe und QroU! sbex die 
Liebe trägt den Sieg davon. 

Anmerkung: 

Der Wunsch, die Geliebte ganz sein eigen zu nennen und die Klage 
über Sprödigkeit kommt in den frühesten Gedichten Walthers oft vor. Wie 
zumeist in jungen Seelen, wechselt die Stimmung leicht; heute, — wie 
Goethe sagt, — himmelhoch jauchzend, morgen „zum Tode betrübt" — 
und doch — „glücklich allein ist die Seele, die liebt"! 



— 73 — 



10. 



Liebesklage. 

Ihrer minniglichen Augen Blicke 
Rühren, seh' ich sie, mein innerst' Leben. 

Sah' ich öfter doch zu meinem Glücke 
Sie, der ich zu eigen mich gegeben! 

Ganz und einzig dien' ich ihr: 
Das soll sie wohl glauben mir! 

Ja, ich trag' im Herzen eine Schwere, 
Der ich nimmer von ihr lassen mag. 

Weil bei ihr ich, ach! so gerne wäre, 
Beides, Nachts und auch am lichten Tag! 

Doch das darf ja nimmer sein! 
Also will's die liebe Herrin mein. 

Soll ich meine Treue so entgelten. 
Dürfte nie ein Mann vertrauen ihr! 

Ihr gebührte besser wohl ein Schelten, 
Als ein Lobgetön — das glaubet mir! 

Weh' mir! warum tut sie das. 
Der mein Herz doch nie kann tragen Hass? 



74 — 



11. 



Gemeinsame Liebe. 

Bin ich dir unmaere, 
des enweiz ich niht, ich minne dich. 

einez ist mir swaere, 
du sihst bi mir hin und über mich. 

daz solt du vermiden: 
i' ne mac niht erliden 
solhe liebe an' grozen schaden, 
hilf mir tragen! ich hän ze vil geladen! 

Sol daz sin din huote, 
daz din ouge an mich s6 selten siht? 

tuost du mir'z ze guote, 
söne wize ich dir dar umbe niht: 

s6 mit mir daz houbet; 
(daz st dir erloubet) 
und sich nider an minen fuoz, 
s6 du baz enmügest: daz st din gruoz! 

Swanne ich's alle schouwe, 
die mir suln von schulden wol behagen, 
S6 bist dü'z, min frouwe: 
daz mac ich wol äne rOemen sagen. 

edel unde riche 
sind sie sumeliche; 
daz zuo tragent sie höhen muot; 
lihte sint sie bezzer — du bist guot! 

Frouwe, nü versinne 
dich, ob ich dir z'ihte maere st?*) 



•) z' ihte maere: zu etwas angenehm — einigermassen wert. 



— To- 



ll. 



Gemeinsame Liebe. 

Bin ich dir zuwider? 
Ach, ich weiss es nicht! ich liebe dich! 

Eins nur beugt mich nieder: 
Du blickst an mir vorbei und über mich! 

Das sollst du vermeiden, 
Denn ich mag nicht leiden 
Solche Liebe ohne grossen Schaden; 
Hilf mir tragen! ich bin schwer beladen! 

Soll ich's Keuschheit nennen, 
Dass mich selten grüsst der Augen Licht? 

Könnt ich das erkennen, 
Tadeln möcht ich d'rum dich wahrlich nicht! 

Meidest du mein Haupt? — 
Das sei dir erlaubt! 
Blick' herab auf meinen Fuss, 
Wenn du sonst nichts willst! Das sei dein Oruss! 

Wenn ich alle schaue. 
Die mit Recht mir dürften Wohlbehagen, 

Meines Herzens Fraue 
Bist doch du, darf ich ohn' Rühmen sagen. 

Sei auch manche gleich 
Edler wohl und reich ; 
Trüge sie auch hohen Mut, 
War' vielleicht auch besser — du bist gut! 

Mägdlein, nun besinne 
Dich, ob mir dein Herz gewogen sei! 



— 76 — 

eines friundes tninne 
diu ist niht, da enst ein ander bt. 

minne entouc niht eine, 
si sol stn gemeine, 
so gemeine, daz si g^ 
durch zwei herze unde niwet m6! 



Anmerkung : 

Der Dichter betont in diesem naivinnigen Liede, dass Liebe nicht 
einseitig sein dürfe, sondern gemeinsam und zwar so, dass sie beider 
Herzen durchdringe und vereine und nichts und Niemand dazwischen sd. 



— 77 — 

Eines Herzens . Minne 
Taugt nicht, ist das andre nicht dabei! 

Minne taugt nicht einsam; 
Sie soll sein gemeinsam; 
So gemeinsam, dass sie geht 
Durch beider Herzen — nach nichts weiter steht! 



— 78 — 



12. 



Schönheit und Anmut. 

Herzeliebez frouweltn, 
got gebe dir hiute und iemer guot! 

künde ich baz gedenken dtn, 
des haete ich willeclichen muot! 

waz sol ich dir sagen me, 
wan daz dir nieman holder ist dan ich? da von ist mir 

vil we. 

Sie verwtzent mir daz ich 
s6 nidere wende minen sanc. 

daz sie niht versinnent sich, 
was liebe si, des haben undanc. 

sie getraf diu liebe nie; 
die nach dem guote und nach der schoene minnent; we, 

wie minnent die! 

Bi der schoene ist dicke haz: 
zer schoene niemen sf ze gäch! 

liebe tuot dem herzen baz: 
der liebe get diu schoene nach. 

liebe machet schoene wip: 
des'n mac diu schoene niht getuon; sin' machet niemer 

lieben Itp. 

Ich vertrage, als ich vertruoc 
und als ich iemer wil vertragen: 

du bist schoene und hast genuoc; 
waz muogen sie mir da von gesagen? 

swaz sie sagen, ich bin dir holt 
und nim dtn glestn vingerlin für einer küniginne golt ! 



— 79 — 



12. 



Schönheit und Anmut« 

Herzgeliebtes Mägdelein, 
Gebe Gott dir alles Glück und Gut! 

Könnt' ich höhern Preis dir weih'n, 
Willig wäre dazu Herz und Mut! 

Doch was könnt' ich sagen mehr, 
Als dass dir niemand holder ist, als ich ? Sieh, das macht 

das Herz mir schwer! 

Sie verargen mir's, dass ich 
Eine Nied're fand des Sanges wert! 

Die verkennen sicherlich 
Dass die Liebe nur nach Lieb' begehrt. 

Die verstanden Liebe nie. 
Die nach ird'schem Gut und Schönheit minnen ; weh ! — 

wie töricht lieben sie! 

Schönheit lässt das Herz oft leer; 
Schönheit oftmals schon die Treue brach; 

Liebe gilt dem Herzen mehr: 
Treuer Liebe steht die Schönheit nach! 

Liebe macht gar hold ein Weib; 
Das kann blosse Schönheit nimmermehr; sie macht nim- 
mer lieb den Leib. 

Ich ertrag's, wie ich's ertrug 
Und wie ich's auch künftig will ertragen; 

Du bist schön und hast genug; 
Was man immer davon möge sagen, 

Sei's darum! ich bin dir hold! 
Gern nehm' ich dein gläsern Ringelein für aller Königin- 
nen Gold! 



— 80 — 

Hast du triuwe und staetekeit, 
s6 bin ich dtn an' angest gar, 

daz mir iemer herzeleit 
mit dinem willen widervar! 

hast ab du der zweier niht, 
s6 muezest du min niemer werden ! 6w£ danne, ob daz 

geschiht ! 

Anmerkting: 

„Frouweltn bezeichnet die niedere Herkunft. Auf den Vorwurf, dass 
der Dichter seinen Sang einem Mädchen niedem Standes widme, erwidert 
er, Anmut, Treue und Beständigkeit gehe der äusseren Schönheit und 
irdischen Gütern vor. 



iii 

Sil 

ll 






M 



— 81 — 

Hast du Treu' und Stätigkeit, 
O, so bin ich aller Sorgen bar, 

Dass mir je ein Herzeleid 
Deinetwillen, Liebste, widerfahr'! 

Hast du aber beides nicht, 
Müssest nimmer du die meine werden, ob mir's gleich 

das Herze bricht! 



Halapert-Neuf Tille, Walther von der Vogelweide. 6 



- 82 - 



IL Teil. 

0e5er aus spftterer 3eit 

(Abgekfirzt) 



13. 



Trost im Leide. 

Swer verholne sorge trage, 
der gedenke an guotiu wip: er wirt erlöst! 

und gedenke an liebte tage, 
die gedanke wären ie mtn bester tröst. 

gegen den vinstern tagen bän icb not, 
wan daz ich mich ribte nach der beide, 
diu sich schämt vor leide 
so si den walt sibt gruonen, so wirt's iemer röt 

Frouwe, als ich gedenke an dich, 
waz din reiner l!p erweiter tugende pfliget 

so lä stän! du ruerest mich 
mitten an daz herze, da diu liebe liget. 

liep und lieber, des enmein' ich nibt; 
du bist allerliebest, daz ich meine; 
du bist mir alleine 
vor al der weite, frouwe, swaz s6 mir geschibt. 

Anmerkung : 

Der Dichter meint, die Hdde sdiäme sich des winterlichen Anblicks; 
wenn sie den Nadelwald auch im Spätherbst noch grünen sieht, so werde 
sie rot 



— 88 — 



IL Teil. 



Cieöer aus späterer 3eit 



18. 

Trost im Leide. 

Wer verborgnen Kummer trage, 
Denke an ein gutes Weib: Dess' wird er froh, 

Und gedenke lichter Tage. 
Stets zum Trost in tiefem Leide dacht' ich so! 

Wenn die düstern Tage brachten Not, 
Richtet' ich den Weg zur stillen Heide, 
Die sich schämt vor Leide: 
Wenn sie den Wald sieht grünen, wird sie immer rot. 

Liebste, wenn ich denk' an dich. 
Wie dein keuscher Leib der reinsten Tugend pfleget. 

Sei gewiss! du rührst mich 
Mitten an das Herz, das wahre Liebe heget. 

Lieb' und lieber: das genügt mir nicht! 
Du bist's Allerliebste, das ich meine! 
Du bist mir alleine 
Mehr als die ganze Welt, was immer mir gebricht! 

Anmerkung: 

Die Stellung der Reime in diesem Liede, ebenso der Gebrauch des 
Rhythmus, ist willkürlich. 



6 



— 84 



14. 



Freudelose Zeit. 

Waz sol lieplich sprechen, waz sol singen? 
was sol wibes schoene, waz sol guot? 

Sit man nieman siht nach freuden ringen 
Sit man übel äne vorhte tuot, 

Sit man triuwe, milte, zuht und ere 
wil verpflegen sö sSre, 
s6 verzagt an freuden maneges muot. 

Anmerkung : 

Diese Strophe, welche den Verfall der Zucht beklagt, bildet das Gegen- 
stück zu der Strophe »Freudenvolle Zeit«, hat aber den gleichen Rhythmus. 



— 85 - 



14. 



Freudelose Zeit. 

Was soll lieblich Sprechen, was soll Singen ; 
Was soll Weibes Schöne, was soll Gut, 

Seit man niemand sieht nach Freuden ringen, 
Seit man ohne Furcht die Sünde tut? 

Seit man Ehre, Milde, Zucht und Treu' 
Hat verleugnet ohne Scheu, 
So verzagt an Freude Mannes-Mut. 



- 86 — 



16. 



Der Minne Recht. 

Daz ich dich so selten grüeze, 
frouwe, deist an' alle mtne missetät. 

ich wil daz wol zürnen müeze 
liep mit liebe, swa ez von friundes herzen gät. 

trüren unde wesen frö, 
sanfte zürnen, sSre süenen, 
deis der minne reht: diu herzeliebe wil also. 



Anmerkung : 

Bei Lach mann findet sich diese Strophe mit mehreren in der Form 
ähnlichen zusammengestellt, doch fehlt jeder innere Zusammenhang. 



— 87 — 



15. 



Der Minne Recht. 

Dass ich dich so selten grfisse, 
Herrin, das geschieht ohn' Missetat! 

Ich meine, dass auch zürnen müsse 
Lieb' mit Liebe, wenn sie Treu' zum Grunde hat. 

Trauern — wieder werden froh — 
Sanftes Zürnen, zartes Sühnen: 
Das ist der Minne Recht; die Liebe will es so! 



Die Augen des Herzens.*) 

Sit daz nieman äne freude touc, 
s6 wolt' ouch ich vil gerne freude hän 

von der mir min herze nie gelouc, 
ez ensagte mir ir güete ie sunder wän. 

swenne ez diu ougen sante dar, 
seht, s6 brähten's im diu maere, 
daz es fuor in Sprüngen gar. 

I'n weiz niht wol wie'z dar umt>e si; 
si'n gesach min ouge lange nie 

sint ir mtnes herzen ougen bl, 
s6 daz ich an' ougen sihe sie? 

da ist doch ein wunder an geschehen : 
•wer gap im, daz sunder ougen 
deiz sie z'aller zit mac sehen? 

Welt ir wizzen waz diu ougen sm, 
da mit ich si sjhe durch eliiu lant? 

ez sint die gedanke des herzen min 
die da sehent durch mflre und ouch durch want. 

hüeten swie sie dunke guot 
so sehent si doch mit vollen ougen 
herze, wille und al der muot. 



— 89 — 



16. 



Die Augen des Herzens. 

Ohne Freude taugt der Beste nicht; 
Darum möcht' ich gerne Freude haben 

Von ihr, da mein Herz nur Wahrheit spricht^ 
Wie's auch preise ihrer Güte Gaben. 

Wenn mein Auge nach ihr späht, 
Seht, so bringt es frohe Märe, 
Dass mein Herz in Sprüngen geht. 

Weiss ich selbst doch nicht, wie es geschieht. 
Wenn mein Auge lange sie nicht sähe, 

Dass es ohne Blick sie dennoch sieht. 
Sind ihr meines Herzens Augen nahe? 

Hier ist Wunder wohl gescheh'n! 
Wer verlieh ihm, ohne Augen 
Sie zu jeder Zeit zu seh'n? 

Wollt ihr wissen, was die Augen sei'n, 
Die da schauen weithin übers Land? 

Die Gedanken tief im Herzen mein. 
Die da seh'n 'durch Mauer und durch Wand. 

Hut' ich sie auch noch so gut, 
Seh'n sie doch mit offnen Augen 
Herz und Wille, Sinn und Mut. 



— 90 — 

Wirde ich iemer ein s6 saelic man, 
daz si mich an ougen sehen sol? 

siht si mich in ir gedanken an, 
s6 vergütet si mir mtne wol. 

minen willen gelte mir,*) 
sende mir ir guoten willen: 
mtnen den hab' iemer ir. 



*) »mtnen willen gelte mir' »sie vergelte mir meinen guten 
Willen«. 

Anmerkung: 

Das Lied ist um die Anfangsstrophe gekürzt, weil diese nur in losem 
Zusammenhange zum Gedankengange der übrigen steht. Der Dichter 
legt dar, dass nur wer Frauen liebe besitze, wisse, was rechte Freude sei 
und dass ohne diese Niemand tauge. So oft er die Augen zu denen der 
Geliebten erhebt, künden sie ihm Freude. Aber nicht mit den leiblichen, 
sondern mit den Augen des Herzens schaut er sie überall und fände sich 
reich belohnt, wenn auch sie ihn so sähe! 



— 91 — 

Würd' ich jemals solch ein sel'ger Mann, 
Dass auch sie mich ohne Augen sah', 

Schaute sie mich in Gedanken an, 
Wüsst' ich nicht, was Lieb'res mir geschah'. 

Meine Lieb' dann lohnt sie mir, 
Zeigt auch sie mir guten Willen; 
Meine Liebe ist doch stets bei ihr! 



— 92 — 



17. 



Allgewalt der Liebe. 

Wer gap dir, minne, den gewalt, 
daz du doch s6 gewaltic bist? 

du twingest beide, junc und alt: 
da für kan nieman keinen list. 

nü lobe ich got sit diniu bant 
mich sulen twingen, deich s6 rehte hän erkant, 
wä dienest werdecltchen lit. 

da vone kume ich niemer: gnäde küniginne, lä mich 

dir leben mlne zlt! 



— 93 — 



17. 



Allgewalt der Liebe. 

Wer gab dir, Minne, die Gewalt, 
Dass du so gar allmächtig bist? 

Du zwingest beide, jung und alt; 
Dagegen hilft niemandes List. 

Nun lob' ich Qott, seit mich dein Band 
So fest umschliesst, dass ich so recht erkannt. 
Was dieser Dienst für Würde leiht. 
Davon lass ich nun nimmer! Herrin Minne, lass mich 

dir dienen meine Zeit! 



— 94 — 



18. 



Minne und Unminne. 

Swer gibt daz minne sünde si, 
der sol sich e bedenken wol! 

ir wonl vil manic ere bi, 
der man durch reht geniezen sol, 

Und volget michel staete und darzuo saelekeit. 
das iemer ieman missetuot, daz ist ir leit! 
die valschen minne mein' ich niht; diu möhte unminne 

heizen baz: 
der wil ich iemer sin gehaz! 



— 96 



18. 



Minne und Unminne. 

Wer sagt, dass Minne Sünde sei, 
Der mag sich des' bedenken wohl! 

Ihr wohnt gar manche Ehre bei 
Die man mit Recht geniessen soll! 

Ihr folgt Beständigkeit und damit Seligkeit. 
Dass jemand Übels tu', geschähe ihr zu Leid! 
Nicht falsche Lieb' mein' ich — die soll Unminne 

heissen ! 
Sie hass' ich — echte Lieb' nur will ich preisen. 



— 96 — 



19. 



Beseligung durch Liebe. 

(Abgekürzt.) 

Er saelic man, sie saelic wip, 
der herze ein ander sint mit triuwen bi! 

ich wil, daz ir beider 11p 
getiuret unde in höher wirde sl! 

vil saelic sin ir jar und al ir zit! 
er ist ouch saelic sunder strit, 
der nimt ir tugende rehte war, 
s6 daz ez in sin herze get. 
ein saelic wip, diu sich verstet 
diu sende ouch guoten willen dar. 

Sich waenet maneger wol begen, 
s6 daz er guoten wiben niht enlebe: 

der töre kan sich niht versten, 
waz ez im freude und ganzer wirde gebe. 

dem lihtgemuoten, dem ist iemer wol 
mit lihten dingen, als ez sol: 
swer wirde unde freude erwerben wil, 
der diene guoten wibes gruoz; 
swen si mit willen grüezen muoz, 
der hat mit freuden wirde vil. 



Anmedcung: 

Auch in diesem Liede wird betont, dass die Seligkeit für Mann und 
^eib in wahrer, gemeinsamer Liebe bestehe und dass wahres Lebensglück 
•ohne sie nicht erreichbar sei ! 



— 97 — 



19. 



Beseligung durch Liebe. 

Ein selig Weib, ein sel'ger Mann, 
Die ein getreues Herz einander weih'n. 

Gewiss, sie werden beide dann 
Nur werter und voll höhrer Würde sein. 

Beglückt sind sie all' ihre Lebenszeit, 
Der wählt das Rechte, sonder Streit, 
Der Weibes Tugend recht nimmt wahr. 
So dass sie ihm zu Herzen geht. 
Ein selig Weib, das dies versteht 
Und Gegenlieb' ihm bringet dar. 

Es ist wohl mancher, der verschmäht. 
Nach guten Weibes Liebe je zu streben; 

Der Törichte, der nicht versteht, 
Was dies ihm könnt' an Freud' und Würde geben! 

Ein leichter Sinn nur hat genug 
An eftlen Dingen, die voll Trug. 
Wer Würd' und Freud' erwerben will, 
Gewinne edlen Weibes Grüss! 
Wen sie in Ehren grüssen muss. 
Der hat der Freud' und Würde viel! 



Mal arert-NenfyiUe, Walther ron der Vogelweide. 



— 98 — 



20. 

Echte Wertschätzung. 
(Abgekürzt.) 

Ich weiz wol daz diu liebe mac 
ein schoene wlp gemachen wol, 

jedoch swelch wip ie tugende pflac, 
daz ist diu, der man wünschen sol. 

diu liebe stSt der schoene bt 
baz dan gesteine dem golde tuot: 

nü jehet, waz danne bezzer st, 
hänt disiu beide rehten muot? 

sie hoehent mannes werdekeit: 
swer ouch die süezen arebeit 

durch sie ze rehte kan getragen, 
der mac von herzeliebe sagen. 

Waz sol ein man, der niht engert 
gewerbes umbe ein reine wip? 

si laze in iemer ungewert; 
ez tiuret doch wol sinen lip. 

er tuo durch einer willen s6 
daz er den andern wol behage: 

s6 tuot in ouch diu eine frö, 
ob im diu ander gar versage! 

dar an gedenke ein saelic man: 
da Iit vil saelde und eren an; 

swer guotes wlbes minne hat, 
der schämt sich aller missetat. 

Anmerkung : 

Der Dichter betont auch in diesem Liede, dass die Krone der Schön- 
heit die Tugend sei! Ein Mann, der um ein reines Weib wirbt, erhöht 
den eigenen Wert, selbst wenn seine Bewerbung unerhört bliebe. 



99 — 



20. 



Echte Wertschätzung. 

Ich weiss wohl, dass die Liebe hegt 
Ein schönes Weib und hält es wert; 

Doch welches Weib der Tugend pflegt, 
Die ist's, die edler Mann begehrt. 

Die Lieb' erhöht der Schönheit Schein 
Wie edler Stein dem Golde tut; 

Doch sagt mir, was kann schöner sein. 
Paart sich mit beiden edler Mut? 

Das steigert echten A4annes Wert, 
Der solchen Weibes Lieb' begehrt. 

Wer Liebesmühen weiss zu tragen, 
Der mag von Herzensliebe sagen. 

Was taugt ein Mann, der nicht begehrt 
Zu werben um ein reines Weib? 

Und lässt sie ihn auch unerhört. 
Es wertet ihm doch Seel' und Leib! 

Um Einer willen leb' er so, 
Dass er den andern auch behagt: 

Dann macht die Eine ihn so froh, 
Dass er den andern gern entsagt. 

Daran gedenk' ein rechter Mann; 
Viel Heil und Ehre liegt daran! 

Wer guten Weibes Liebe hat. 
Der schämt sich aller Missetat! 



7» 



— 100 — 



21. 



Geistige Nähe. 

Mtn frouwe ist underwilent hie. 
s6 guot ist si, als ich des waene, wol, 

wan ich mich schiet von ir noch nie. 
ist daz ein minne d' andern suochen sol, 

s6 wirt si vil dicke eilende 
mit gedanken, alse ich bin. 
min lip ist hie, s6 wont bi ir min sin : 
der wil von ir niht, dest ein ende, 
nü wolde ich, der ir taete guote war, 
und min dar under niht vergaeze; 
was hilfet! tuon ich d' ougen zuo, 
s6 sehent sie durchs herze gar. 



Anmerkung : 

Das Lied ist ein Anklang an das „Schauen im Geiste", wie es ähn^ 
lieh im Gedichte „die Augen des Herzens" ausgedrückt war, doch mit 
einem Anfluge von Humor. Der Dichter möchte über dem Gedanken an 
die Geliebte sich selbst nicht vergessen, doch es gelingt ihm nicht- 



— 101 



21. 



Geistige Nähe. 

Mein Lieb' ist immerdar bei mir; 
So gut ist sie, als ich es wähne, wohl — 

Der niemals noch sich schied von ihr. 
Ist's denn, dass eine Lieb' die andre suchen soll, 

So krankt sie wohl in fernen Landen 
An Sehnsuchtsweh, wie ich es bin! 
Mein Leib ist hier, doch weilt bei ihr mein Sinn ; 
Der lässt von ihr nicht, bleibt in ihren Banden. 
Nun wollt' ich, ihrer treulich nehmend wahr, 
Doch mein darüber nicht vergessen! 
Was hilft's? — tu' ich die Augen zu, 
So sehen sie durchs Herze gar. 



F^Ohling im Winter. 

Ich bin nfl so rehte frö 
daz ich vi) schiere wunder tuon beginne. 

lihte ez sich gefüegel so, 
daz ich ervirbe miner frouwen minne: 

seht, s6 stigent mir die anne 
wol höher danne der sunnen schin ; genäde, küniginne ! 

Ich ensah die guoten nie 
so dicke noch, daz ich des iht verbaere. 

mime spülen d' ougen ie; 
der kalte winler was mir gar unmaoe : 

ander liute dühte er swaere; 
mir was die wTle als ich enmitten in dem maien waere! 

Disen wünneclichen sanc 
hän ich gesungen miner frouwen z' 6ren. 

des sol sie mir wissen danc, 
van ich wil iemer durch si freude m€ren 

wol mac » mm herze seren : 
waz danne? ob si mir leide tuot? si macez wol verk&'en. 

Daz enkunde nieman mir 
geraten, daz ich schiede von dem wäne. 

kerte ich minen muot von ir, 
wi funde ich denne eine ais6 wolgetäne? 

diu s6 waere valsches Sne? 
s' ist schoener unde baz gelobet denne El^e und 
]äne. 



— 103 — 



22. 



Frühling im Winter. 

Ich bin nun so herzlich froh, 
Dass ich schier des Wunders viel beginne. 

Leicht wohl fügt es sich noch so, 
Dass ich erwerbe meiner Liebsten Minne. 

Seht, dann stiege wohl mein Sinn 
Höher als der Sonne Schein! sei huldreich, Königin! 

Nie, das hab' ich oft gefühlt. 
Könnt' mein Aug' dem ihren ja begegnen,' 

Dass es nicht in Freude spielt! 
Den kalten Winter selbst mocht' ich wohl isegnen. 

Andre freilich mocht' er plagen. 
Mir ward wohl, wie mitten in des Maien Tagen. , 

Diesen freudevollen Sang 
Hab' ich gesungen meinem Lieb' zu Ehren. 

Wenn ich erst den Lohn errang, 
Will ich für sie noch manche Freude mehren. 

Wohl mag sie mein Herz versehren; 
Was gilt's? ob sie mir Leides tut — sie kann's „in 

Freude kehren". 

Dazu dürfte niemand mir 
Raten, dass ich von ihr scheiden sollte! 

Kehrt' ich meinen Sinn von ihr 
Sagt, wo fand' ich eine solche Holde, 

Die so nichts von Falschheit ahne? 
Schöner ist sie, mehr zu preisen als Helena und Diane. 



— 104 — 

Hoerä, Walther, wie's mir stat; 
min trutgeselk von der vogelwlde 

helfe suoche ich unde rät: 
diu wolgetane tuot mir vi! ze leide. 

Kunden wir gesingen beide, 
deich mit ir müeste bluomen brechen an der liebten 

beide. ♦) 

Anmckinig: 

Bd Fr. Pfeiffer findet sich dies Lied unter dem Titd ,,L]ebessd]gkeit". 
Die fünfte Strophe fehlt in der Pfeifferschen Ausgabe. Man hat an der 
Echtheit des Oedidits gezweifelt, w^en der Anrede : „Höre Walther, pp- 
dodi mag dieser Ansnif vielmehr dn Sdierz sdn, hinter dem Walther 
sidi verbergen wollte!" 

*) Die Anführung von hdlenischer Mythologie könnte allerdings Zwdfel 
an der Echthdt des Oedidiies erregen, da derglddien sich sonst nirgends 
in den Oediditeii Walthers findet, indessen nehmen die meisten Germanisten 
es als echt an; audi enthalten die letzten Strophen echt Walthersdie 
Töne. D. V. 



— 105 — 

Höre, Walther, wie mir's geht! 
Mein Trautgeselle von der Vogel weide. 

Hilfe such' ich, Einen, der mir rät! 
Die Anmutreiche tut mir viel zu leide! 

Könnten wir noch singen beide. 
Miteinander Blumen brechen auf der lichten Heide! 



— 106 — 



23. 



Preis des Sommers. 

Swie wol der beide ir manicvaltiu varwe stat 
s6 wil ich doch dem walde jehen 

daz er vil mßre wünnecltcher dinge hat; 
nodi ist dem velde baz geschehen 

s6 wol dir, sumer, sus getaner emzekeit! 
sumer, daz ich jemer lobe dlne tage, 
m!n tröst, s6 troeste ouch mine klage: 
ich sage dir, waz mir wirret : diu mir ist liep, der bin ich leit ! 

Ich enmac der guoten niht vergezzen, noch en3oI, 
diu mir s6 vil gedanke nimet. 

die wile ich singe, wil ich vinden iemer wol 
ein niuwe lop daz ir gezimet. 

nü habe ir diz für guot (s6 lobe ich danne me); 
ez tuot in den ougen wol, daz man sie siht, 
und daz man ir vil tugende giht, 
daz tuot wol in den ören ! s6 wol dir des ! s6 wS mir, w6 ! 



— 107 — 



23. 



Preis des Sommers. 

Wie schön die Heide prangt im bunten Farbenspiel! 
Und dennoch muss ich zugestehen: 

Der Wald hat wonniglicher Dinge viel 
Und auch das Feld ist hold zu sehen. 

O wohl dir, Sommer! solcher Emsigkeit 
Sei Lob und Preis an jedem neuen Tage! 
Mein Trost! so stille nun auch meine Klage: 
Dir sag' ich, was mich quält: die lieb mir ist, der bin 

ich leid! 

Ich mag vergessen nicht, die ich doch meiden soll, 
Die all mein Denken mir entführt! 

Dieweil ich singe, ist mein Herz so voll 
Von neuem Lob, das ihr gebührt. 

Sie nehm' es gütig auf! Dass sie die Liebe sah'! 
Es tut den Augen wohl, wenn man sie sieht! 
Dass ihrer Tugend Ehre viel geschieht, 
Das tut den Ohren wohl! — Wohl dir — doch weh mir 

— weh! 



108 — 



24. 

Schüchterne Liebe. 

(Auch »die stockende Rede« genannt.) 

Weder ist ez üebel oder ist ez guot, 
daz ich min leit verhelen kan? 

man siht mich dicke wolgemuot; 
s6 trüret manic ander man, 

der minen schaden halben nie gewan. 
s6 gebäre ich aber dem geliche, 
als ich si höher freuden riche. 
nü müeze es got gefüegen s6 
daz ich iedoch von wären schulden werde frö! 

Wie kumet daz ich s6 manegem man 
von stner not geholfen hän 

Sit ich mich selben niht enkan 
getroesten, mich entriege ein wän? 

ich minne ein wip, diu 'st guot und wol getan: 
diu lät mich aller rede beginnen, 
i'n kan ab endes niht gewinnen, 
dar umbe waere ich nü verzaget 
wan daz s' ein wenic lachet, s6 si mir versaget. 

Si sehe daz s' innen sich bewar! 
si schinet uzen freuden rieh. 

daz 's an den siten iht irre var 
s6 wart nie wip s6 minneclich 

s6 'st et ir lop vil frouwen lobes entwich; 
ist nach ir wirde gefurrieret 
diu schoene, diu sie uzen zieret, 
kan ich ir denne gedienen iht 
des wirt bi solhen eren ungelönet niht. 



— 109 — 



24. 
Schüchterne Liebe. 

(Die stockende Rede.) 

Sagt, ist es übel oder gut, 
Dass ich mein Leid verhehlen kann? 

Man sieht mich immer wohlgemut. 
Es trauert mancher andre Mann 

Der meines Leides Hälfte nur gewann. 
Und dennoch schein' ich denen gleich, 
Die aller Lust und Freude reich. 
Nun wolle Gott es fügen so 
Dass ich in Wahrheit werde froh! 

Wie kommt's, dass ich so manchem Mann 
In solchen Nöten Trost gewährt 

Und nun mich selbst nicht trösten kann, 
Wenn mich kein holder Wahn betört? 

Ich lieb' ein Weib, so gut, so hochgeehrt, 
Die lässt mich Rede oft beginnen. 
Doch kann kein Ende ich gewinnen; 
Darüber war' ich längst verzagt. 
Wenn sie nicht schelmisch lacht', indem sie mir versagt. 

Wenn sie nur innen sich bewahrt! 
Von aussen scheint sie freudenreich. 

Und wie sich's ziemt ist ihre Art. 
So kommt an Huld ihr keine gleich. 

Der andern Lob wird neben ihrem bleich. 
Wenn man nun auch im Innern spüret 
Die Schönheit, die sie aussen zieret. 
Dann dien' ich ohne Wanken ihr, 
Und ist sie's also wert, so dankt sie's mir. 



— 110 — 

Swie noch min freude an zwivel stat, 
den mir diu guote mac vil wol 

gebüezen, ob si 's willen hat, 
so 'n ruoche ich, was ich kumbers dol. 

si fraget mich des nieman fragen sol, 
wie lange ich welle an ir beliben: 
si 'st iemer m6r vor allen wtben 
ein wemder tröst ze freuden mir. 
nfi müeze mir geschehen als ich geloube an ir. 

Genuoge kunnen deste baz 
gereden, daz si bi liebe sint: 

Swie dicke ich ir noch bi gesaz, 
so wesse ich minner danne ein kint 

Und wart an allen minen sinnen blint. 
des waer ich anderswä betoeret: 
dis' ist ein wip diu niht gehoeret, 
und guoten willen kan gesehen, 
den hän ich, s6 mir iemer müeze liep geschehen. 



Anmerkung : 

Dies naive Lied ist so recht dem Charakter Walthers entsprechend, 
dessen Liebe zuweilen etwas weiblich Zartes in sich hat. 



— 111 — 

Ob noch mein Glück in Zweifel liegt, 
Den mir die Gute doch gar wohl, 

Wenn sie den Willen hat, besiegt, 
So bin ich aller Freude voll. 

Sie fragt mich, was mich niemand fragen soll, 
Wie lang' ich ihr wohl dienen werde. 
Von allen Frauen auf der Erde 
Ist sie nur Trost und Freude mir. 
Nun möge mir gescheh'n, wie ich geglaubt von ihr. 

Gar manche reden um so mehr, 
Wenn sie bei der Geliebten sind. 

Mir wird's in ihrer Nähe schwer, 
Als wiss' ich minder, denn ein Kind, 

Und war' an allen Sinnen blind. 
Dess' würd' ich anderswo betöret. 
Sie ist ein Weib, das nicht nur höret, 
Die guten Willen mag versteh'n: 
Den hab' ich auch, so wahr mir Liebes soll gescheh'n, 



112 — 



86. 

Maienwonne. 

Mugct ir schouwen, waz dem meien 
Wunders ist beschert? 

seht an pfaffen, seht an leien, 
wie daz ailez vert. 

gröz ist sin gewalt: 
i'ne weiz obe er zouber künne: 
swar er vert mit siner wünne, 
dan ist nieman alt. 

Uns wil schiere wol gelingen 
wir suln sin gemeit; 

tanzen, lachen unde singen 
äne dörperheit. 

we! wer waere unfrö, 
Sit diu vogellin also schöne 
singent in ir besten döne; 
tuon wir ouch also! 

Wol dir, meie, wie du scheidest 
alles äne haz! 

wie wol du die boume kleidest 
und die heide baz! 

diu hat varwe me; 
du bist kurzer, ich bin langer: 
also stritent's üf dem anger, 
bluomen unde kle. 

Scheidet, frouwe, mich von sorgen! 
liebet mir die zit, 

oder ich muoz an freuden borgen, 
daz ir saelic sit! 



Tafel mit Grabschrift Walthers von der Vogelweide am Neumünster zu Würzburg. 



113 



25. 



Maienwonne. 

Wollt ihr schauen, was dem Maien 
Wunders ist beschert? 

Seht die Pfaffen, seht die Laien — 
Wie das alles fährt! 

Gross ist Mai's Gewalt! 
Ob er Zauber wohl ersonnen? 
Wo er kommt mit seinen Wonnen, 
Da ist niemand alt! 

Uns wird alles wohl gelingen 
In des Maien Zeit; 

Lasst uns tanzen, lachen, singen. 
Doch mit Züchtigkeit! 

Sprecht: wer war' nicht froh, 
Da die Vöglein also schöne 
Singen ihre besten Töne, 
Tun wir auch also! 

Wohl dir, Mai, wo du entscheidest. 
Endet aller Streit! 

Wie du schön die Bäume kleidest 
Und die Heide weit! 

War sie bunter je? 
Halme sprossen, kurz' und langer. 
Wie im Wettstreit, auf dem Anger; 
Blumen auch und Klee. 

Löset, Herrin, mich von Sorgen; 
Macht mir lieb die Zeit! 

Oder muss ich Freud' erborgen, 
Wo Ihr selig seid? — 

Malap ert-NeufviUe, Walther von der Vogfelweide. js 



— 114 — 

muget ir umbe sehen? 
sich freut al diu weit gemeine; 
möhte mir von iu ein kleine 
freudeltn geschehen! 



Anmerkung: 

Das Gedicht ist hier um zwei Verse gekürzt, die einen herben Ton 
in das naive Lied bringen und in Gegensatz zu der naiven Bitte „um eine 
kleine Freude" stehen. D. V. 



— 116 — 

Mögt Ihr um Euch sehen! 
Schaut die Lust, die allgemeine! 
Möchte mir auch eine kleine 
Freud' durch Euch geschehen! 



8* 



— 116 — 



26. 



Liebe iöt zweier Herzen Wonne. 

Saget mir jeman, waz ist minne? 
weiz ich des ein teil, s6 wiste ich's gerne me. 

swer sich rehte nü versinne, 
der berihte mich, von win si tuot s6 we? 

minne ist minne, tuot si wol: 
tuot si we, so enheizet si nfht rehte minne; 
sus enweiz ich, wie si danne heizen sol. 

Obe ich rehte raten künne, 
swaz diu minne si, so sprechet denne „ja!" 

minne ist zweier herzen wünne; 
teilent si geliche, so ist diu minne da. 

sol ab ungeteilet sin, 
so enkan's ein herze alleine niht enthalden. 
6we, woldest du mir helfen, frouwe min! 

Anmerkung : 

Auch in diesem schlichten, innigen Liede betont Walther, dass die 
Uebe nur beglückend ist, wenn gegenseitig; unerwiderte üebe könne 
das Herz nicht ertragen. 



— 117 — 



26. 



Liebe ist zweier Herzen Wonne. 

Sagt mir jemand: was ist Minne? 
Weiss ich dess' ein Teil, so wüsst' ich gern noch mehr! 

Wer dies recht gefasst zu Sinne, 
Der berichte mich, warum sie schmerzt so sehr! 

Minn' ist Minne, tut sie wohl! 
Tut sie weh, so ist's nicht rechte Minne; 
Weiss nicht, wie ich dann sie nennen soll! 

Hab' ich Recht mit dem Bescheide 
Was die Liebe sei, so saget „Ja!" 

Lieb' ist zweier Herzen Freude; 
Fühlen beide gleich, so ist die Liebe da! 

Soll sie nur vereinzelt sein, , 

So vermag ein Herz sie nicht zu tragen. 
O so wollest du mir helfen, Liebste mein! 



27. 



Liebesglaube. 

Maneger fraget waz ich klage 
unde gibt des einen, daz ez iht von herzen g§. 

der verliuset stnc tage, 
wand' im wart von rehter liebe weder wol nocK we. 

des ist sin geloube kranc: 
swer gedaehte waz diu minne brachte, 

der vertrüege mlnen satic. 

Minne ist ein gemeinez wort 
und doch ungemeine mit den werken: dSst als6: 

minne ist aller saelden hort; 
Ine minne wirdet niemer herze rehte fr6. 

stt ich den gelouljen hän, 
frouwe minne, freut euch mir die sinne; 

mich müet, sol mtn tröst zergin. 

Min gedinge ist, der ich bin 
holt mit rehten triuwen daz s' ouch mir daz selbe si! 

triuget dar an mich min sin 
so ist minem wäne leider Ißtzel freuden bt! 

neinä herrel si 'st s6 guot; 
swenne ir güete erkennet mtn gemüete, 

daz si mir daz beste tuot. 

Wiste si den willen mtn 
liebes unde guotes des wurd' ich von ir gewert! 
wie möht' aber daz nü sin, 
man valscher minne mit s6 süezen worten gert. 
daz ein wip niht wizzen mac, 
ii sie meine? disiu not alleine 
tuot mir manegen swaeren tac. 



— 119 — 

27. 
Liebesglaube. 

Mancher fraget, was ich klage, 
Meinend, dass mir's nicht von Herzen geh'. 

Der verlieret seine Tage, 
Dem von wahrer Lieb' ward weder wohl, noch weh! 

Dessen Glaube ist noch krank! 
Wer gedächte was die Minne brächte. 

Der verstünde meinen Sang. 

Lieb' ist ein bekanntes Wort — 
Selten doch dem Wesen nach erkannt. 

Lieb' ist alles Glückes Hort. 
Ohne Lieb' kein Herz noch Freude fand. 

Seit ich diesen Glauben habe, 
Süsse Minne, freust du mir die Sinne; 

Mich betrübt's, entziehst du deine Gabe. 

Meine Hoffnung steht dahin, 
Dass sie, der ich dien', auch hold mir sei! 

Trügt mein Hoffen mich hierin, 
O, dann wär's mit meinem Glück vorbei! 

Nein, o Herr! sie ist so gut — 
Wenn erst ihre Güte kennet mein Gemüte — 

Dass sie mir das Beste tut! 

Wüsste sie die Treue mein. 
Lieb' und Gutes würde mir von ihr gewährt! 

Aber ach! wie mag das sein. 
Seit man falsche Lieb' in schönes Wort verkehrt, 

Dass ein Weib nicht wissen mag, 
Wer sie meine!*) diese Not alleine 

Schafft mir manchen schweren Tag. 



*) meinen bedeutet hier wahrhaft lieben. 



— 190 — 

0er diu wlp alr^rst betrouc, 
der hat beide, an mannen unde an wiben missevam. 

i'n weiz waz diu liebe touc; 
Sit sich friunt gein friunde niht vor valsche kau bewarn. 

frouwe, daz ir saelic s!t, 
lät mit hulden mich den g^oz verschulden, 

der an friundes herzen Itt. 

Anmerkung : 

Auch in diesem Liede spricht sich die edle Anschauung Valthers von 
der Liebe zwischen Mann und Weib aus. Falsche Liebe verurteilt er 
streng, indem er sagt; .Wer zuerst ein Weib Ijctrog, hat« an beiden Oe- 
schlechlem schwer gesündigt'. 



— 121 — 

Der zuerst ein Weib betrog, 
Hat an Mann und Weib gar schlimm verfahren! 

Was taugt Liebe noch, die log? 
Kann der Freund sich nicht vor Freundes Arg be- 
wahren ? 

Herrin, dass die Lieb' Euch frommt, 
Wollt in Ehren mir den Qruss gewähren. 

Der aus Freundes Herzen kommt! 



122 — 



28. 



Sangesfreudigkeit. 

Ganzer freuden wart mir nie so wol ze muote: 
mir 'st geboten daz ich singen muoz. 

saelic si diu mir daz wol verste ze guote! 
mich mant singen ir vil werder gruoz. 

diu min iemer hat gewalt, 
diu mac mir wol trüren wenden 

unde senden freude manicvalt. 

Giht daz got, daz mir noch wol an ir gelinget, 
seht, s6 waere ich iemer mere fr6! 

diu mir beide, herze und lip ze freuden twinget 
mich betwanc nie me kein wip also! 

e was mir gar unbekant 
daz diu minne twingen solde 

swie si wolde, unz ich'z an ir bevant. 

Süeze minne, sit nach diner süezen lere 
mich ein wip also betwungen hat, 

bite sie, daz s' ir wiplich güete gegen mir kere, 
so mac miner sorgen werden rät. 

durch ir liehten ougen schin 
wert ich also wol enpfangen; 

gar zergangen was daz trüren min. 

Mich freut iemer daz ich also guotem wtbe 
dienen sol üf minneclichen danc. 

mit dem tröste ich dicke trüren mir vertribe 
unde wirt min ungemüete kranc; 

endet sich min ungemach 
so weiz ich von währheit danne 

daz nie manne an liebe baz geschach. 



123 



28. 



Sangesfreudigkeit. 

Freudevoller ward mir nie zu Mute; 
Mich erfasst es, dass ich singen muss! 

Selig sei, die mir dies tat zu gute, 
Denn zu singen mahnt* ihr werter Oruss. 

Sie, die über mich Gewalt 
Immer hat, mag wohl mein Trauern wenden 
Und mir senden Freude mannigfalt! 

Fügt es Gott, dass mir's noch wohl gelinge. 
Seht, so würd' ich all' mein Lebtag froh! 

Die mir Herz und Sinn zur Freude zwinget, 
Niemals noch bezwang ein Weib mich so! 

Früher war mir unbekannt, 
Dass die Liebe zwingen sollte 
Wie sie wollte, bis ich's nun an ihr befand. 

Süsse Minne, seit nach deiner holden Lehre 
Also mich ein Weib bezwungen hat, 

Bitte sie, dass sie sich gütig zu mir kehre: 
So mag meiner Sorgen werden Rat; 

Denn der Augen lichter Schein 
Hält mich also wohl umfangen; 
Ganz zergangen ist das Trauern mein. 

Immer freut mich's, dass ich solchem guten Weibe 
Dienen darf um minniglichen Lohn! 

Das ist Trost, womit ich all mein Leid vertreibe; 
Air mein Unmut ist verschwunden schon. 

Endet so sich meine Not, 
So darf ich in Wahrheit sagen, 
Dass in Erdentagen niemand reichre Liebe bot! 



124 



Minne, wunder kan din güete, liebe, machen 
und din twingen swenden freuden vil: 

wan du lerest leit uz spiln'den ougen lachen 
swä du meren wilt din wunderspil 

du kanst freuderlchen muot 
s6 verworrenliche verkeren, 

daz din seren sanfte unsanfte tuot. 



— 126 — 

Minne, deine Huld kann Wunderdinge machen 
Und dein Zwingen spendet Freuden viel; 

Tränen schimmern wohl durch heller Augen Lachen, 
Wo du mehren willst dein Wunderspiel. 

Du kannst freudevollen Mut 
So verwirren und verkehren, 
Dass dein Versehren wohl zugleich und wehe tut. 



Vier Worte. 

Die verzagten aller guoten dinge, 
waenent, daz ich mit in st verzaget, 

ich hän tröst, daz mir noch freude bringe 
der ich mtnen kumber hin geklaget, 

obe mir liep von der geschiht, 
so enruoche ich wes ein boeser gibt. 

NJt, den wil ich iemer gerne liden, 
frouwe, da seit du mir helfen zuo, 

daz sie mich von schulden müezen niden, 
s6 mtn liep in herzeleide tuo. 

schaffe, daz ich frö geste, 
so 'st mir wol und ist tn iemer w&. 

Friundin unde frouwe in einer waete 
wolde ich an dir einer gerne sehen, 

ob ez mir s6 rehte sanfte taete, 
alse mir min herze hat verjehen. 

friundin dast ein süezez wort 
doch s6 tiuret frouwe unz an daz ort. 

Frouwe, ich wil mit höhen hüten schallen, 
werdent diu zwei wort mit willen mir! 

s6 liz ouch dir zwei von mir gevallen, 
daz s' ein keiser küme gaebe dir: 

friunt und geselle diu sin din; 
s6 si friundin unde frouwe min ! 

Anmerkung: 

Mit den vier Worten vill der Dichter die Unterschiede zvischen 
Freundin und Frau, Freund und Oemahlin klarlegen. 



127 — 



29. 



Vier Worte. 

Wenn verzagen aller guten Dinge, 
Andre, wähnend, dass auch ich verzagt, 

Hab' ich Trost, dass mir noch Freude bringe^ 
Sie, der meinen Kummer ich geklagt. 

Wenn mir ihre Liebe stärkt den Mut, 
So vergab ich, was ein Böser tut. 

Neid, den will ich immer gern erleiden. 
Liebste, mir zu helfen liabe acht, 

Dass mein Glück sie billig mögen neiden, 
Und mein Lieben andern Kummer macht. 

Schaffe, dass ich froh gesteh': 
„Mir ist wohl, schafft's jenen gleichwohl Weh! 



Ui 



Frau und Freundin — diese möcht' ich gerne 
Noch in dir in schöner Einheit seh'n. 

Ob ich wohl die Wonne kennen lerne? 
Kaum wagt es mein Herz, sich's zu gesteh'n. 

Freundin ist ein süsses Wort, 
Aber Frau bleibt teuer immerfort. 

Herrin, hoch soll dir mein Lied erschallen, 
Schenkst du die zwei Worte willig mir! 

Lass auch dir nun zwei von mir gefallen, 
Wie sie kaum ein Kaiser gäbe dir! 

Freund, Gemahl will ich dir sein; 
Sei du Freundin und Gemahlin mein! 



i 



— 128 — 



30. 

Frauenpreis. 

Vil süeze frouwe, hochgelopt mit reiner güete 
din kiuscher lip glt wunneberndes höhgemüete. 
din munt ist roeter danne ein liehtiu rose in toues flüete. 
50t hat gehoehet und gehöret reine frouwen, 
<laz man in wol sol sprechen unde dienen z' aller zit. 
der werlte hört mit minneclichen freuden lit 
-an in; ir lop is lüter und klär; man sol si sohouwen! 
füer' trüren und füer ungemüete ist niht s6 guot, 
als an ze sehen ein schoene frouwen wol gemuot, 
56 si uz herzensgrunde ir friunde ein lieplich lachen tuot. 



— 129 - 



30. 

Frauenpreis. 

Du süsse Herrin, hochgelobt, voll reiner Güte, 
Dein keuscher Anblick weckt mir Wonne im Qemüte. 
Dein Mund ist röter, denn im Tau die Rosenblüte. 
Gott hat erhöhet und geehret reine Frauen 
TDass man sie halte wert und ihnen dienen soll; 
Des Lebens Hort und wonniglicher Freuden voll 
Sind sie; d'rum soll mit Ehrfurcht man sie schauen. 
Denn Leid und Trauer wird durch nichts so sanft gestillt, 
Als durch ein holdes Weib, das edel, mild. 
Aus Herzensgrund dem Freund zu lächeln ist gewillt. 



Anmerkung: 

Nicht mit voller Sicherheit ist dieses Lied Walthem zuzusprechen. 
Simrock hält es für echt, bei Pfeiffer fehlt es. Gleichwohl entspricht es 
dem Charakter Walthers und ist mit dem folgenden innerlich verwandt. 



Malapert-Neafrinie, Walther ron der Vogelweide. 9 



— 130 — 



81. 



Weib oder Frau. 

Wtp muoz iemer sin der wlbe höhste name 
und tiuret baz dan frouwe, als ich'z erkenne, 
swä nu deheiniu sl, diu sich ir wlpheit schäme, 
diu merke disen sanc und kiese denne: 

under frouwen sint unwip. 
under wiben sint sie tiure. 
wibes name und wfbes lip 
die sint beide vil gehiure. 
swie'z umb' alle frouwen var, 
wip sint alle frouwen gar. 
zwivellop daz hoenet, 
als under wilen frouwe. 
wlp, dSst ein name der s' alle kroenet. 



Anmerkung: 

Walther betont in diesem Liede, dass der Name Frau nur den zu- 
fälligen Vorrang der Geburt, der Name Weib hingegen das innere 
Wesen bedeute. 



— 131 — 



81. 

Weib oder Frau. 

„Weib" muss stets der Frauen höchster Name sein, 
Der mehr als „Frau" sie, dünkt mich, ziert und kleidet. 

Wenn etwa Eine meint, es klinge „Weib" nicht fein. 
Die merk' auf meinen Sang, eh' sie entscheidet: 

„Unter Frau'n gibt's manch „Unweib" 
Unter Weibern gibt es keine! 
Weibes Name, Weibes Leib 
Ist voll Zartheit und voll Reine! 
Wie's auch stehe um die Frauen all', 
Weiber sind die Frauen allzumal. 
Zweifellob, das höhnet, 
Wie zuweilen auch der Name „Frau". 
„Weib", das ist ein Name, der sie alle krönet." 



9 



— 132 — 



32. 



Wahre Manneszier. 

An wtbe lobe stöt wol, daz man sie heize schoene; 
manne stet ez ubel, ez ist ze wich und ofte hoene. 
käene und milte und daz er dar zuo staete st, 
s6 ist gas vil gelobet; den zwei'n stöt wol daz dritte bl. 
vTil ez iu niht versmähen, so wil ich'z iuch l§ren 
wie wir loben suln und niht unSren: 
ir müezet in die Hute sehen, weit ir s' erkennen wol! 
nieman üzen nach der varwe loben sol. 
vil manic möre ist innen tugende vol. 
we, wie wtz der herzen sint, der sie wil umbekßren. 



133 — 



82. 



Wahre Manneszier. 

Dem Weibe steht es wohl, lobt man die äussre Schöne, 
Dem Mann steht's übel, denn es klingt als ob's ihn höhne. 
Kühn sei er, mild, beständig auch dabei; 
Das ist des Lobs genug! Gar wohl klingt diese Drei! 
Wollt ihr es nicht verschmähn, so will ich es euch lehren, 
Wie man recht loben soll, nicht in Unehren: 
Ihr müsst ins Inn're sehn, wollt ihr's erkennen wohl ! 
Nur nach dem äussern Schein niemand urteilen soll! 
Manch rauher Mann ist innrer Tugend voll! 
Wer Herzen prüfen will, muss sich nach innen kehren! 



134 — 



33. 

Lob des Weibes. 

Waz hat diu werlt ze gebenne liebers danne ein wtp, 
daz ein senede herze gefröwen müge? 

waz stiuret baz ze lebenne danne ir werder Itp? 
i'ne weiz niht daz ze freuden höher tüge, 

denne swä ein w!p von herzen meinet 
den, der ir wol lebt ze lobe, 
da ist ganzer tröst mit freuden underleinet; 
disen dingen hat diu werlt niht dinges obe. 



Anmerkung: 

Das Lied ist abgekürzt. 



— 186 — 



33. 



Lob des Weibes. 

Was hat die Welt zu geben Liebres, denn ein Weib, 
Daran ein sehnend Herz sich recht erfreuen möchte? 

Was hebt die Lebenskraft ; was stärkt so Seel' als Leib ? 
Ich wüsste nichts, das höh're Freude brächte! 

Denn wenn ein Weib so recht von Herzen meinet 
Den. der ihr lebt zu Lob und Ehre, 
Dann ist mit Freuden ganzer Trost vereinet; 
Die Welt hat nichts, was dem zu gleichen wäre. 



— I.W — 



34. 



Sanges Wiederkehr. 

(Abgekürzt.) 

Die zwivelaere sprechen!, ez si allez tot 
und lebe nü nieman der iht singe ! 

nü mugen sie doch bedenken die gemeinen not; 
wie al diu werlt mit sorgen ringe. 

kumt sanges tac, man hocret singen unde sagen 
„man kan noch wunder!" 
ich hÄrte ein kleine vogellln daz selbe klagen, 
(daz töt sich under) 
„ich singe niht, ez welle tagen." 



Anmerkung: 

Diese Strophe bekundet Waithers Kindersinn , der auch in schweren 
Zeiten an der Hoffnung festhält. 

Die letzte Strophe ist echt im Charakter Walthers, der Kindersinn und 
frohen Glauben selbst in den schwersten Zeiten bewahrte. 



— 137 — 



34. 

Sanges Wiederkehr. 

Die Zweifler sprechen, es sei alles tot 
Und niemand lebe mehr, der singet! 

Bedächten sie die allgemeine Not, 
Wie alle Welt mit Sorgen ringet! 

Kommt bessre Zeit, hört man wohl singen — sagen: 
„Es gibt noch Wunder!" 
Ich hört' ein kleines Vögelein dasselbe klagen; 
Das duckt sich unter: 
„Ich singe nicht, eh's wieder wolle tagen !" 



— 188 — 



36. 
Ehrlich währt am längsten. 

(Abgekürzt.) 

Swer sich s6 behaltet, 
daz im nieman niht gesprechen mac, 

wünnecliche er altet: 
im enwirret niht ein halber tac. 

des ist frö, swenn' er ze tanze gät, 
der herze üf ere stat: 
we im, des sin geselle unßre hat. 

Man sol iemer fragen 
von dem man, wie'z umb sin herze stfi: 

swen des wil betragen 
der enrouchet, wie diu zit zergS. 

maneger schinet vor den fremden guot 
und hat doch valschen muot. 
wol im ze hove, der heime rehte tuot. 



Anmerkung : 

Das |Lied erscheint hier unter Weglassung des ersten Verses, weil 
dieser zum Hauptgedanken, nämlich dass, wer in Ehren altert, jung und 
frisch im Herzen bleibt, nur in losem Zusammenhange ?teht Walthers 
Charakter und Lebensmoral spiegeln die hier angeführten Verse War 
wieder. 



— 139 — 



35. 



Ehrlich währt am längsten. 

Wer sich so bewahre, 
. Dass ihn niemand Übels zeihen mag, 

Trägt die Flucht der Jahre 
. Ungebeugt und fröhlich, Tag für Tag. 
Froh, wie Einer, der zum Reihen geht, 
Ist der Sinn, der stets auf Ehre steht. 
Wehe dem, der Unrecht hat gesät! 

Man soll immer fragen 
Bei dem Menschen, wie's ums Herze steh'. 

Wer dies kann vertragen. 
Den bekümmert's nicht, wie auch die Zeit vergeh'. 

Mancher scheint wohl vor den Fremden gut 
Und hat dennoch keinen Edelmut. 
Wohl ihm draussen, der daheim das Rechte 

tut! > 



— 140 — 



36. 

Selbstzeugnis. 
(Bei Pfeiffer »Gute Lebensart.«') 

Zwo fuoge hän ich doch, wie ungefüege ich st; 
der hän ich mich von kinde her vereinet: 

ich bin den frön bescheidentlicher freude bl 
und lache ungerne, swä man bi mir weinet. 

durch die Hute bin ich frö, 
durch die Hute wil ich sorgen. 

ist mir anders danne also, 
was dar umbe? ich wil doch borgen. 

swie sie sint, s6 wil ich sin 
daz sie niht verdrieze min. 
manegem ist unmaere, 
swaz einem andern werre: 
der st ouch bi den Hüten swaere. 



Anmerkung: 

Abgekürzt, weil die folgenden Verse nur in losem Zusammenhang 
mit dem Grundgedanken des Gedichts stehen. 



— 141 — 



36. 



Selbstzeugnis. 

Zwei Vorzug' hab' ich doch, wie ungefüg' ich sei; 
Die hab' von Kind auf ich in mir vereinet: 

Mit Frohen wohn' ich gern bescheidner Freude bei 
Und lache ungern, wenn ein andrer weinet. 

Mit den Leuten bin ich froh; 
Mit den Leuten will ich klagen; 

Ist mir's nicht zumute so — 
Sei's darum! ich will nicht fragen! 

Wie sie sind, nehm' ich sie an, 
Dass sie nichts verdriessen kann. 
Mancher lebt in Freuden 
Bei des Nächsten Leiden. 
Solche Menschen soll ein Guter meiden. 



— 142 — 



37. 



Frühlingserinnerungen. 

Der rife tet den kleinen vogelen w6, 
daz sie niht ensungen. 

nü hörte ich s' aber wünnecltche als e; 
nfi ist diu heide entsprungen. 

da sach ich bluomen striten wider den kle 
weder ir lenger waere. 
miner frouwen seite ich disiu maere. 

Uns hat der winter kalt und ander not 
vil getan ze leide. 

ich wände daz ich iemer bluomen röt 
saehe an grüener heide. 

joch schäte ez guoten liuten, waere ich tot, 
die nach freude rungen 
und ie gerne tanzten unde sprungen. 

Versümde ich disen wünneclichen tac, 
s6 waere ich verwäzen, 

unde waere an freude ein angestlicher slac, 
da nach so müeze ich läzen 

al mtne freude, der ich wilent pflac. 
got gesegn' iuch alle! 
wünschet noch, daz mir ein heil gevalle! 



Anmerkung : 

Ein Lied aus Walthers späterem Leben, voll sanfter Wehmut in Er- 
innerung glücklicher Zeit und gleichwohl mit einem Anflug neuer Lebens- 
lust, wahrscheinlich nach überstandener Krankheit gedichtet. 



— 143 — 



37. 

Frühlingserinnerungen. 

Der Reif tat den kleinen Vögelein weh, 
Dass sie nicht mehr sangen. 

Nun hör' ich sie wonniglicher, als je; 
Nun steht die Heide in Prangen. 

Da blüh'n um die Wette Blumen und Klee — 
Wer wohl am längsten wäre. 
Meiner Liebsten sagt' ich die Märe. 

Uns hat die Winterskält' und andre Not 
Viel getan zu Leide! 

Ich wähnte, dass ich nimmer Blumen rot 
Sähe auf grüner Heide. 

Doch tät's den Outen leid, war' ich nun tot — 
Die nach Freude ringen, 
Oem im Tanze fröhlich sind und springen. 

Versäumt' ich diesen wonniglichen Tag, 
So müsst' ich fast erblassen! 

Wär's für die Frohen nicht ein herber Schlag, 
Wenn ich nun müsste lassen 

Air meine Freude, der ich gern oblag. 
Es segne Gott euch alle! 
Wünscht nun auch mir, dass mir ein Heil zufalle. 



— 144 ~ 



38. 



Entsagung. 

(Abgekürzt.) 

Ich bin als unschedeliche fro 
daz man mir wol ze lebenne gan. 

tougenliche stät min herze ho: 
waz touc zer werlte ein rüemic man? 

we den selben die so manegen schoenen l!p 
habent ze boesen maeren bräht! 
wol mich, daz ich's hän bedäht : 
ir sult sie miden guotiu wlp. 

Maneger trüret, dem doch liep geschiht; 
ich hän iemer höhen muot; 

unde enhabe doch herzeliebes niht; 
daz ist mir also lihte guot. 

herzeliebes, swaz ich des noch ie gesäch> 
da was herzeleide bt! 
liezen mich gedanke fri, 
so'n wiste ich niht umb ungemach ! 

Ich bin einer, der nie halben tac 
mit ganzen freuden hat vertriben ; 

swaz ich freuden ie da her gepflac, 
der bin ich niht eine hiei beliben; 

nieman kan hie freude vinden, sie zergS, 
sam der liefiten bluomen schin: 
des'n sol sich das herze min 
niht senen nach valschen freuden me! 

Anmerkung: 

Bei Pfeiffer trägt dies Gedicht den Titel »Vergänglichkeit irdischen 
Glückes*. Durch alle schweren Erfahrungen seines prüfungsreichen 
Lebens hat Walther seinen männlichen Gleichmut gerettet, der Freude, 
wie Leid, richtig beurteilt und auch ohne äussere Glücksumstande die 



I. Ehemaliger Kreuigang des Münsters zu Würzburg. 



— 145 — 



38. 



Entsagung. 

Ich bin nun so selbstlos froh, 
Dass man mir mein Leben gönnen kann. 

Heimlich freut mein Herz sich so; 
Taugt der Welt ein prahlerischer Mann? 

Weh' dem, der so manchen schönen Leib 
Ohne Scheu in üblen Ruf gebracht! 
Wohl mir, dass ich's immer hab' bedacht! 
Jene sollst du meiden, gutes Weib! 

Mancher trauert, dem doch Lieb' geschieht; 
Ich hab' immer doch getrosten Mut; 

Ob mir gleich der Liebe Olück nicht blüht. 
Dennoch — wie es ist, so ist es gut! 

Immer wenn's an Lieb' mir nicht gebrach. 
War auch manches Herzeleid dabei. 
Liessen mich Gedanken frei.. 
Wüsst' ich nichts von Ungemach! 

Ich bin Einer, der nie halben Tag 
Dürft' empfinden volles Erdenglück! 

Wann ich jemals auch mich freuen mag. 
Immer lässt die Freude Leid zurück! 

Niemand kann hier dauernd glücklich sein; 
Glück erlischt, wie holder Blumen Licht; 
Darum soll das Herze nicht 
Sehnen sich nach ird'scher Freude Schein. 

innere Zufriedenheit bewahrt. So vermag er auch ohne Liebesglfick Inner- 
lich froh zu bleiben, wenn auch die Erkenntnis der Vergänglichkeit irdischen 
Glückes bei dem Ernste seiner Lebensanschauung zuweilen trübe Gedanken 
in ihm erregt. 

Malapert-NaufTiUe, Walther ron der Vogelweide. IQ 



— 146 — 



39. 



Am Lebensabend. 

Ir reinen wip, ir werden man, 
ez st6t also, daz man mir muoz 
Sr' unde minnecllchen gruoz 
noch vollecllcher bieten an. 

des habet ir von schulden groezer reht, dann' 6: 
weit ir vememen, ich sage iu, wes, 
wol vierzic jär hab' ich gesungen oder mt, 
von minnen unde als iemen sol. 

dö was ich's mit y den andern geil: 
nu eriwirt mir's niht, ez wirt iu gar. 
mtn minnesanc der diene iu dar 
und iuwer hulde si min teil. 

lät mich an eime stabe gän, 
und werben umbe werdekeit 
mit unverzageter arebeit, 
als ich von kinde hän getan. 

s6 bin ich doch, swie nider ich sl, der werden ein. 
genuog in miner mäze hö! 

daz müet die nideren; obe mich daz iht swache? nein! 
die biderben hänt mich deste baz! 

diu wernde wirde ist s6 guot, 
daz man ir 'z hoeste lop sol geben, 
ez'n wart nie hovelicher leben, 
swer s6 dem ende rehte tuot. 

Anmerkung : 

In diesem Liede weicht Walther von der üblichen Form insofern ab^ 
als er den Abgesang nicht an das Ende der beiden Stollen, sondern in 
deren Mitte stellt. 



k 



— 147 — 



39. 



Am Lebensabend. 

Du reines Weib, du werter Mann, 
Es stehet also, dass man muss 
Mir Ehr' und minniglichen Oruss 
Noch ungeteilter bieten an. 

Dess' habt ihr Ursach' jetzt noch mehr; 
Wollt ihr's vernehmen was ich sag'? 
Fast vierzig Jahre sind es her, 
Seit ich von Lieb' sang manchen Tag! 

Da war ich fröhlich mit den Froh'n; 
Jetzt ist's vorbei! ich hab' mein Teil. 
Mein Minnesang, er bring' euch Heil 
Und eure Huld sei nun mein Lohn! 

Lasst mich an meinem Stabe geh'n, 
So werb' ich noch um Würdigkeit 
Mit unverzagter Emsigkeit, 
Wie's schon vom Kinde ist gescheh'n. 

So werd' ich, niedrig auch, ein Werter sein; 
Nach meinem Masse hoch genug. 
Das kränkt die Neider! ob's mich kränke? nein! 
Mich ehrt der Biedre ohne Trug. 

Die wahre Würde nur ist gut. 
Drum soll man höchstes Lob ihr geben! 
Der führt ein ehrenwertes Leben, 
Der bis ans End' das Rechte tut. 

Anmerkung: 

Die sittliche Würde des Charakters Walthers spricht sich in diesem 
Liede schön aus. Auch wo der Erfolg ausblieb, strebte er stets nach dem 
Outen, Schönen, Wahren. 

10* 



— 148 - 



40. 

Deutschland über Alles. 

Ir sult sprechen willekomen! 
der iu maere bringet, daz bin ich 

allez daz ir habet vernomen, 
daz ist gar ein wint: nü fraget mich. 

ich wil aber miete: 
wirt min 16n iht guot, 
ich sage iu vil llhte daz iu sanfte tuot. 
seht, waz man mir eren biete! 

Ich wil tiuschen frouwen sagen 
solhiu maere, daz sie deste baz 

al der werlte suln behagen, 
äne gröze miete tuon ich daz. 

waz wold ich ze löne? 
sie sint mir ze her: 

s6 bin ich gefüege und bite sie nihtes mer 
wan daz sie mich grüezen schöne. 

Ich hän lande vil gesehen, 
unde nam der besten gerne war: 

übel müeze mir geschehen, 
künde ich ie min herze bringen dar, 

daz im wol gevallen 
wolde fremeder site. 

nü waz hülfe mich, ob ich unrehte strite? 
tiuschiu zuht gät vor in allen. 

Von der Elbe unz an den Rtn 
und her wider unz an der Unger lant 

mugen wol die besten sin, 
die ich in der werlte hän erkant. 

kan ich rehte schouwen 



— 149 



40. 



Deutschland über Alles. 

Ihr sollt sprechen: „Sei willkommen! 
Der euch gute Mär' bringt, das bin ich. 

Alles, was ihr habt vernommen, 
War ein blosser Wind! — nun fraget mich! 

Doch für meinen Sang 
Wird mein Lohn auch gut? 
Denn ich sage euch, was wohl euch tut. 
Zögert mit dem Dank nicht lang! 

Deutschen Frauen will ich sagen 
Solch ein Loblied, dass sie desto mehr 

Mögen aller Welt behagen. 
Nicht um Ruhm tu' ich's und eitle Ehr'! 

Nicht begehr ich Lohn; 
Sie sind mir zu hehr! 
Ich, bescheiden, wünsche mir nichts mehr; 
Holdei* Oruss genügt mir schon. 

Lande hab' ich viel gesehen. 
Und des Besten nahm ich gerne wahr. 

Übel möge mir geschehen, 
Liesse sich mein Herz bereden gar, 

Dass ihm wohlgefalle 
Fremder Lande Sitte! 

Ja — was hülfe mir's, wenn ich mit Unrecht stritte? 
Deutsche Zucht geht über alle. 

Von der Elbe bis zum Rhein 
Und hinwieder bis zum Ungarland, 

Mögen wohl die Besten sein, 
Die ich auf der weiten Erde fand. 

Weiss ich recht zu schauen 



— 160 — 

guot geläz und l!p, 

sam mir got, so swüere ich wol daz hie diu wtp 

bezzer sint dann' ander frouwen. 

Tiusche man sint wol gezogen; 
rehte als engel sint diu wtp getan. 

swer sie schiltet der 'st betrogen; 
ich enkan sin anders niht verstau: 

Tugent und reine minne 
swer die suochen wil 

der sol kernen in unser laut; da ist wunne vil! 
lange müeze ich leben dar inne! 

Anmerkung : 

Kein Lied Walthers hat sich solcher Beliebtheit und Berühmtheit zu er- 
freuen gehabt, wie dieses und keines zeigt besser seinen Charakter und seinen 
Patriotismus. Welche Wirkung es auf seine Zeit ausübte, davon gibt 
eine Stelle im vFrauendienst" (Ausgabe, von Lachmann, S. 240, Zeugnis. 
Als Ulrich von Lichtenstein, der betreffs des Minnedienstes zu Walthers 
Anschauung im O^ensatze stand, seine Minnefahrt als »Königin Venus" 
unternahm, brachte ihm einer seiner Diener frohe Botschaft von seiner 
Geliebten. Da er aber den verkleideten Herrn nicht anzureden wagte, 
sang er die zweite Strophe des Liedes »Deutschland über Alles*. Ulrich von 
Lichtenstein verstand die Bedeutung und sprach dies aus in folgender 
Strophe: 

„Daz liet mir in das herze klanc; 
ez tat mir inneclichen wol; 
wan ich da von wart freudenvoll 
cz düht mich süeze; ez düht mich guot; 
von ime wart ich vil höhgemuot." 



— 151 — 

Zucht an Seel' und Leib, 

Hilf mir, Gott, so schwör' ich, dass das deutsche Weib 

Besser ist, als andrer Länder Frauen! 

Deutscher Mann ist wohlgezogen; 
Deutsche Frau'n den Engeln gleich zu seh'n. 

Wer sie schilt, der ist betrogen. 
Anders kann ich's wahrlich nicht versteh'n. 

Tugend und reine Minne, 
Wer die nimmt zum Ziel, 

Komm' in unser Land! Da ist der Wonne viel! 
Lebt' ich lange nur darinne! 



„Das Lied mir in das Herze klang; 
Es tat im Innersten mir wohl; 
Ich ward davon so freudenvoll; 
Es deucht mir säss, es deucht mir gut; 
Von ihm ward ich so hochgemut." 



U. TeU. 



Sprucbbicbtung* 



(Herrenminne). 



(Drei und dreissig Sprüche philosophischen und politischen Inhalts.) 



— 155 — 



L Ct9te 5er Sprflcbe« 

1.-3. der Wahlstreit. 1. »Ich sass auf einem Steine". 

2. »Ich hört' ein Wasser sich ergiessen". 

3. »Ich prüfte mit den Augen'*, 

2. Nachruf an Fr. von Ocsterreich. »Gelehrter Fürsten Krone". 

3. An die Fürsten. »Ihr Fürsten adelt euem Sinn«. 

4. Flucht der Tage. »Nimmer sah ich Tage schwinden". 

5. Wahre und falsche Freunde. »Wer treue Freunde sich durch Obermut". 

6. Freundes Treue und Wankelmut : »Wer sich zum Freund gewinnen lässt". 

7. Der Leitstern: „Die Krone ist älter". 

8. König Philipps Krönung: »Es ging am Tag, da der Herr geboren". 

9. Klage um Reinmars d. A. Tod: » O weh, dass Weisheit und Tugend". 

10. Nachruf an Reinmar d. A. : »Fürwahr, Reinmar, du schmerzest mich". 

11. Schlimmes Vorbild: »Welch Herz in diesen Zeiten sich bewährt". 

12. Übler Zustand der Welt: „O weh dir Welt" 

13. Vorzeichen des jüngsten Tages : „Nun wachet Air, es naht der Tag". 

14. Thüringens Blume: „Ich bin des milden Landgrafen Ingesinde". 

15. Fluch und Segen: „Herr Papst ich mag von Vorwurf wohl". 

16. Doppelzüngigkeit: „Gott gibt zum König wen er will". 

17. Oruss an den Kaiser: „Herr Kaiser, seid uns hochwillkommen".- 

18. Kaisers Recht: „Als Gottes Sohn auf dieser Erd' erschien". 

19. Wirt und Gast: „Seid gegrüsst, Herr Wirt". 

20. Verfall des Reichs und der Zucht: „Fürwahr ich sähe einst den Tag". 

21. Der Opferstock: „Sagt an, Herr Stock". 

22. Der wälsche Schrein: „Hei! wie der christlichste, der Papst, nun unsrcr". 

23. An König Friedrich: „Schirmvogt von Rom". 

24. Das Lehen: „Ich hab' mein Lehen". 

25. Göttliche Botschaft: „Herr Kaiser, ich bin hergesandt." 

26. Aar und Löwe : „Herr Kaiser, wenn erst Deutschland Frieden". 

27. Jugendlehren : „Niemand darf gefährden". 

28. Unlust der Zeit: „Es wird mein Inn'res schmerzbewegt". 

29. Verkehrte Welt: „Unnatur, dir gehören beide an". 

30. Unbeständigkeit der Welt: „Der ist wohl ein beglückter Mann." 

31. Wahre und falsche Minne: „Es wird in unsem kurzen Tagen". 

32. Wesen der Minne: „Die Lieb ist weder Mann noch Weib". 

33. Selbstfiberwinduilg: „Wer schlägt den Löwen". 



— 166 — 



II. 



Spru(b6i6tun9. 

(Herrendienst.) 

Obwohl das Mittelalter die Spruchdichtung noch kaum 
als besondere Dichtungsgattung ansah, liegt doch bereits, nach 
Inhalt, wie nach Form, ein klar erkennbarer Unterschied im 
Liede und im Spruch des Mittelalters. Auch lässt der Bau 
des letzteren auf eine besondere, nicht singende, sondern 
redende Vortragsweise schliessen. Ein weiterer Unterschied 
zwischen beiden ergibt sich im „Ton". Während in der 
Regel jedes Lied seinen eignen Ton hat und sämtliche Strophen 
dem Inhalte nach ein engverbundenes Ganzes bilden, findet 
sich bei den Sprüchen zuweilen ein nur geringer Zusammen- 
hang der Strophen, deren jede ein in sich geschlossenes Ge- 
dicht bildet. Simrock sagt: „sie verhalten sich zueinander, 
wie eine Anzahl den gleichen Gegenstand behandelnder 
Sonnette." 

Der Hauptunterschied zwischen Lied und Spruch aber 
liegt nicht sowohl in der Form, als vielmehr im Inhalt. Im 
Liede, möge es Herzenszustände, Naturgefühl, Gottverehrung 
zugrunde haben, wiegt das poetische Element vor, während 
im Spruche, er möge Betrachtungen über Menschen oder 
Dinge enthalten, ethischen oder politischen Charakter haben, 
immer das lehrhafte Element vorwiegt. Bei der wesent- 
lich philosophischen Anlage des deutschen Volkscharakters 
musste die Spruchdichtung sich frühzeitig entwickeln. Im 
Mittelalter nimmt sie bereits einen hervorragenden Platz in 
der Dichtung ein. 

Walther, in dem sich gewissermassen die Eigenart deut- 
schen Geistes zusammenfasst, war durch sittlichen Ernst, wie 
durch philosophische Tiefe, gleichsam dazu berufen, in die 
Wirren und Kämpfe des Reiches, wie der Kirche, zündende 
Worte in kernigen und kühnen Sprüchen zu rufen. Die po- 



— 157 — 

litische Bedeutung Walthers für seine Zeit kann daher nicht 
hoch genug veranschlagt werden. Walthers Sprüche sind ein 
treuer Spiegel seiner Zeit. 

Je ernster die Zustände in Reich und Kirche sich ge- 
stalten, desto reicherer Stoff ergab sich gerade für die Spruch- 
dichtung, die vom Beginn des dreizehnten bis zur Mitte des 
sechzehnten Jahrhunderts mit der Liederdichtung wetteifert 
und letztere allmählich in den Hintergrund drängt. 

Der philosophische und sittlich ernste Ton der Sprüche 
Walthers hat ohne Zweifel eindringlich auf die Gemüter und 
damit auch auf die Ereignisse gewirkt. 



Der Wahlstreit: 

Spruch I. 

Nach Kaiser Heinrichs VI. am 28. Sept. 1197 in der Blüte der Mannes- 
jahre erfolgtem Tode brachen heftige Thronstreitigkeiten aus. Der Kaiser 
hinterliess einen erst dreijährigen Sohn, den nachmaligen Kaiser Friedrich IL, 
dem Papst Innozenz III die Anerkennung versagte. Zwischen Friedrichs 
Oheim, Philipp von Schwaben und Otto von Braunschweig entstand ein 
heftiger, das Reich erschütternder Kampf um die Kaiserkrone. 

In diese Zeit der Verwirrung und Zersplitterung der Kräfte, die erst 
mit dem Siege des Hohenstaufen Philipp über Otto den Weifen endete, 
fallen die nächstfolgenden Sprüche, die ernste Klagen über den Verfall 
des Reiches enthalten. 



158 - 



1. 



Der Wahlstreit. 

I. 

Ich saz üf eime steine 
und dahte bein mit beine;*) 
dar üf säst' ich den ellenbogen; 
ich hete in mine hant gesmogen 
min kinne und ein min wange; 
so dähte ich mir vil ange, 
wes man zer werlte solte leben; 
dekeinen rät kond ich gegeben, 
wie man driu dinc erwürbe, 
der keines niht verdürbe: 
diu zwei sint ere unde varnde guot, 
das dicke einander schaden tuot; 
daz dritte ist gotes hulde, 
der zweier Überguide, 
die wolde ich gerne in einen schrin. 
ja, leider des 'n mac niht gesin, 
daz guot und werltlich ere 
und gotes hulde mere 
zesamene in ein herze komen. 
stig unde wege sint in benomen. 
untriuwe ist in der säze; 
gewalt vert üf der sträze; 
frid' unde reht sint sere wunt: 

diu driu enhabent geleites niht, diu zwei enwerden & 

gesunt. 



•) In besagter Stellung ist Walther in der Weingartner und Pariser 
Handschrift dargestellt — der Ausdruck nachdenklicher Beschaulichkeit.. 



— 159 ~ 



1. 



Der Wahlstreit. 

I. 

Ich sass auf einem Steine 
Und deckte Bein mit Beine, 
Darauf der Ellenbogen ruht; 
In meine Hand geschmieget gut 
Mein Kinn und eine Wange. 
Da dacht' ich viel und lange 
Weshalb auf dieser Welt wir leben, 
Und konnte keinen Rat doch geben, 
Wie man drei Ding' erwürbe, 
Der keines doch verdürbe: 
Die Zwei sind Ehr' und irdisch Qut, 
Das oft einander Schaden tut. 
Das Dritte, Gottes Huld allein, 
Muss jener beiden Meister sein. 
Die hätt' ich gern in einem Schrein, 
,Doch leider mag dies nimmer sein, 
Dass weltlich Out und Ehre 
Und Gottes Gnade wäre 
In eines Menschen Herz gekommen! 
'& sind ihm Weg und Steg benommen; 
Untreue liegt im Hinterhalt 
ynd auf der Strasse herrscht Gewalt. 
Und Fried' und Recht sind todeswund; 
Dennoch — nur wo die zwei gesund. 
Gesellt die Dritte sich dem Bund. 



— 160 — 

II. 

Ich hörte ein wazzer diezen 
und sah die vische fliezen 
ich sach swaz in der werlte was, 
velt unde walt, loup, rör und gras; 
swaz kriuchet unde fliuget 
und bein zur erden biuget, 
daz sach ich unde sage iu daz: 
der keines lebet äne haz! 
daz wilt und daz gewürme 
die stritent starke stürme, 
sam tuont die vogel under in; 
wan daz sie habent einen sin. 
sie diuhten sich ze nihte: 
sie schuefen starc gerihte ; 
sie kiesent künege unde reht; 
sie setzent herren unde kneht. 
s6 we dir, tiuschiu zunge, 
wie stet din ordenunge? 
daz nü diu mucke ir künic hat 
und daz din ere also zergät! 
bekerä dich, bekere! 
die zirken sint ze here, 
die armen künege dringent dich : 
Philippe, setze den wisen üf und heiz' sie treten hin- 

der sich! 

Anmerkung: 

Das fliessende Wasser mahnt Walther an den Unbestand alles Menschen- 
seins. Zwar herrschte in der Natur unter allen Lebewesen Fehde, gleich- 
wohl habe die Tierwelt, selbst die niedrigste, gewisse Ordnungen, Deutsch- 
land aber sei im Zwiespalt und ohne Oberhaupt. Daran knüpft Walther 
die Mahnung an den Hohenstaufen Philipp, die Krone zu erwerben und 
dem Reiche Frieden zu schaffen. 

Der Spruch dürfte in den Zeitraum zwischen Wahl und Krönung 
Philipps zu setzen sein, welch letzere am 8. Sept. 1198 stattfand. - 



— 161 — 

II. 

Ich hört' ein Wasser sich ergiessen 
Und sah im Strom die Fische fliessen 
Und dachte, wie's doch in der Welt 
In Wald und Feld und Gras bestellt! 
Was kriechet und was flieget 
Und Bein zur Erde bieget, 
Das sah ich und bemerke das: 
„Es lebt der keines ohne Mass! 
Das Wild und das Gewürme, 
Die streiten starke Stürme; 
Und ebenso die Vögel auch; 
Sie stärken sich durch einen Brauch: 
Dass keiner sie vernichte, 
So schaffen sie Gerichte 
Und wählen Könige und Recht 
Und setzen Herren, setzen Knecht'. 
O weh dir, deutschem Lande! 
Wie steht's mit dem Verbände? 
Wo selbst die Mücke Ordnung hält 
Und dir dein Reich und Ehr' zerfällt! 
Sei auf sein Wohl bedächtig; 
Die Fürsten sind zu mächtig; 
Die Nebenbuhler drängen dich; 
Philippus, setz' den Weisen*) auf und heiss' sie treten 

» hinter sich.***) 



*) die Kaiserkrone. 
**) hinter sich treten : dem Kaiser Raum geben. 



Anmerkung: 

Der Weise wurde der edelste Stein in der Kaiserkrone genannt, weil 
er in seiner Art einzig war; es kann aber auch die verwaiste Krone ge- 
meint sein. 



Halapert-Nenf Tille, Walther von der Vogelweide. H 



— 162 



III. 



Ich sach mit mlnen ougen 
man unde wibe tougen, 
da ich gehörte und gesach 
swaz iemen tet, swaz iemen sprach, 
ze Röme hörte ich liegen 
und zwfine künege triegen 
da von huop sich der meiste strtt, 
der e was oder iemer stt, 
daz sich begonden zweien 
die pf äffen unde leien. 
daz was ein not vor aller not ; 
lip unde sele lac da tot! 
die pfaffen striten sere, 
doch wart der leien mere. 
diu swert sie legeten dernider 
und griffen zuo der stöle wider; 
sie bienen die sie wolten 
und niuwet den sie solten.*) 
dö störte man diu goteshüs. 
ich hörte verre in einer klus 
vil michel ungebaere: 
da weinde ein klosenaere; 
er klagete gote siniu leit: 

„öwe, der bäbest ist ze junc: hilf, hfirre, dlner kristen- 

heit !" **) 



*) Diese Worte können sich auf den Bann beziehen, der im 
Jahre 1201 über Philipp verhängt ward. Dann wäre das Lied in dieses 
Jahr zu setzen. Simrocli setzt auch diesen Spruck in das Jahr 1198, wegen 
der Übereinstimmung der Form, doch ist er wohl eher auf die Verwirrung 
zu beziehen, die durch den Bannfluch entstand. 

**) Papst Innozenz III. war bei seiner Wahl, am 8. Jan. 1198, sieben- 
unddrdssig Jahre alt, also im Jahre 1201 im besten Mannesalter, allein im 
Übermass der Energie überschritt er die Grenzen der Besonnenheit und 
suchte durch Gewalttätigkeit das deutsche Reich und seinen Kaiser unter 
seine Botmässigkeit zu bringen. 



— 163 — 



III. 



Ich prüfte mit den Augen, 
Was Mann und Weib jetzt taugen. 
Ich horchte still umher und sah, 
Was hier und dort im Land geschah. 
Zu Rom hört' ich sie lugen. 
Zwei Könige betrügen; 
Daraus entstand der schwerste Streit, 
Der jemals hat gewütet, seit 
Den Pfaffen und den Laien 
Beliebt, sich zu entzweien. 
's wai' eine Not vor aller Not! 
Des Leibes und der Seele Tod. 
Die Pfaffen stritten schwer, 
Doch ward der Laien mehr; 
Da legten sie die Schwerter nieder 
Und griffen zu der Stola wieder. 
Sie bannten wen sie wollten. 
Nicht den sie bannen sollten! 
Unfrieden herrscht' im Ootteshause 
Und Jammer in der Mönche Klause, 
Wie's um die Kirche und die Welt 
Nun, ach, so übel sei bestellt! 
Der Klausner klagte Gott sein Leid: 
„O weh I der Papst ist jung ! o Herr, hilf deiner Christen- 
heit!" 



11» 



i 



— 164 — 



Nachruf auf Friedrichs von Österreich Tod, iig8. 

Geirrter fürsten kröne 
mit üz erweiter tugent, 
mit zuht, mit kunst, mit güete, 
hat got hin z' im genomen. 

der lebte hie vil schöne 
mit alter kunst in jugent. 
nach lobe stuont sin gemüete: 
des was sin name 

. . .der je nach saelden warp. 
nü pflege sin got der riche: 
des wünschen innecltche, 
Sit tiure fürste sin genöz nie manege zlt verdarp. 

Anmerkung: 

Von einigen Oemianisten dem Schüler Walthers, Ulrich von Slngen- 
berg, zugesprochen, auch in der Pfeifferschen Ausgabe nicht vorhanden, 
doch ist für diese Annahme kein Grund vorhanden, vielmehr anzunehmen, 
dass Walther seinem Qönner und Beschützer ein Denkmal der Dankbar- 
keit und Hebender Verehrung des ebenso grössmütigen, wie kunstsinnigen 
Fürsten setzen wollte. In der Handschrift fehlen in der 8. u. 9. Zeile 
einige Worte. 



- 166 



2. 

Nachruf auf Friedrichs von Osterreich Tod, 1198. 

Gelehrter Fürsten Krone 
Voll auserwählter Tugend, 
Voll Zucht und Kunst und Güte 
Hat Gott zu sich genommen. 

Er lebte hier in Schöne, 
Voll Weisheit, trotz der Jugend; 
Nach Ruhm stand sein Gemüte. 
Sein Name ist gekommen 

Zu Ehren, weil er edles Gut erwarb. 
Ihn segne Gott, der Reiche; 
Der Wunsch sei uns der gleiche, 
Weil solch ein edler Fürst wohl selten starb! 



— 166 — 



8. 



An die Fürsten. 

Ir fürsten, tugendet iuwern sin mit reiner güete; 
stt gegen friunden senfte, tragt gein feinden höhgemüete; 
sterket reht und danket gote der grozen Sren, 
daz manic mensch Itp und sin guot muoz im ze dienste keren. 

Sit milte, fridebaere, lät in wirde iuch schouwen; 
s6 lobent iuch die reinen süezen frouwen. 
schäme, triuwe, erbermde, zuht, die sult ir gerne tragen; 
minnet got und richtet swaz die armen klagen; 
gloubt niht daz iu die lügenaere sagen, 
und volget guotem rate: s6 mugt ir in himele bouwen. 



Anmerkung. 

Dieser, wie der vorheiigehende Spruch, fehlt in der Pfeifferschen Aus- 
gabe. Der Dichtung und Denkweise Walthers verwandt, ist er gleichwohl 
nicht mit voller Sicherheit Ihm zuzusprechen. 



— 167 — 



3. 



An die Fürsten. 

Ihr Fürsten, adelt euern Sinn durch reine Güte; 
Seid gegen Freunde sanft, zeigt Feinden Hochgemute, 
Und stärket Recht und Pflicht. Dankt Gott, gebt ihm die Ehre, 
Dass mancher Out ynd Blut euch gern zu Dienste kehre. 

Seid milde, friedevoll; in Würde lasst euch schauen; 
So loben euch die reinen, süssen Frauen. 
Zucht, Treue, Milde, Scham, die sollt als Schmuck ihr tragen. 
Liebt Gott und richtet recht, wo Unterdrückte klagen. 
Glaubt nicht, was euch die falschen Zungen sagen 
Und folget gutem Rat, so mögt ihr auf den Himmel bauen. 



J 



Flucht der Tage. 

I'ne gesach nie tage slichen *) 
56 die mtne luont: ich warte in allez näcii. 

wessc ich, war sie wolten strictien ! 
mich nimt iemer wunder, wes in st s6 gäch. 

Ithte mugen sie zuo deme 
komen, der ir niht so schöne pfliget: 
so lä sie detine schtnen, ob sie wizzen, weme. 

*) slichen bedeutet .schwinden* — unbemerkt dahingleiten. 



— 169 — 



4. 



Flucht der Tage. 

Nimmer sah ich Tage schwinden, 
Wie die meinen flieh'n! ich schaue ihnen nach. 

Könnt' ich ihre Flucht ergründen! 
Immer nimmt's mich Wunder, wie sie flieh'n so jach! 

Leicht wohl mag es manchen geben. 
Der den Wert der Tage nicht beachtet; 
Mögen sie ihm scheinen! — schnell entrinnt das Leben! 



170 — 



6. 



Freundes Treue und Wankelmut. 

Swer sich ze friunde gewinnen lät 
und ouch da b! die tugende hat, 
daz er sich äne wanken lät behalten, 
des friundes mac man gerne schöne walten. 

ich hän eteswenne friunt erkorn, 
so sinewel an stner staete, 
swie gerne ich in behalten haete, 
daz ich in muoste hän verlorn! 

Anmerkung: 

Mit dem Lobe treuer Freundschaft verbindet sich hier die Erinnerung 
an eine gegenteilige Erfahrung. 



— 171 — 



5. 



Freundes Treue und Wankelmut. 

Wer sich zum Freund gewinnen lässt 
Und dabei hält die Tugend fest, 
Die Freundschaft ohne Wanken zu erhalten, 
So edlen Freund's mag man in Treue walten. 

Ich hatt' einst einen Freund erkoren, 
E^er unbeständig, ohne State ! 
Wie gern ich ihn behalten hätte — 
Ich sah ihn dennoch mir verloren! 



— 172 — 



6. 

Wahre und falsche Freunde. 

Swer staetes friundes sich durch übermout behßret, 
und er den smen durch des fremeden ere unöret: 
der möhte ersehen, wurd' er von sinem hoehern ouch geseret, 
daz diu gehalsen friuntschaft sich vil lihte ventrande, 
swenn' er sich libes unde guotes solde umb in bewegen, 
ich hän vereischet, die der wenke hänt gepflegen, 
daz sie der kumber wider üf die erbornen friunde wände, 
daz sol von gotes lehen dicke noch geshehen; 
ouch hörte ich ie mit volge des die Hute jehen: 
„gewissen friunt, versuochtes swert sol man ze not ersehen." 

Anmerkung: 

Walther warnt hier, den wahren Freund nicht durch Bevorzugung 
eines unerprobten zu verletzen, weil letzterer in der Not versage. Dann 
kehrt — so fügt es Oott, der Getauschte zum wahren Freunde zurück- 
Das am Schlüsse von Walther angeführte Sprüchwort war ein alt- 
bekanntes. Auch im Freidank findet es sich: 
»gewisse friunt, versuochtiu swert, 
diu sint ze noete goldes wert." 

»Erprobter Freund, geprüftes Schwert 
Sind in der Not wohl Ooldes wert.« 

(W. Orimms Ausgabe, S. XCIX). 



— 173 — 



6. 

Wahre und falsche Freunde, 

Wer treue Freunde sich durch Übermut verscherzt; 
Die Seinen kränkt, indem er Fremde pflegt und herzt; 
Der wird's erfahren, dass, wenn Schmach und Not ihn schmerzt, 
Die enge Freundschaft bricht, die ihn betörte. 
Wenn Gut und Leben von Gefahr bedroht. 
Wird man's erfahren, dass in solcher Not 
Der Wankelmut zurück zum alten Freunde kehrte, 
Durch Fügung Gottes ist dies oft geschehen! 
Gar mancher wird die Wahrheit zugestehen: 
„Erprobten Freund, erprobtes Schwert soll man zur Not er- 
sehen." 



Der Leitstern. 

Diu kröne ist elter dan der kfinec Philippes st: 
da muget ir alle schouwen wol ein wunder bi, 
wie s'ime der smit s6 ebene habe gemachet. 

stn keiserlichez houbet zimt ir also wol, 
daz sie ze rehte nieman guoter scheiden sol. 
ir dwederez daz ander niht enswachet. 

sie liuhtent beide ein ander an, 
daz edele gesteine wider den jungen man : 
die ougenweide sehent die fQrsten gerne 
swer nfl des ricbes irre gfi 

der schouwe, wem der weise ob sime nacke stS: 
der stein ist aller fürsten leitesterne. 

Anmerkung: 

Simrock gibt dem Oedichte diesen Namen, während es in da* 
Pfeiflersclien Ausgabe .der Waise* betitelt Ist Die Zeit der Entsteliunf 
ist das Jahr 1198. 

Waltlier besingt die am 8. September 1198 zu Mainz vollzogene 
Krönung Philipps von Schwaben, der mit den echten Insignien gekrönt 
wurde, während Otto der Weife, der Oegenkaiser, mit unechter Krone ge- 
krönt worden war. Dieser Umstand war auF die Fürsten, die an der 
Bedeutung der Krone Karls des Orossen festhielten, von grossem EinHuss. 



— 176 — 



7. 



Der Leitstern. 

Die Krön' ist älter, denn der König Philipp, traun! 
Drum mögt ihr alle nun ein Wunder schau'n. 
Als ob für ihn geformt die Krone wäre! 

Sein kaiserliches Haupt ziert sie ihm also wohl, 
Dass beide nun mit Recht kein Guter scheiden soll. 
Fürwahr, das eine macht dem andern Ehre; 

Sie leuchten beid' einander an, 
Der edle Stein den jungen Mann; 
Die Augenweide seh'n die Fürsten gerne. 
Wer nun im Reiche irre geht, 
Der schaue, wem die Krön' zu Haupte steht: 
Eter Fürsten treu Geleit ist unter diesem Sterne. 



i 



— 176 — 



8. 

König Phillips Krönung. 

Ez gienc, eins tages als unser hSrre wart gebom 
von einer maget, die 'r im ze muoter häte erkom 
ze Megdeburc der künec Philippes schöne. 

Da gienc eins keisers bruoder unde eins keisers kint 
in einer wät, swie doch der namen drie sint: 
er trouc des riches zepter und die kröne. 

er trat vil Ilse, im was niht gach; 
im sleich ein höchgeborniu küniginne nach, 
rös äne dorn, ein tübe sunder gallen. 
diu zuht was niener anderswä: 
die Duringe und die Sahsen dienden alsöMä, 
daz ez den wisen muoste wol gevallen. 

Anmerkung: 

Der Krönungstag zu Magdeburg war der Weihnachtstag. Der Kirch- 
gang König Philipps mit seiner Gemahlin, der griechischen Prinzessin 
Irene, unter Gefolgschaft des Thüringer und des sächsischen Adels regte 
Walthers poetischen Genius zur Verherrlichung des jungen Paares an. 



— 177 — 



8. 



König Philipps Krönung. 

Es ging am Tage, da der Herr geboren 
Von einer Magd, zur Mutter ihm erkoren, 
Zu Magdeburg der König Philipp, hehr. 

Gekrönt zu werden mit des Reiches Krone; 
Des Kaisers Bruder, eines Kaisers Sohne, — 
Sagt, wem gebührte wohl die Krone mehr? 

Er schritt gar leicht und anmutvoll dahin; 
Ihm folgte eine edle Königin, 
Die Rose ohne Dorn, die Taube sonder Galle. 
Solch edle Sitte fand man nirgend anderswo; 
Des Landesadels Zierde ward des Dienstes froh, 
Dass es den Guten also wohlgefalle! 



!alapert-Neaf Tille, Walther ron der Vogelweide. 12 



— 178 — 



9. 

Klage um Reinmars d. Alten Tod. 

Ow6 daz wisheit unde tugent 
des mannes schoene noch stn jugent 
niht erben sol, s6 ie der lip erstirbet ! 

daz mac wol klagen ein wiser man, 
der sich des schaden versinnen kan 
Reinmär, waz guoter kunst an dir verdirbet! 

du solt von schulden iemer des geniezen, 
daz dich des tages wolte nie verdriezen, 
du 'n spraeches ie den frouwen wol und guoten wlbes siten. 
des suln sie iemer danken dlner zungen 
und haetest niht wan eine rede gesungen: 
„s6 wol dir, wip, wie reine ein nam!" du haetest dne 

gestriten 
ir lobe, daz elliu wip dir iemer gnaden solten biten. 



S6 wol dir, wtp wie, reine d!n nam ! 
wie sanfte er doch z' erkennen und ze nennen ist ! 

ez wart nie niht so lobesam, 
swä du' z' an rehte güete k^nsi, sd du bist 

d!n lop mit rede nieman wo! volenden kan 
swcs du in triuwen pfligest wol, der ist ein saelic man 

un mac vil gerne leben.- 
du gtst al derwerlte höhen muot: mäht du ouch mir 

ein wenic freude geben"f 

Anmerkung: 

Reinmar der Alte, die »Nachtigall von Hagenau", deren Verstummen 
auch Gottfried von Strassburg in seinem Tristan beklagt, war unter den 
altem Meistem der angesehenste. Die Lauterheit seiner Gesinnung 
spiegelt sich in seinem, hier von Walther angeführten Liede zum Preise 
der Frauen. Sein Tod erfolgte zwischen 1206 und 1207. 

Das erwähnte Lied findet sich in »Minnesangs Frühling" S. 165, 10 ff. 



— 179 — 



9. 

Klage um Reinmars d. Alten Tod. 

O weh, dass Weisheit doch, und Tugend, 
Dass Mannesschöne, Herzensjugend, 
Sich nicht vererbt, wenn nun der Leib erstirbt! 

Mit Recht beklagt dies wohl ein weiser Mann 
Der den Verlust so recht ermessen kann; 
Reinmar, welch hohe Kunst mit dir verdirbt! 

Du sollst mit Recht im Tod es noch geniessen, 
Dass keinen Tag du liessest dich verdriessen. 
Zu singen Frauenlob und edlen Weibes Sitten. 
Sie sollen dankbar sein so reiner Dichterzungen 
Und hättest du nur jenes Lied gesungen: 
„O wohl dir, Weib! wie rein dein Nam'",*) du hättest so 

gestritten 
Für ihren Ruhm, dass jede Frau dir müsste Gottes Onad' 

erbitten. 



*) Das hier erwähnte Lied befindet sich in „Minnesangs Frühling'' 
S., 165, 10 ff. 

„O wohl dir, Weib, wie rein dein Nam'l 
Wie sanft er zu erkennen und zu nennen ist! 
Nie gab es, was so lobesam, 
Wie du, wenn du voll echter Oüte bist. 
Kein Mund dich g'nugsam preisen kann; 
Wess du in Treue pflegst, der ist ein sel'ger Mann, 
Und mag gar gerne leben! 

Du gibst der Welt den hohen Mut: mögst du auch mir ein wenig 

Freude geben! 



12-" 



— 180 — 



10. 

Nachruf an Reinmar d. Alten. 

Des war, Reinmär, du riuwes mich 
michels harter, denne ich dich, 
obe du lebtes unde ich waere erstorben. 

ich wil'z bi minen triuwen sagen: 
dich selben wil ich lützel klagen, 
ich klage din edelen kunst, daz s' ist verdorben! 

du kündest al der werlte freude meren, 
s6 du'z ze guoten dingen woltest keren. 
mich riuwet dm wolredender munt und din vil süezer sanc ; 
daz der verdorben ist bi mlnen zlten ; 
daz du niht eine wile mohtest biten! 
s6 leiste ich dir geselleschaft : min singen ist niht lanc. 
din s61e müeze wol gevarn und habe din zunge danc! 

Anmerkung: 

Eine schwermütige Ahnung, dass sein Wanderleben zu frühem Tode 
führen werde, klingt aus den letzten Zeilen, auch die Teilnahme am pN> 
litischen Leben und Treiben wirkte ermüdend auf den Dichter. 

Reinmar d. A. stammte aus dem elsassischen Hagenau und lebte als 
angesehener Hofdichter am Wiener Hofe. In einem seiner besten Gedichte 
beklagt er den Tod Leopolds V., 31. Dez. 1194. Einige seiner Lieder 
finden sich im „Minnesangsfrühling'' von Lachmann. 



— 181 ~ 



10. 



Nachruf an Reinmar d. Alten. 

Fürwahr, Reinmar, du schmerzest mich 
Um vieles härter, als ich dich. 
Wenn du noch lebtest und ich war' gestorben! 

Ich will's bei meiner Treue sagen: 
Dich selber wollt ich minder wohl beklagen. 
Als deine edle Kunst, die nun verdorben! 

Du konntest aller Welt die Freude mehren. 
Weil du dein Lied zum Guten wolltest kehren. 
Mich grämt dein wohlberedter Mund, dein süsser Sang, 
Dass er verstummen musst' bei meinem Leben; 
War' dir nur eine kleine Frist gegeben, 
So leistet' ich Gesellschaft dir! mein Singen währt nicht 

lang; — 
Nun sei die Seele wohlbewahrt ! und sei bedankt für deinen 

Sang ! 



182 — 



11. 



Schlimmes Vorbild. 

Swelch herze sich bi disen zlten niht verkeret, 
Sit daz der bäbest selbe dort den ungelouben mSret, 
da wont ein saelic geist und gotes minne bt. 
nü seht ir, waz der pfaffen werc und ir lere st. 
edes dö was ir 16re bi den werken reine: 
nü sint sie aber anders s6 gemeine, 
daz wir s' unrehte würken sehen, unrehte hoeren sagen, 
die uns guoter lere bilde solten tragen, 
des mugen wir tumbe leien wol verzagen: 
waen' aber min guoter klösenaere klage und sere weine ! 

Anmerkung: 

„Ober den „Klausner" sind die Meinungen geteilt." Uhland versteht 
den Ausdruck allegorisch, „reine Frömmigkeit'' gegenüber dem Verfall 
der Kirche. Orimm vermutet in ihm eine historische Persönlichkeit 
Möglich ist, dass mit dem auch im III. Teile des „Wahlstreit" erwähnten 
Klausner Konrad v. Krosigk, Bischof von Halberstadt, ein Anhänger der 
kaiserlichen Partei gemeint sei, der sich als Mönch in's Kloster „Sichern" 
(Sittichenbach bei Eisleben) zurückzog und daselbst am 11. Juni 1225 starbt 



— 183 — 



11. 



Schlimmes Vorbild. 

Welch Herz in diesen Zeiten sich bewährt, 
Seitdem der Papst nun selbst Unglauben mehrt, 
Dem wohnt ein edler Geist und Gottes Liebe bei! 
Nun seht ihr, was der Pfaffen Werk und Lehre sei! 
Einst waren Werk und Lehre rein; 
Nun sind sie anders allgemein; 
Wir seh'n sie Unrecht tun und hören Unrecht sagen, 
Anstatt das Vorbild rechter Lehr' zu tragen. 
Dess' möchten schlichte Laien wohl verzagen 
Und treue Priester drob voll Trauer sein! 



übler Zustand der Welt. 

S6 we dir, werlt, wie übel du stfist 
was dinge dfi alzan begast, 
diu von dir sint ze lldenn' ungenaeme! 

du bist vil nich gar äne schäm ; 
got weiz daz wol, ich bin dir gram : 
din art ist elliu worden widerzaeme. 

waz ercn hast unz her behalten? 
nieman siht dich freuden walten 
als man ir doch wtient pflac. 
wfi dir! wez habent die muten herze ■ engolten ? 
für die lopt man die argen riehen, 
werlt, du stfst so lasterlichen 
daz ich es niht betiuten mac. 
triuw' und wärheit sint vil gar beschulten: 
daz ist euch aller ^ren slac. 

Anmerkui^ 

Diese Kl^ie Aber Verfall der Zucht und Wahrheit dfirfte in's Jahr 1206 
zu setzen sein. Kurz nach König Philipps Tode brach die Zuchtlosigkeit 
und Untreue wieder aus. 



— 185 — 



12. 



Übler Zustand der Welt- 

O weh dir, Welt, wie schlimm du stehst! 
Welch üble Dinge du begehst, 
Die ohne Schmerz kein Outer mag ertragen. 

Vergessen hast du alle Scham! 
Gott weiss es wohl, ich bin dir gram, 
Dass deine Art so völlig umgeschlagen! 

Was ist an Ehren noch erhalten? 
Niemand sieht dich in Freuden walten. 
Wie einst! — niemand hat frohen Tag! 
Weh dir! was muss ein mildes Herz entgelten! 
Man lobt jetzt nur die kargen Reichen. 
O Welt, du liegst so ohnegleichen 
Im Argen, dass ich's gar nicht sagen mag. 
Wahrheit und Treue hört man schelten 
Und Ehre stirbt mit einem Schlag. 



— 186 — 



13. 

Vorzeichen des jüngsten Tages. 

Nu wachet! uns get zuo der tac, 
gein dem wol angest haben mac 
ein ieglich kristen, Juden unde heiden. 

wir hän der zeichen vil gesehen, 
dar an wir sine kunft wol spehen, 
als uns diu schritt mit wärheit hat bescheiden. 

diu sunne hat ir schtn verkeret; 
untriuwe ir samen uz gereret, 
allenthalben zuo den wegen: 
der vater bi dem kinde untriuwe vindet; 
der bruoder sinem bruoder liuget; 
geistlichez leben in kappen triuget, 
die uns ze himel solten stegen; 
gewalt gSt üf, reht vor gerihte swindet. 
wol üf! hie is ze vil gelegen! 

Anmerkung : 

Aussergewöhnliche Naturerscheinungen «rurden im Mittelalter als Vor- 
zeichen des Weltunterganges angesehen. Die Chronik des Jahres 1207 
berichtet von solchen. Obiger Spruch deutet darauf hin. Walther knüpft 
hieran die Ermahnung durch kräftiges Aufraffen der allgemeinen Sitten- 
verderbnis zu steuern. 



— 187 — 



13. 

Vorzeichen des jüngsten Tages. 

Nun wachet allM es naht der Tag, 
Vor dem die Welt erzittern mag; 
Ein jeder, unter Christen, Juden, Heiden! 

Wir haben Zeichen viel geseh'n, 
Daraus sein Nahen wir erspähn', 
Wie uns die Schrift mit Wahrheit kann bescheiden. 

Die Sonne hat den Schein verkehrt, 
Untreu' den Samen ausgeleert. 
An jedem Ort, auf allen Wegen. 
Der Vater selbst beim Kinde Untreu' findet; 
Der Bruder seinem Bruder lüget; 
Die Geistlichkeit, verkappt, betrüget; 
Gewalt regiert, des Rechtes Anseh'n schwindet; 
Wohlauf! an kräft'ger Tat ist viel gelegen! 



— 188 — 



14. 



Thüringens Blume. 

Ich bin des muten lantgräven ingesinde 
ez ist min site, daz man mich iemer bi den tiursten vinde. 
die andern fürsten alle sint vil milte, jedoch 
so staeteclichen niht: er was ez e und ist ez noch, 
da von kan er baz dan sie dermite gebären; 
er enwil dekeiner lüne vären. 

swer hiure schallet unde ist hin ze järe, boese als e, 
des lop gruonet unde valwet s6 der kle. 
der Dürn'ge bluome schinet durch den sne; 
sumer und winter blüet sin lop als in den ersten jären. 

Anmerkung: 

Obwohl Walther sich einmal über allzuumfassende Gastfreundschaft 
Hermanns von Thüringen beklagt, kehrt er doch gern nach der Wartburg 
zurück, wo des wandermüden Sängers stets ein freundlicher Empfang und 
reiche Gastfreundschaft harrte. Das Lied dürfte ums Jahr 1207 entstan- 
den sein. 



189 — 



14. 



Thüringens Blume. 

Ich bin des milden Land^afs Ingesinde, 
's ist meine Art, dass man mich bei den Besten finde! 
Auch andre Fürsten sind wohl mild, jedoch 
Nicht so beständig! Er war's stets und ist es noch, 
Der mehr als and're weiss, die Milde zu bewahren. 
Niemals nach Laune zu verfahren. — 
Wer heute hochherfährt und karget übers Jahr, 
Dess' Lob ergrünt und welkt rasch, wie der Klee, fürwahr! 
Die Blume Thüringens scheint durch den Schnee noch klar; 
Ihr Lob blüht immer gleich, wie in den ersten Jahren.*) 



*) Walther zieht in diesem Lied die Parallele zwischen der Gastfreund- 
schaft des Landgrafen und dem Kärntner Hofe, wo er bittere Erfahrungen 
gemacht hatte. 



— 190 



15. 

Fluch und Segen. 

H6r habest, ich mac wol genesen, 
wan ich wil iu gehorsam wesen. 
wir hörten iuch der kristenheit gebieten, 

wes wir dem keiser solten pflegen, 
dö ir im gäbet gotes segen, 
daz wir in hiezen hfirre und vor im knieten. 

ouch sult ir niht vergezzen: 
ir sprächet: „swer dich segene, si 
gesegenet, swer dir fluoche si verfluochet, 
mit fluoche vollemezzen!" 
durch got, bedenket iuch da bl, 
ob ir der pfaffen Sre iht geruochet! 

Anmerkung: 

Dieser Spruch bezieht sich auf Kaiser Ottos IV. Wahl, dem nach 
Philipps frühem Tode, am 11. Nov. 120S, auf dem Reichstage zu Frank- 
furt, die Krone zugesprochen worden war und der von Innozenz III. die 
Weihe empfangen hatte. Das Einvernehmen zwischen Beiden währte 
freilich nur kurze Zeit. Schon 1210 traf Otto IV. der Bannstrahl des 
Papstes. Hierauf bezieht sich der Spruch. 

Ähnlichen Charakter trägt der folgende Spruch, der die Doppelzüngige 
keit des Papstes rügt. Walthers Treue und Tapferkeit im Kampfe für den 
Kaiser und das Reich gegenüber dem mächtigsten Papste des Mittelalters 
ist ein schöner Charakterzug. 



191 



15. 



Fluch und Segen. 

Herr Papst, ich mag von Vorwurf wohl genesen j 
Gehorsam bin ich allezeit gewesen. 
Wir hörten euch der Christenheit gebieten, 

Dem Kaiser Untertanen treu' zu pflegen. 
Ihr selber weihtet ihn mit Gottes Segen, 
Dass wir ihm huldigten und vor ihm knieten. 

Auch dürft ihr nicht vergessen, 
Dass einst ihr sprächet: „Wer dich segnet, sei 
Gesegnet, — wer dir fluchet, der erfahre, 
Des Fluches Strafe vollgemessen!" 
Um Gott! bedenket euch, ob sich dabei 
Die Geistlichkeit ihr gut Gerücht bewahre! 



— 192 — 



16. 



Doppelzüngigkeit. 

Got git ze künege swen er wil; 
dar umbe wundert mich niht vil; 
uns leien wundert umbe der pfaffen 16re. 

sie lerten uns bi kurzen tagen, 
daz weiient s' uns nü widersagen, 
nü tuon'z durch got und durch ir selber ere 

und sagen uns bi ir triuwen 
an welher rede wir stn betrogen: 
volrecken uns die einen wol von gründe, 
die alten oder die niuwen? 
uns dunket einez si gelogen: 
zwo Zungen stänt unebene in einem munde. 



— 193 ^ 



16. 



Doppelzüngigkeit. 

Gott gibt zum König, wen er will; 
Darob verwundr' ich mich nicht viel; 
Uns Laien wundert nur der Pfaffen Lehre; 

Was sie gelehrt vor wenig Tagen 
Dem wollen sie jetzt widersagen! 
Nun tut's um Oott und eure eigne Ehre 

Und sagt uns nun bei eurer Treue, 
Durch welche Rede wir betrogen? 
Erklärt uns nur dies eine aus dem Grunde: 
Ob uns die alte trügte, ob die neue! 
Uns dünkt, die eine sei erlogen! 
Zwei Zungen stehen schlecht in einem Munde! 



Malapert-NeufriUe, Walther von der Vogelweide. 13 



~ 194 — 



17. 

Gruss an den Kaiser. 

Her keiser, sit ir willekomen! 
der küneges name is iu benomen: 
des schinet luwer kröne ob allen krönen. 

iur hant is krefte und guotes vol; 
ir wellet übel oder wol, 
so mac sie beidiu, rechen unde Ionen. 

dar zuo sag' ich iu maere: 
die fürsten sint iu undertän, 
sie habent mit zühten iuwer kunft erbeitet; 
und ie der Missenaere 
der 'st iemer iuwer äne wän 
von gote wurde ein engel S verleitet! 

Anmerkung: 

Im Nov. 1211 erhielt Otto IV. in Apulien die Nachricht, dass in 
Deutschland Exkommunikation über ihn ausgesprochen und infolgedessen 
der Abfall der Fürsten zu befürchten sei. Er brach auf und hielt in 
Frankfurt, 1212, am 4. März einen grossen Hoftag. Walther v. d. Vogel- 
wcide begrüsst den Kaiser und versichert ihn der Treue der Fürsten, unter 
denen einer der einflussreichsten, der Markgraf von Mefssen, Dietrich, ihm 
unbedingt ergeben sei. — Die Hoffnungen Deutschlands auf Ottos Tüchtig- 
keit, und seine Kraft die Anmassung des Papstes zurückzuweisen, erwiesen 
sich leider sehr bald als nichtig. 



— 193 — 



17. 



Gruss an den Kaiser. 

Herr Kaiser, seid uns hochwillkommen, 
Der Königsname ist Euch zwar benommen, 
Doch Eure Krone glänzt vor allen Kronen, 

Und Eure Hand ist stark und reich an Out. 
Ihr seid der Herr in allem, was Ihr tut, , 
Ihr möget beides, strafen oder lohnen. 

Dazu bring' ich Euch gute Märe: 
Die Fürsten sind Euch Untertan 
Und haben sich gar wohl auf den Empfang bereitet 
Der Meissner selbst, der hehre 
Ist Euch ergeben! — 's ist kein Wahn! 
Eh'r würd' zum Abfall selbst ein Engel wohl ver- 
leitet! 



13* 



— 196 — 



18. 

Kaisersrecht. 

D6 gotes sun hie 'n erde gie, 
dö versuochten in die Juden je. 
sam täten s' eines tages mit dirre frage. 

sie fragten, obe ir friez leben 
dem rlche iht zinses solte geben? 
dö brach er in die huote und al ir läge. 

er iesch*) ein münizisen, 
er sprach: „wes bilde ist hie ergraben?" 
„des keisers" sprächen dö die merkaere. 
dö riet er den unwtsen, 
daz sie den keiser liezen haben 
sin küneges reht und got swaz gotes waere. 



♦) heischte. 

Anmerkung: 

Unter Anführung des Wortes Christi weist hier Walther den Ein- 
spruch der geistlichen Macht in weltliche Angelegenheiten kräftig zurück. 



— 197 



18. 



Kaisersrecht. 

Als Gottes Sohn auf dieser Erd' erschien, 
Versuchten oft und gern die Juden ihn. 
Zusammen rotten sich die schlauen Frager; 

Sie fragten, ob ihr freies Leben 
Verpflichte, Zins dem Reich zu geben? 
Da brach der Heiland in ihr feindlich Lager. 

Er liess sich eine Münze zeigen 
Und sprach : „Wess' ist das Bild, das eingegraben ?" 
„Des Kaisers" sagten sie voll arger List. 
Da sprach er: „Gebt dem Kaiser denn zu eigen 
Die Münze, die sein Kaiserrecht zu haben. 
Und gebet Gott, was Gottes ist!" 



Wirt und Gast. 

„SU willekomen, h?r wirt!" — dem gruoze muoz ich 
swigen ! 
„sIt willekomen, hSr gast!" so muoz ich sprechen oder nlgen. 
„wirt unde heim" sint zwSne unschameltche namen: 
„gast unde hereberge" muoz man sich vil dicke schämen, 
noch mQez' ich geleben, daz ich den gast ouch grfieze, 
so daz er mir, dem wirte, danken müeze. 
„stt hinaht hie! sJt morgen dort!" waz gougelfuore ist daz! 
„ich bin heime", oder „ich wil heim", daz troestet baz! 
„gast unde schäch" kumt selten äne haz. 
ir büezet mir des gastes, daz iu goi des schäches bäeze! 

Anmerkung : 

Schmerz über das Wanderleben, Sehnsucht nach eigenem Hdm spricht 
dieses Lied in rührender Weise aus. Die Bitte Walthers um setn Leben 
fand bei Otto IV., für den der Dichter so gekimpft, kdn OehOr. 



— 199 



19. 



Wirt und Gast. 

„Seid gegrüsst, Herr Wirt!" — dem Qrusse muss ich 

schweigen. 
„Seid willkommen, Gast" — dem Qruss muss ich mich 

neigen ! 
„Wirt" und „Heim" — o, welch ein teurer Nam'! 
„Gast und Herberg" bringt dem Herzen Scham. 
Dürft' ich selber einst noch Gäste grüssen, 
Dass sie mir, dem Wirte, danken müssen! 
„Heut Nacht hier — und morgen wieder dort!" — welch 

eine Gauklerfahrt! 
„Ich bin daheim" — „will heim" — da ist man wohlbewahrt! 
„Gast" und ,, Schachgebot" mag man nicht gerne sehen! 
„Gewährt ein Heim", dass euch kein Gegner mög' ersteh'n! 



I 



— aoo — 



20. 

Verfall des Reiches und der Zucht. 

Ich sach hie vor eteswenne den tac 
daz unser löp was gemeine allen zungen. 

swä uns kein lant iender nähe gelac, 
daz gcrte suone oder ez was betwungen. 

ridier got, wie wir nach 6ren d6 rungen! 
dö rieten d' alten und täten die jungen, 
nü als6^ tumbe die rihtaere sint — 
(diz bispel ist niht ze erkenne blint,) 
waz nü geschehe, da von, meister, daz vint! 

Anmerkung: 

Dieser Rückblick auf entschwundene Zeiten, da Deutschland mächtig, 
von den Nachbarn geachtet und gefürchtet dastand, dürfte in die Zeit der 
Wirren gegen das Ende der Regierung Ottos IV. zu setzen sein. 



— 201 — 



20. 



Verfall des Reiches und der Zucht. 

Fürwahr, ich sähe einst den Tag, 
Da unser Lob gemein war allen Zungen. 

Wo nur ein Land uns nahe lag. 
Das bat um Frieden oder ward bezwungen. 

O Oott! wie damals wir nach Ehr' gerungen! 
Rat war bei Alten, Tat war bei den Jungen. 
Jetzt, da die Richter selbst bestechlich sind: 
(Der Schluss ist wohl zu ziehn, wenn man nicht blind,) 
Was nun hierin zu tun, das, Meister, das erfind! 



— 202 — 



21. 

Der Opferstock. 

Sagt an, her stoc, hat iuch der habest her gesendet, 
daz ir in rtchet unde uns tiutschen ermet unde pfendet? 
swenn' im diu volle mäze kumt ze Lateran, 
so tuot er einen argen list, als er e hat getan, 
er seit uns danne, wie das riche ste verwarren, 
unz in erfüllent aber alle pfarren. 
ich waen, des Silbers wenic kumet ze helfe in gotes lant: 
wan grözen hört zerteilet selten pfaffen hant. 
her stoc, ir sit üf schaden her gesant, 
daz ir üz tiutschen Hüten suochet toerinn' unde narren! 

Anmerkung: 

Nachdrücklich spricht Walther hier aus, die Sammlung diene nur zur 
Bereicherung des Papstes und der Geistlichkeit. Von dem Gelde, das 
gutmütige Toren beider Geschlechter zu dem vermeintlichen guten Zwecke 
zu spenden willig seien, werde wenig in's heilige Land kommen. 

Der Opferstock wird hier personifiziert. 



— 208 — 



21. 

Der Opferstock. 

„Sagt an, Herr Stock, hat euch der Papst hierher gesendet, 
Dass ihr ihn reich macht und uns arme Deutsche pfändet? 
Wenn der gefüllte Schrein nun kommt zum Lateran, 
So tut er ärgre List, als er bisher getan. 
Er sagt uns dann, wie sehr das Reich verwirret worden, 
Bis er den Schatz gefüllt aus Gütern aller Orten. 
Ich glaub', des Silbers kommt nicht viel ins heil'ge Land, 
Den grossen Schatz verteilt nur selten Pfaffenhand. 
Herr Stock, ihr seid zum Nachteil uns gesandt, 
Dass ihr aus Deutschen sucht die Törinnen und Narren! 



Der wälsche Schrein. 

Ahi, wie kristenllche der bäbest unser lachet, 
swenne er slnen Walhen seit, wie er 'z hie habe gemachet. 
daz er da redet, er 'n solte es niemer hän gedäht: 
er gibt: „ich hän zw@n' Alman undo" eine kröne bräht 
daz si 'z riche stoeren, brennen unde wasten. 
al die wüe fülle ich mtne kästen. 

ich hän s' an minen stoc gement;*) ir guot wirt allez mtn; 
ir tiutschez silber vert in minen welschen schrln. 
ir pfaffen ezzet hüenr und trinket wtn 
und lät die toerschen tiutschen leien — vasten!" 



•) Element: „geführt, vorwärts getrieben." 

Anmerkung; 

Dieser und der vorhergehende Spruch fällt in das Jahr 1213. Die 
Wirren, welche durdi den Verfall des Reichs, unter Kaiser Ottos zunehmen- 
der Unfähigkeit, des Reiches Wohlfahrt zu heben und zu sichern, ent- 
standen, indem Otto dem Weifen der Staufe Friedrich IL, Sohn Heinrichs IV- 
und Enkel Barbarossas, g^enübergestellt ward, t>enutzte und schfirte Inno- 
zenz III. zu seinem Vorteil. 



205 — 



22. 



Der wälsche Schrein. 



Hei! wie der christlichste, der Papst nun unsrer lacht, 
Wenn er den Wälschen sagt, wie er's bei uns gemacht! 
Er sagt: „Zwei Deutsche hab' ich unter eine Krön' gebracht, 
Dass nun dem Reich entstehen Verwirrung, grosse Lasten 
ynd unterdessen füll' ich meinen Kasten. 
Gebannt an meinen Stock wird all' ihr Out nun mein ; 
Ihr deutsches Silber fährt in meinen wälschen Schrein. 
Ihr Pfaffen esset Hühner, trinket Wein 
Und lasst die deutschen Toren — fasten! 



J 



V 



206 - 



28. 

An König Friedrich. 

Von Röme voget, von Pülle künec, lät iuch erbarmen, 
daz man mich bi richer kunst alsus siht armen, 
gerne wolle ich, möhte es sin, bl eigem fiure erwarmen! 
zahl, wie 'ch danne sunge von den vogellinen; 
von der heide und von den bluomen, als ich wllent sanc! 
swelch schoene wip mir danne gaebe ir habedank, 
der lieze ich liljen unde rösen üz ir wängel schlnen! 
sus kume ich späte und rite fruo : gast, wß dir, w6 ! 
s6 mac der wirt wol singen von dem grüenen klS. 
die not bedenket, milter künec, daz iuwer not zergfi! 

Anmerkung: 

Diese an Kaiser Friedrich IL gerichtete Bitte klingt nicht minder 
wehmütig als das Gedicht „Wirt und Gast". Sie fand Erhörung, wie aus 
folgendem Spruch ersichtlichi 



207 '^ 



23. 

An König Friedrich. 

Schirmvogt von Rom, Apuliens König, habt Erbarmen, 
Dass man bei reicher Kunst mich iässt so sehr verarmen. 
Gern möcht' ich, könnt' es sein, am eignen Herd erwarmen t 
Hei! wie ich dann wohl sänge von den Vögelein, 
Von Blum' und Heide, wie ich einstens sang; 
Bot' mir ein schönes Weib dann freundlich „Habe Dank"^ 
Liess' ich ihr Rosen blüh'n auf ihren Wängelein. 
Nun komm' ich spät und reite früh; „Gast, weh dir, weh** 
So mag der Gastfreund singen in dem grünen Klee! 
Die Not bedenket, milder Herr, dass Eure Not vergeh. 



i 



— 208 — 



24. 

Das Lehen. 

Ich hän min lehen, al die werlt, ich hin mtn lehen ! 
nü enführte ich niht den hornunc an die zehen, 
und wil alle boese hfirren deste minre vlfihen. 
der edel küncc, der milte künec hat mich beraten, 
daz ich den sumer luft und in dem winter hitze hin. 
min nähgebüren dunke ich verre baz getan: 
sie sehent mich niht mer an in butzen wts, also sie täten, 
ich bin ze lange arm gewesen in' minen danc! 
ich was so volle scheltens, daz m!n item stanc: 
daz hit der künec gemachet reine und dar zuo mtnen saric. 

Anmerkung: 

Etwa ums Jahr 1220 mag der Wunsch Walthers nach einem Heim in 
Oestalt eines Lehens in Erfüllung gegangen sein. DankerfülH preist er 
des Gebers Milde, die ihn froh und frei gemacht. 
Anmerkung: 

Das ganze Herzeleid, das der edle Dichter infolge seiner Armut öften 
durch Zurücksetzung erfahren musste, klingt aus diesem Gedicht, aber 
auch ein freudiges Aufatmen und neue Lebens- und Sangeslust 



— 209 — 



24. 



Das Lehen. 

Ich hab' mein Lehen — alle Welt — ich hab' mein Lehen ! 
Nun furcht' ich nicht des kalten Winters Wehen; 
Nun brauch' ich karge Herrn nicht anzuflehen! 
Der edle König hat mich mild beraten, 
Dass ich im Sommer Luft, im Winter Wärme habe. 
Den Nachbarn werter schein' ich durch des Königs Gabe. 
Sie seh'n nicht mehr auf mich verächtlich, wie sie taten! 
Ja, arm und ohne Dank war ich zu lang; 
War so zurückgesetzt, so sehnsuchtsbang; 
Nun hat der König mir befreit Gemüt und Sang. 



MaUptrt-Ktnfrni«. Walther ron der Vo^elweide. 14 j 



— 210 — 



26. 



Göttliche Botschaft. 

HSr keiser, ich bin frönebote 
und bringe iu boteschaft von gote: 
ir habt die erde, er hat das himelrlche. 

er hiez iu klagen (ir sit sin voget) 
in stnes sunes lande broget 
die heidenschaft in beiden lästerliche. 

ir muget im gerne rihten. 
stn sun, der ist geheizen Krist, 
er hiez iu sagen, wie er 'z verschulden weile, 
nü lät in zuo z' iu pflichten: 
er rihte iu da er voget ist, 
klagt ir joch*) über den tiuwel üz der helle. 



*) joch, conj. verstärktes auch : „selbst wenn ihr den Teufel verklagtet'\ 

Anmerkung: 

Walther nennt sich hier den Abgesandten Gottes, um dem Kaiser die 
Sache des hl. Landes recht an's Herz zu legen. 



211 — 



25. 



Göttliche Botschaft. 

Herr Kaiser, ich bin hergesandt 
Mit Botschaft aus des Himmels Land. 
Ihr habt die Erde, Gott das Himmelreich. 

Er hiess Euch klagen, denn Ihr seid sein Vogt! 
Durch seines Sohnes Lande wogt 
Die Heidenschaft, dem wilden Heere gleich. 

So seid bereit, zu richten! 
Sein Sohn, dess' Name Jesus Christ, 
Vergilt's Euch einst! Das hiess er mich Euch sagen. 
Nun lasst Euch seinem Dienst verpflichten 
Er richtet Euch, wo er der Richter ist 
Und würdet ihr den Teufel selbst verklagen! 



W 



I 

I 



Aar und Löwe. 

Her keiser, swenne ir Tiuschen fride 
gemachet staete bt der wide 
so bietent iu die fremeden zungen 6re. 

die sult ir nemen an arebeit 
und süenet ai die kristenheit: 
daz tiuret iuch und müet die beiden sSre. 

ir tragt zwei keisers eilen: 
des aren tugent, des lewen kraft, 
die sint dez herzeichen an dem schilte. 

die zw^ne hergesellen, 
wan wolten's an die heidenschaft, 
waz widerstüende ir manheit unde ir milte? 

Anmerkung : 

Walther ermahnt den Kaiser, Deutschland den inneren Frieden zu 
verschaffen ; dadurch werde er aucb im Stande sdn, die Ungläubigen zu 
flberwinden; es seier ihm für dies Werk zwei herrliche Gaben verliehen: 
Kraft und Milde; darauf weisen auch die beiden Gestalten des 
Wappens im Schilde des Kaisers : Aar und Löwe, deren letzterer zugleich 
die Orossmut bezeichnet. Diesen beiden Eigenschaften vermSge nichts zu 
widerstehen". 



— 213 — 



26. 



Aar und Löwe. 

Herr Kaiser, wenn erst Deutschland Frieden 
Durch Eure Tatkraft ist beschieden, 
Dann müssen auch die Fremden Ehr' Euch geben ; 

Die sollt Ihr nehmen ohne Widerstreit, 
Wenn Ihr gesühnt die Schmach der Christenheit, 
Das macht Euch wert und macht die Heiden beben I 

Zwiefache Gabe wird Euch werden: 
Des Adlers Aufschwung und des Löwen Kraft 
Als Zeichen tragt Ihr sie an Eurem Schilde. 
Sie sind zwei mächtige Gefährten: 
Im Siege über alle Heidenschaft. 
Wer widersteht der Mannheit und der Milde? 



— 214 — 



27. 

Jugendlehren. 

Nieman kan beherten 
kindes zuht mit gerten. 
den man z' eren bringen mac, 
dem ist ein wort als ein slac. 

hüetet iuwer zungen! 
daz zimt wol den jungen; 
stöz den rigel für die tur; 
lä kein boese wort dar für. 

hüetet iuwer ougen! 
offenbare und tougen 
lät sie guote site spehen 
und die boesen übersehen. 

hüetet iuwer 6ren 
oder ir sit tören.: 
lät ir boesiu wort dar in 
daz g' uneret iu den sin. 

hüetet wol der drier; 
leider al ze frier: 
Zungen, ougen, 6ren sint 
dicke schalkhaft; z' eren blint; 
hüetet wol der drler! 



— 215 — 



27. 



Jugendlehren. 

Niemand darf mit Gerten 
Kindeszucht gefährden. 
Den man zu Ehren bringen mag, 
Dem gilt ein Wort mehr als ein Schlag! 

Hütet eure Zungen! 
Das geziemt den Jungen! 
Schiebt den Riegel vor die Tür'; 
Lasst kein böses Wort herfür! 

Hütet eure Augen, 
Dass sie zum Guten taugen; 
Lasst sie gute Sitt' erspäh'n 
Und dem Bösen widersteh'n! 

Hütet eure Ohren, 
Oder ihr seid Toren; 
Lasst kein böses Wort darin; 
Das verunehrt euren Sinn. 

Hütet wohl die Dreie, 
Leider allzu freie: 
Zunge, Augen, Ohren sind 
Oft genug fürs Edle blind! 
Hütet wohl die Dreie! 



— 216 — 



28. 



Verkehrte Welt. 

Unmäze, nim dich beidiu an 
manlichiu wlp, wipliche man; 
pf äff liehe ritter, ritterliche pfaffen; 
mit den solt du nach dinen willen schaffen. 

ich wil dir sie gar ze stiure geben 
und alte junkhSrren für eigen; 
ich wil dir junge altherren zeigen, 
daz sie dir twerhes helfen leben. 

Anmerkung: 

Dieser Spruch richtet sich gegen die Verkehrtheit, welche die Schranken 
der Natur oder die festgeordneten Stände durchbridit, wie dies bereits in 
jener frühen Zeit zuweilen geschah. Walther legt hier dar, dass bei solcher 
Verwischung der natürlichen Unterschiede niemals etwas Ganzes, in sich 
Vollendetes in die Erscheinung treten kann. 



— 217 — 



28. 



Verkehrte Welt. 

Unnatur, dir gehören beide an, 
Ein männlich Weib — weibisch gesinnter Mann; 
Pfäffische Ritter, ritterliche Pfaffen, 
Mit denen magst du nach Belieben schaffen. 

Zur Kurzweil ferner dir sie zu verehren. 
Will ich dir manchen alten Jungherm zeigen 
Und junge Altherrn nimm für dich zu eigen; 
Mit ihnen magst du dann die Welt verkehren. 



— 218 — 



29. 

Unlust der Zeit. 

(Abgekürzt.). 

Ez tuot mir inneclichen wS, 
als ich gedenke, wes man pflac 

in al der werlte welent 6 
6 wS, deich niht vergezzen mac 

wie rehte frö die Hute wären; 
frö künde ein saelic man gebären, 
unde spilet' im sin herze gein der wünnecltchen zlt. 
sol daz nü niemer mer geschehen, 
so müet mich's daz ich'z hän gesehen. 

Anmerkung : 

^ Walthers Gedichte sind der Spiegel seiner Zeit, sowohl kulturhistorisch, 
als auch politisch. Auf die Regierung König Philipps von Hohenstaufen, 
mit der ein neuer Frühling für die deutschen Lande angebrochen war, 
folgten nach dem jähen Tode des liebenswürdigen jungen Herrschers er- 
neute Wirren und Kämpfe in Staat und Kirche. 

Mit Wehmut gedenkt der Dichter jener Zeit, da das Herz dem Früh- 
ling entgegenjubelte und jedermann sich der Freude und Hoffnung 
hingab. 



— 219 — 



29. 



Unlust der Zeit. 

Es ist mein Inn'res schmerzbewegt 
Wenn ich gedenk an manchen Tag, 

Da einstens man der Freude pflegt'. 
Weh, dass ich's nicht vergessen mag, 

Wie glücklich einst die Leute waren; 
Da durfte man sich froh gebaren; 

Das Herze hüpfte wohl in Lenzes Wonnezeit. 
Soll das nun nimmermehr geschehen, 
So kränkt mich's, dass ich's je gesehen! 



— 220 — 



80. 

Unbeständigkeit der Welt. 

Er ist ein wol gefriunder man, also diu werlt nü stat, 
der under zweinzic mägen einen guoten friunt getriuwen hat; 
der haete man hie vor wol under fünfen funden dri. 

s6 w2 dir, werlt! du hast s6 manegen wandelbemden site: 
er armet an der sele, der dir volget unz an'z ende mite; 
und der dir alier diner fuore stät mit willen b!. 

wir klagen alle, daz die alten sterbent und erstorben sint: 
wir möhten balde klagen von schulden ander not, 
daz triuwe, zuht und ere ist in der werlte tot. 
die Hute läzent erben — dise dri sint äne kint! 

Anmerkung: 

Walther klagt, dass die Treue in der Welt immer seltener wird; er 
sagt: der Mensch hinterlässt Erben, aber Treue, Zucht und Ehre hinter- 
lassen keine Erben mehri 



— 221 — 



30. 



Unbeständigkeit der Welt. 

Der ist wohl ein beglückter Mann, so wie die Welt nun steht, 
Der unter Zwanzig, die ihm nah, den wahren Freund erspäht! 
Einst hätte unter Fünfen man wohl mögen finden Drei. 

O weh dir, Welt, wie hast du doch so vielfach dich ge- 
wandelt ! 
Der armet wahrlich an der Seel', der deiner Art nach handelt ; 
Sich deiner Lebensweis' gesellt mit Willen bei. 

Wir alle klagen, dass die Alten sterben, ja, erstorben sindl 
Wir hätten recht, zu klagen auch über andre Not: 
„Dass Treue, Zucht und Ehre nun in der Welt sind tot! 
Die Menschen lassen Erben — doch diese Drei sind ohne Kind. 



— 222 — 



31. 



Wahre und falsche Minne. 

Ez ist in unsern kurzen tagen 
nach minne valsches vil geslagen. 
swer aber ir insigel rehte erkande, 
dem setze ich mine wärheit des ze pfände^ 
woite er ir geleite volgen mite, 
daz in unfuoge niht erslQege. 
minn' ist ze himele so gefüege 
daz ich sie dar geleites bite. 

Anmerkung: 

Walther betont hier die Notwendigkeit, wahre und falsche Liebe 
unterscheiden zu lernen und zeigt zugleich die veredelnde Kraft der wahren 
Liebe. 



— 223 — 



31. 



Wahre und falsche Minne. 

„Es wird in unsern kurzen Tagen 
Manch falsch Oepräg' von Lieb' geschlagen. 
Wer aber ihren Stempel recht erkannte, 
Dem setz' ich meine Wahrheitslieb' zum Pfände:: 
Wer immer folge echter Liebe Sitte, 
Dass der der Roheit nie zum Opfer fiele! 
Die echte Lieb' hat Himmlisches zum Ziele; 
Das macht, dass ich um ihr Geleite bitte." 



— 224 — 



82. 

Wesen der Minne. 

Diu minne ist weder man, noch wlp; 
si hat noch sele, noch den lip; 
si gelichet sich dekeinem bilde, 
ir name ist kunt, si selbe ist aber wilde, 
unde enkan doch nieman äne sie 
der gotes hulden iht gewinnen. 

si kam in valsches herze nie! 

Anmerkung: 

Die Frage, ob die Liebe männlichen oder weiblichen Charakters sei, 
^rd von mittelhochdeutschen Dichtem zuweilen aufgeworfen; so z. Bi 
von Ulrich von Lichtenstein. Indem Walther zu dem Ausspruch kommt, 
dass sie keiner geschaffenen Kreatur gleiche, weder Mann, noch Weib 
^i, stimmt er mit den Worten Dante's überein: »Molti volendo dir' 
•che fosse Amore» ma io dico che amor non ha sustanza, non e cosa cor- 
poral' che abbia figura''! 
Anmerkung: 

Viele bemühen sich, zu erklären, was die Uebe sei; ich aber sage: 
Liebe ist nichts Substanzieiles, keine körperliche Sache, die man figürlich 
l)ezeichnen könne. Dante. 



Denkmal am Walther v, d. V.-Brunneti au Würzburg. 



— 225 — 



32. 



Wesen der Minne. 

Die Lieb' ist weder Mann, noch Weib; 
Sie ist nicht Seele nur, noch Leib; 
Sie hat auf Erden nicht ihr Bild; 
Ihr Nam' ist kund, sie selbst verhüllt. 
Doch keiner ist, der ohne sie 
In Wahrheit Gottes Huld gewinne! 

In falsche Herzen kam sie nie! 



3Ialapert-Neuf Tille, Walther von der Vogelweide. 15 



i 



— 226 — 



33. 

Selbstüberwindung. 

(Abgekürzt.) 

Wer sieht den lewen, wer sieht den risen? 
wer überwindet jenen und disen? 
daz tuot jener der sich selbe twinget, 
und alliu siniu lit in huote bringet 
uz der wilde in staeter zühte habe, 
geliheniu zuht und schäme vor gesten 
mugen wol eine wile ergiesten: 
der schin nimt dräte flf und abe. 

Anmerkung: 

In diesem Kemspruch spricht sich Walthers edle Gesinnung und die 
Unantastbarkeit seines Charakters aus. Aus Walthers späteren Tagen 
stammend, dürfte dieser Spruch den würdigen Beschluss der gesamten 
Sprüche machen. 



— 227 — 



33. 



Selbstüberwindung. 

(Abgekürzt.) , 

Wer schlägt den Löwen — wer schlägt den Riesen? 
Wer überwindet Jenen und Diesen? 
Das tut der, der sich selbst bezwingt, 
Der air seine Glieder und Sinne bringt 
Aus der Willkür in Zucht und festen Halt: 
Zucht, die nur Schein und Scham vor Gästen, 
Vermag nicht gegen Versuchung zu festen! 
Ein falscher Schein erlischt gar bald. 



15 ♦ 



III. TeU. 



KeUotöse Cteber. 



(Oottesminne.) 



(Neun Lieder und Sprüche religiösen Inhalts.) 



— 230 



Vorwort* 



In die nachfolgenden, unter „Oottesminne" zusammen- 
gestellten Lieder religiösen Charakters ist der einzigeLeich, 
der mit Wahrscheinlichkeit Walthern zugesprochen wird und 
sich auch in der Pfeifferschen Ausgabe findet, nicht aufge- 
nommen, und zwar erstens, weil diese Art religiöser Lieder 
unsrer Zeit und Anschauung zu fern liegt und zweitens, weil 
die zum Leich gehörige Musik, welche in die Zerflossenheit 
des Inhalts derartiger Gedichte einigermassen Einheit bringen 
und deren Verständnis erleichtern könnte, verloren gegangen 
ist. Es sind hier nur Gedichte von allgemein, auch für unsere 
Zeit verständlichem religiösem Inhalt aus Walthers Liedern 
und Sprüchen zusammengefasst. Im übrigen ist zu be- 
merken, dass die Gedichtform des Leichs keine Glanznummer 
in der mittelalterlichen Dichtung bildet. 



s 



— 231 — 

IIL eiste 5er geistticben Cieber un5 Sprficbe. 

1. An Christus. »O heiiger Christ". 

2. Kreuzlied I. »Sünder, du sollst der grossen Not". 

3. Kreuzlied II, Wallfahrtslied. „Du süsse, wahre Minne". 

4. Preis der Jungfrau Maria. „Maria, reine, hochgelobte Jungfrau". 

5. Lob des Herrn. ,,Der keinen Anfang je gewann". 

6. Morgengebet. „Zum Heile lass mich heut ersteh'n. 

7. Allvater. „Wer ohne Furcht, o Herr". 

8. Geheimnis der göttlichen Unendlichkeit. „Mächtiger Qott, wie reicht 

deine Allmacht". 

9. Im gelobten Lande: „ Nun erst leb' ich ohne Fährde". 



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— 232 



III. Teil. 

6eistH<be Cieöer unö Sprficbe. 

(Oottesminne.) 



1. 



An Christus. 

Heiliger Krist, 
Sit du gewaitec bist, 
der werlt gemeine 
die nach dir gebildet sint, 

gib mir den list 
daz ich in kurzer frist 
alsam gemeine 
dir dien samt d!n erweiten kint. 

ich was mit sehenden ougen blint 
und aller guoten sinne ein kint, 
swiech mine missetät der werelt hal. 
mach e mich reine, 
e min gebeine 
versenke sich in das verlorne tal. 

Anmerkung: 

Dies Oedicht wird nicht allgemein Walthern zugeschrieben, doch 
trägt es den Charakter seiner Dichtung, sittlichen Ernst und tiefe Fröm- 
migkeit. Simrock erklärt es für echt, auch in Lachmanns Ausgabe finde t 
es sich, doch fehlt es in der Pfeifferschen Ausgabe. 

Die beiden Stollen reimen Vers für Vers aufeinander, während der 
Abgesang Reimpaare und verschlungene Reime enthält. 



— 233 — 



UI. Teil. 

Geistlicbe De6er und Sprüche. 

(Qottesminne.) 



1. 



An Christus. 

O heirger Christ, 
Der Du gewaltig bist 
Im Weltvereine, 
Der durch Dich Gestalt gewinnt; 

Verleih' mir, Christ, 
Dass ich in meiner Lebensfrist 
Mit der Gemeine 
Dir diene als erwähltes Kind! 

Ich war mit sehenden Augen blind 
Und an Erkenntnis wie ein Kind; 
War unbekannt mit meiner Sünden Zahl; 
Herr, mach' mich rein, 
Eh' mein Gebein 
Versenket wird ins Todestal. 



I. 

Sünder, du solt an die grozen not gedenken, 
die got durch uns leit und solt din herze in riuwe senken. 

stn lip wart mit scharpfen dornen gar versSret: 
dennoch wart manecvalt sin marter an dem kriuze gemgret. 

man sluoc im drie negel durch hende und euch durch füeze. 
jämerlichen weint Maria, diu süeze, 
dö si ir kindez biuot uz beiden siten fliezen sach. 
trurecliche JSsus von dem kriuK sprach : 
„muoter, ja ist iuwer ungemach 
min ander tot; 
Johannes, du der lieben swaere büeze! 

Anmerkung: 

Auch dies Gedicht fehlt in der Pfeifferschen Ausgabe. Bei Stmrock 
ist es den Sprachen eingereiht. 

Die KreuzlJeder sind in des Dichters letzte Lebensjahre zu setzen. 
Der Ernst derselben lässl vermuten, dass der Dichter sich mit Gedanken 
an den Tod öfters beschäftigte. 



235 — 



2. 

Kreuzlied. 

I. 

Sünder, du sollst der grossen Not gedenken, 
Die Gott für uns erlitt, und sollst dein Herz ihm schenken! 

Mit scharfen Dornen ward sein Leib versehret 
Doch ward die Marter mannigfalt am Kreuz vermehret. 

Drei Nägel schlug man ihm durch Hände und durch Füsse ; 
Gar heisse Tränen weint Maria da, die süsse. 
Als sie des Sohnes Blut zur Seite f Hessen sah. 
Voll tiefer Trauer da der Herr vom Kreuze sprach: 
„O Mutter, Euer Leid und Ungemach 
Ist mir zwiefacher Tod!" „Johannes, bleib ihr nah', 
Dass deine Liebe ihr das Leid versüsse!" 



— 236 — 

3. 
Kreuzlied (Wallfahrtslied). 

II. 

Vil süeze waere minne, 
berihte kranke sinne; 
got, durch din anebeginne 
bewai* die kristenheit! 

din kunft ist frönebaere: 
übr' al der werlte swaere: 
der weisen barmenaere, 
hilf rechen disiu leit! 

erloeser üz den sünden, 
wir gern zen swebenden finden*) 
uns mac din geist enzunden, 
wirt riuwic herze erkant. 
din bluot hat uns begozzen, 
den himel üf geslozzen: 
nu loeset unverdrozzen 
das erebernde lant! 
verzinset lip und eigen; 
got sol uns helfe erzeigen 
üf den, der manegen veigen 
der sele hat gepfant. 

Die kurze leben verswindet, 
der tot uns sundic findet: 
swer sich zu gote gesindet, 
der mac der helle engän. 

bi swaere ist gnade funden: 
nü heilent Kristes wunden, 
sin lant wird schiere enbunden: 
dest sicher sunder wän. **) 



•) »swebenden finden«, vom Winde bewegten Wogen. 
*) Das ist sicher ohne trfigerische Hoffnung. 



— 237 — 

3. 
Kreuzlied (Wallfahrtslied)- 

II. 

Du süsse, wahre Minne, 
Erleuchte schwache Sinne. 
Christ, der vom Anbeginne 
Bewahrt die Christenheit! 

Du, der zum Heil gesendet. 
Der Waisen Leid geendet, 
Die Not der Welt gewendet, 
Hilf rächen unser Leid! 

Erlöser aus den Sünden 
Wir schwanken gleich den Winden; 
Mög' uns Dein Oeist entzünden. 
Wird's Herz voll Reu erkannt. 
Dein Blut hat uns begossen; 
Den Himmel aufgeschlossen; 
Nun lösen unverdrossen 
Wir das gelobte Land. 
Verzinset Leib und Eigen ; 
Gott wird uns Hilf erzeigen; 
Er bringt die Not zum Schweigen, 
Die manch ein Herz gebannt. 

Dies kurze Leben schwindet; - 
Der Tod uns sündig findet; 
Wer sich mit Oott verbindet, 
Der mag der Höll' entgeh'n! 

Für Schuld wird Gnad' erfunden; 
Uns heilen Christi Wunden ; 
Der Knechtschaft wird entbunden 
Sein Land, neu zu erstehn! 



— 288 — 



küngin ob allen frouwen: 
lä wernde helfe schouwen: 
din kint ward dort verhouwen 
sin menschheit *) sich ergap. 
sin geist müez uns gefristen**) 
daz wir die. diet verlisten. 
der touf sie seit unkristen: 
wan fürhtent sie den stap, 
der ouch die Juden villet! 
ir schrien löte erhillet: 
manc lop dem kriuze erschüfet: 
erloesen wir das grap! 

Diu menschheit***) muoz verderben, 
suln wir den Ion erwerben; 
got wolde durch uns sterben; 
sin tröst ist üf gespart: 

sin kriuze vil geheret 
hat maneges heil gemeret; 
swer sich von zwivel keret, 
der hat den geist bewart. 

sündiger 11p vergezzen, 
dir sind diu jär gemezzen 
der tot hat uns besezzen, 
die veigen äne wer. f) 
nü helient hin geltcheft) 
da wir daz himelreche 
erwerben sicherltche 
bi dulteclicher zer. 



*) Er gab was irdisch war, den Leib in den Tod. 
**) Sein Qeist wolle uns das Leben histen, dass wir die diet, gentes 
Heidenschaft überwinden. 

***) Menschheit bedeutet hier das Menschliche, Irdische. 
t) Die ohne Wehr dem Tode Verfallenen. 
tt) Lasst uns gemeinsam eilen. 



— 239 



Du Krone aller Frauen, 
Lass deine Hilf uns schauen, 
Wo einst in jenen Gauen 
Christ in den Tod sich gab! 
Sein Geist mög' uns durchdringen, 
Die Feinde zu bezwingen; 
Die nie die Tauf empfingen, 
Sie trifft des Richters Stab, 
Dem auch die Juden fallen. 
Hört ihr die Klage hallen? 
Dem Kreuz soll Lob erschallen, 
Wenn nun befreit das Grab! 

Muss auch der Leib verderben, 
SoU'n wir das Heil erwerben: 
Gott wollte für uns sterben; 
Sein Trost ist aufgespart. 

Sein Kreuz, so hoch geehret, 
Hat ew'ges Heil bescheret. 
Wer sich vom Zweifel kehret. 
Hat seinen Geist bewahrt. 

Ihr Sünder, gottvergessen, 
Euch ist die Zeit gemessen; 
Vom Tode sind besessen 
Wir alle ohne Wehr. 
Auf Christen, eilt von Hinnen! 
Den Himmel zu gewinnen 
Und Gottes Zorn entrinnen 
Macht keine Müh' zu schwer. 



— 240 — 

got wil mit beides banden 
dort reeben sinen anden; 
sieb schar von manegen landen 
des beilicgeistes her! 

Got, dine helfe uns sende! 
mit diner zesewen bende*) 
bewar uns an dem ende, 
s6 uns der geist verlät, 

vor bellebeizen wallen, 
daz wir dar in iht vallen! 
ez ist wol kunt uns allen . 

wie jaemerlicbe ez stat. 

daz bere lant vil reine, 
gar belfelos und eine ; 
Jerusalem, nü weine, 
wie din vergezzen ist ! 
der beiden überbere 
hat dich verscbelket sere, 
durch diner namen ere 
lä dich erbarmen, Krist! 
mit welber not sie ringen 
die dort den borgen dingen 
daz 's uns also betwingen 
daz wende in kurzer frist! 

Anmerkung: 

Die Zustände im heiligen Lande gestalteten sich immer schlimmer. 
Der Papst drängte zum Kreuzzug. 

Obiges Kreuzlied dürfte, da es die Aufforderung zum Kampfe für die 
Befreiung des heiligen Landes enthält, um das Jahr 1228 entstanden sein. 



— 241 — 

Oott will mit Heldenhänden 
Dort seine Rächer senden, 
Ein jedes Land soll spenden 
Ein Qott-begeistert Heer! 

Gott, Deine Hilf uns sende! 
Durch Deine Allmachtshände 
Bewahr' uns bis ans Ende 
Wenn uns der Geist verlässt. 

Lass uns im Erdenwallen 
Dem Bösen nicht verfallen 
In Kampf und Nöten allen 
Hält Deine Hand uns fest. 

Das hehre Land, das reine, 
So hilflos und alleine! 
Jerusalem, nun weine, 
Dass dein vergessen ist ! 
Der Heiden wilde Heere 
Belasten dich mit Schwere — 
Zu deines Namens Ehre 
Lass dich erbarmen, Christ! 
Mit welcher Not sie ringen, 
Mit Mühe Bürgen dingen! — 
Dass wir den Feind bezwingen, 
Hilf uns in kurzer Frist! 



Malapert-Neuf Tille, Walther von der Vogelweide. lg 



— 242 — 



4. 

Preis der Jungfrau Maria. 

Maria klär, vil hochgelobtiu frouwe süeze, 
hilf mir durch dines kindes ere deich min sünde büeze. 

du flüetec fluot barmunge, tagende unde güete 
der süeze gotes geist üz dinem edelen herzen biuete. 

Er ist din kint, din vater unde din schepfere; 
wol uns, daz du in ie gebaere! 
den hoehe, tiefe, lenge umbegrifen mohte nie! 
din kleiner lip mit süezer Wüsche in umbevie; 
kein wunder mohte dem geliehen ie: 
der engel küniginne, du trüeg in an' alle swaere. 

Anmerkung : 

Dieses Loblied auf Maria fdilt in der Ausgabe Pfeiffers; bei Simrock 
findet es sich unter den Sprachen. jedenfnUs «ntspNicbt seine Zartheit 
und Innigkeit dem Gemüt« Walthers. 

Mit Bestimmtheit ist es ihm freilich nicht zuzuschreiben, jedenfalls 
aber ist es eine der reinsten Blüten mittelalterlicher Lobgesänge auf die 
Jungfrau Maria. 



— 243 



4. 

Preis der Jungfrau Maria. 

Maria, reine, hochgeiobte Jungfrau, süsse, 
Hilf mir durch deinen Sohn, dass meine Sund' ich büsse! 

Du, der Erbarmung Quell, der Tugend, aller Güte, 
Der süsse Oottesgeist aus deinem edlen Herzen blühte. 

Er ist dein Kind, vom Schöpfer auserkoren. 
Wohl uns und aller Welt, dass du Ihn hast geboren! 
Den Höhe, Tief und Lang' zu fassen zu gering. 
Dein kleiner Leib in süsser Keuschheit ihn umfing! 
Kein Wunder glich wohl je so hohem Wunderding! 
Der Engel Königin hat uns das Heil erkoren. 



16 



— 244 — 



6. 
Lob des Herrn. 

(Abgekürzt.) 

Der anegenge nie gewan 
und anegenge machen kan, 
der kan wol ende machen unde an' ende. 
Sit daz allez stet in siner hende; 
wer waere danne lobes s6 wol wert? • 

der 81 der ^rste in miner wise; 
sin lop get vor allem prise: 
daz lop ist saelic, des er gert. 

Anmerkung : 

Auch dieses Gedicht ist ohne Zweifel unter die späteren Lieder und 
Sprüche des Dichters zu reihen. Hier ist nur die erste Strophe eingefügt, 
weil sie die beschauliche Ruhe und den Ernst der Qotteserkenntnis wieder- 
spiegelt Die drei folgenden Strophen kommen an Reinheit der Er- 
kenntnis der ersten nicht gleich. 



— 245 — 



6. 



Lob des Herrn. 

Der keinen Anfang je gewann, 
Doch allem Anfang geben kann; 
Der schafft, was enden mag, doch selber nie kann enden. 
Der alles hält und trägt in seinen Händen: 
Wer in der Welt war' solchen Lobes wert? 
Er steh' voran in meiner Weise; 
Sein Ruhm gilt mir vor allem Preise: 
Ein selig Lob, das Er begehrt! 



— 246 — 



6. 



Morgengebet. 

Mit saelden müeze ich hiute üf stßn, 
got, herre, in dtner huote gÄn, 
und riten, swar ich in dem lande kftre. 

Krist, herre, läz mir werden schtn 
die grozen kraft der güete dtn 
und pflic min wol durch dlner muoter Are; 

als ir der heilic engel pflaege 
und dtn, dö du in der kripfen iaege, 
junger mensch und alter got, 
demüetic vor dem esel und vor dem rinde 
und doch mit saeldenricher huote 
pflac ir und dtn Joseph, der guote 
wol mit triuwen sunder spot: 
als pflig ouch mtn, daz an mir iht erwinde 
daz dtn vil göteltch gebot. 

Anmerkung: 

Bei Simrock und Pfeiffer den Sprächen beigeordnet. 

Bitte an Christus um Schutz wohin immer sein Weg ihn führe, wie 
einst der Engel (Gabriel) des Heilands und seiner Mutter gepflegt und 
wie Joseph — der Oute, wie er vorzugsweise benannt winl — ihrer 
Beider gepflegt habe. 



— 247 — 



& 



Morgengebet. 

Zum Heile lass mich heut' erstehen, 
Herr, unter Deinem Schutze geh'n, 
Wohin mein Weg sich immer kehre. 

Herr Christ, lass an mir sichtbar sein 
Die grosse Kraft der Gnade Dein 
Und pflege mein zu Deiner Mutter Ehre, 

Wie ihrer einst der Engel pflegte, 
Da ihre Hand Dich in die Krippe legte. 
Ein kleiner Mensch und doch ein grosser Gott! 
Im armen Stall, beim Esel und beim Rinde 
Und doch in liebevoller Hut 
Pflegt eurer Joseph treu und gut. 
Euch schützend vor Gefahr und Spott. 
So pfleg' auch mein, dass man mich stets erfinde 
Treu Deinem göttlichen Gebot! 



— 248 — 



7. 

Allvater. 

Swer äne vorhte, herre Got 
wil sprechen diniu zehen gebot 
und brichet diu, daz ist niht rehtiu minne. 

dich heizet vater maneger vii; 
swer min ze bruoder niht enwil, 
der sprichet starkiu wort üz krankem sinne. 

wir wahsen üz geltchem dinge; 
spise frumet uns, diu wirt ringe, 
s6 si durch den munt gevert. 
wer kan dem herren von dem knechte scheiden, 
swa ier ir gebeine blözez fünde, — 
imd haete er ir joch lebender künde, — 
s6 gewürme dez fleisch verzert? 
im dienent kristen, Juden unde heiden, 
der elliu lebendiu wunder nert. 

Anmerkung: 

Dies Gedieht, das in der Pfeifferschen Ausgabe den Titel „Gleichheit 
vor Gott" hat, enthält eine Betrachtung über die Gleichheit der Menschen 
vor Gott, dem Vater Aller. 

Walther hat sich im Umgang mit Vornehmen und Geringen stets die 
Erkenntnis des wahren Adels des Menschen bewahrt. Gleichheit der 
Menschen vor Gott bedingt für ihn B r u d e r 1 i e b e . 



— 249 



7. 



Allvater. 

Wer ohne Furcht, o Herr und Gott 
Will sprechen Deine zehn Gebot' 
Und bricht sie dann, der hat nicht rechte Minne. 

Gar mancher, der Dich Vater nennt. 
Doch Menschen nicht als Brüder kennt. 
Spricht grosse Worte aus mit krankem Sinne. 

Wir wachsen all' aus gleichem Dinge; 
Die Speise frommt, doch wird geringe 
Das, was der Körper nun verzehrt. 
Wer kann den Herrn vom Knechte scheiden. 
Wenn ihr Gebein er nur noch fand — 
Hätt' er sie lebend gleich gekannt — 
Wenn das Gewürm das Fleisch versehrt? 
Gott dienen Christen, Juden, Heiden, 
Ihm, der sie alle trägt und nährt. 



— 250 



8. 

Geheimnis der göttlichen Unendlichkeit. 

Mehtiger got, du bist s6 lanc und bist s6 breit: 
gedacht' wir da nach, daz wir unser arebeit 
niht v'lüren! dir sint ungemezzen mäht und fiwekeit. 
ich weiz bi mir wol, swaz ein ander ouch dar umbe trabtet; 
s6 ist ez, als ez ie was, unsern sinnen unbereit, 
du bist ze gröz, du bist ze ideine, est ungeahtet. 
er tumber gouch, der dran betaget oder benahtet! 
wil er wizzen daz nie wart gepredjet, noch gepfahtet?*) 



*) »gepfahtet« von pfaht: Pakt, Dogma in »Qlaubenssatzung, Dogma« 
gebracht. 

Anmerkung: 

Diese tiefsinnige Strophe, bei Pfeiffer den Sprüchen beigestellt, zeigt 
uns Walthers tief religiöses Oemüt. In tiefer Andacht beugt er sich vor 
Qott, als dem Unerforschlichen , den keine Predigt und kdn Dogma zu 
erklären vermag. 

I n verschiedenen Ausgaben den Sprüchen beigestellt, weil der Form 
nach zur Spruchdichtung gehörig, dürfte es, seinem tief religiösen Inhalt 
nach, nicht mit Unrecht der „Gottesminne'' eingefügt werden. 



— 251 



8. 

Geheimnis der göttlichen Unendlichkeit. 

Mächtiger Qott, wie reicht Deine Alimacht so weit! 
Bedächten wir's recht mit Ernst, damit unsre Lebenszeit 
Wir nicht verlieren, denn Dein, unermessen, ist Ewigkeit. 
Das erkenne ich wohl, was andre auch darüber denken! 
So ist's und war es von je! für unser Denken zu weit! 
Du bist im Grossen so hehr, doch gross auch in kleinen 

Dingen ! 
Töricht, wer je sich vermisst, in dies Geheimnis zu dringen! 
Wie will er wissen, was n i e war in 'B e g r i f f e zu zwingen ? 



— 252 — 



9. 



Im gelobten Lande. 

Nu alrest leb' ich mir werde, 
stt min sündic ouge siht 

lant daz here und ouch die erde, 
dem man vii der eren giht. 

mir 'st geschehen, des ich je bat: 
ich bin komen an die stat, 
da got menneschlichen trat. 

Schoeniu lant, rieh und here, 
swaz ich der noch hän gesehen, 

s6 bist du'z in aller ere! 
waz ist Wunders hie geschehen! 

daz dn maget ein kint gebar, 
here übr' aller engel schar 
was daz niht ein wunder gar? 

Hie liez er sich reine toufen, 
daz der mensche reine si; 

d6 liez er sich hie verkoufen, 
daz wir eigen wurden fri. 

anders waeren wir verlorn, 
wan sin sper, kriuz' unde dorn: 
we dir, heiden, deist dir zorn! 

D6 er sich über uns wolde erbarmen, 
hie leit er den grimmen tot 

er vil riche übr' uns vil armen, 
daz wir kaemen üz der n6t. 

daz in d6 des niht verdröz 
da'st ein wunder alze gröz, 
aller wunder übergenöz. 



253 — 



9. 



Im gelobten Lande. 

Nun erst leb' ich ohne Fährde, 
Seit mein sündig Auge sah 

Hehres Land, die heil'ge Erde, 
Die man lobpreist fern und nah. 

Mein ist, was ich je erbat; 
Ich bin kommen zu der Statt, 
Die der Oottmetisch einst betrat. 

Schöne Lande, reiche, hehre, 
Was ich immer hab' geseh'n, 

Kein's ist wert so hoher Ehre! 
Was ist Wunders hier geschehen ! 

Eine Magd ein Kind gebar, 
Hehr vor aller Engel Schar. 
Sagt, ist das nicht wunderbar? 

Hier Hess sich der Reine taufen, 
Dass die Menschheit schuldlos sei! 

Hier auch Hess er sich verkaufen, 
Dass wir Schuldner würden frei! 

Anders wären wir verlor'n, 
War' nicht Kreuz und Speer und Dorn! 
Das erregt der Heiden Zorn. 

Nur aus göttlichem Erbarmen 
Litt Er hier den grimmen Tod! 

Er, der Reiche, für die Armen, 
Uns zu retten aus der Not. 

Dass die Qual ihn nicht verdross, 
Ist ein Wunder übergross, 
öffnet uns der Gnade Schoss. 



J 



^ iuw xr helle 

"'"'^ ^"Z d» «■ '"^ '^"^ 
von dem e^ J^^ ^.ater geselle 

sieht and ebener danne em zein, 
als er Abrahame erschein. 

Dö er den tievel d6 geschande, 
daz nie keiser baz gestreit, 

dö fuor er her wider ze lande. 
dd huop sich der Juden leit, 

daz er h^rre ir huote brach 
und man in stt lebendic sach, 
den ir hant sluoc unde stach. 

Dar nach was er in dem lande 
vierzic tage: dd fuor er dar, 

dannen in stn vater sande. 
sinen geist, der uns bewar, 

den sant er hin wider ze hant. 
heilic ist daz sett>e lant, 
sin nam' Ist vor gote erkant. 

In diz lant hat er gesprochen 
einen angeslichen tac, 
da diu witwc wirt gerochen, 
da der weise klagen mac, 

und der arme den gewalt, 
der da wirt mit fme gestalt. 
wol im dort, der hie vergalt! 



— 266 — 

Nieder fuhr zum Höllenschlunde 
Aus dem Grab, darin Er Tag, 

Jesus, der mit Gott im Bunde, 
Und dem Geiste! — Wer vermag 

Zu begreifen dieses Band? 
Vater, Sohn und Geist verwandt, 
Wie's einst Abraham erkannt. 

Als den Erbfeind Er geschlagen, 
Wie kein Kaiser siegt im Streit, 

Ward er aufwärts nun getragen. 
Da entstand der Juden Leid: 
Als Er Todesbajide brach, — 

Mit den Jüngern ging und sprach, — 
Den am Kreuz ihr Speer durchstach. 

Vierzig Tage noch im Lande 
Weilt' Er bis zur Himmelfahrt 

Auf zum Vater, der Ihn sandte. 
Seinen Geist, der uns bewahrt. 

Hat den Seinen Er gesandt. 
Heilig ist darum dies Land 
Vor Gott ist sein Nam' erkannt. 

In dies Land hat Er gesprochen 
Jenen grossen, ernsten Tag, 

Da die Witwe wird gerochen, 
Da die Waise klagen mag, 

Und der Arme, der Gewalt 
Leiden musste mannigfalt. 
Wohl ihm, der schon hier entgalt! 



— 254 — 

Hinnen fuor der sun zer helle 
von dem grabe, da er inne lac 

des was ie der vater geselle 
und der geist, den nieman mac 

sunder scheiden: est al ein, 
sieht und ebener danne ein zein, 
als er Abrahame erschein. 

D6 er den tievel dö geschande, 
daz nie keiser baz gestreit, 

dö fuor er her wider ze lande, 
dö huop sich der Juden leit, 

daz er hSrre ir huote brach 
und man in stt lebendic sach, 
den ir hant sluoc unde stach. 

Dar nach was er in dem lande 
vierzic tage: dö fuor er dar, 

dannen in sin vater sande. 
sinen geist, der uns bewar, 

den sant er hin wider ze hant. 
heilic ist daz selbe lant, 
sin nam' ist vor gote erkant. 

In diz lant hat er gesprochen 
einen angesllchen tac, 
da diu witwc wlrt gerochen, 
da der weise klagen mac, 

und der arme den gewalt, 
der da wirt mit ime gestalt. 
wol im dort, der hie vergalt! 



— 266 — 

Nieder fuhr zum Höllenschlunde 
Aus dem Qrab, darin Er Tag, 

Jesus, der mit Oott im Bunde, 
Und dem Qeiste! — Wer vermag 

Zu begreifen dieses Band? 
Vater, Sohn und Qeist verwandt, 
Wie's einst Abraham erkannt. 

Als den Erbfeind Er geschlagen. 
Wie kein Kaiser siegt im Streit, 

Ward er aufwärts nun getragen. 
Da entstand der Juden Leid: 
Als Er Todesbande brach, — 

Mit den Jüngern ging und sprach, — 
Den am Kreuz ihr Speer durchstach. 

Vierzig Tage noch im Lande 
Weilt' Er bis zur Himmelfahrt 

Auf zum Vater, der Ihn sandte. 
Seinen Geist, der uns bewahrt. 

Hat den Seinen Er gesandt. 
Heilig ist darum dies Land 
Vor Gott ist sein Nam' erkannt. 

In dies Land hat Er gesprochen 
Jenen grossen, ernsten Tag, 

Da die Witwe wird gerochen, 
Da die Waise klagen mag, 

Und der Arme, der Gewalt 
Leiden musste mannigfalt. 
Wohl ihm, der schon hier entgalt! 



— 264 — 

Hinnen fuor der sun zer helle 
von dem grabe, da er inne lac. 

des was ie der vater geselle 
und der geist, den nieman mac 

sunder scheiden: ^st al ein, 
sieht und ebener danne ein zein, 
als er Abrahame erschein. 

D6 er den tievel dö geschande, 
daz nie keiser baz gestreit, 

dö fuör er her wider ze lande, 
dö huop sich der Juden leit, 

daz er h^rre ir huote brach 
und man in stt lebendic sach, 
den ir hant sluoc unde stach. 

Dar nach was er in dem lande 
vierzic tage: dö fuor er dar, 

dannen in sin vater sande. 
slnen geist, der uns bewar, 

den sant er hin wider ze hant. 
heilic ist daz selbe lant, 
sin nam' ist vor gote erkant. 

In diz lant hat er gesprochen 
einen angesllchen tac, 
da diu witwc wlrt gerochen, 
da der weise klagen mac, 

und der arme den gewalt, 
der da wirt mit ime gestalt. 
wol im dort, der hie vergalt! 



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— 266 — 

Nieder fuhr zum Höllenschlunde 
Aus dem Grab, darin Er Tag, 

Jesus, der mit Gott im Bunde, 
Und dem Geiste! — Wer vermag 

Zu begreifen dieses Band? 
Vater, Sohn und Geist verwandt, 
Wie's einst Abraham erkannt. 

Als den Erbfeind Er geschlagen, 
Wie kein Kaiser siegt im Streit, 

Ward er aufwärts nun getragen. 
Da entstand der Juden Leid: 
Als Er Todesbande brach, — 

Mit den Jüngern ging und sprach, — 
Den am Kreuz ihr Speer durchstach. 

Vierzig Tage noch im Lande 
Weilt' Er bis zur Himmelfahrt 

Auf zum Vater, der Ihn sandte. 
Seinen Geist, der uns bewahrt. 

Hat den Seinen Er gesandt. 
Heilig ist darum dies Land 
Vor Gott ist sein Nam' erkannt. 

In dies Land hat Er gesprochen 
Jenen grossen, ernsten Tag, 

Da die Witwe wird gerochen. 
Da die Waise klagen mag, 

Und der Arme, der Gewalt 
Leiden musste mannigfalt. 
Wohl ihm, der schon hier entgalt! 



— 264 — 

Hinnen fuor der sun zer helle 
von dem grabe, da er iime lac. 

des was ie der vater geselle 
und der geist, den nieman mac 

sunder scheiden: €st al ein, 
sieht und ebener danne ein zein, 
als er Abrahame erschein. 

D6 er den tievel d6 geschande, 
daz nie keiser baz gestreit, 

dö fuor er her wider ze lande, 
dö huop sich der Juden leit, 

daz er hSrre ir huote brach 
und man in stt lebendic sach, 
den ir hant sluoc unde stach. 

Dar nach was er in dem lande 
vierzic tage: dd fuor er dar, 

dannen in sin vater sande. 
sinen geist, der uns bewar, 

den sant er hin wider 2« hant. 
heilic ist daz selbe lant, 
sin nam' Ist vor gote erkant. 

In diz lant h&t er gesprochen 
einen angesllchen tac, 
da diu witwe wirt gerochen, 
da der weise klagen mac, 

und der arme den gewalt, 
der da wlrt mit Ime gestalt. 
wol im dort, der hie vergalt! 



— 256 — 

Nieder fuhr zum Höllenschlunde 
Aus dem Grab, darin Er lag, 

Jesus, der mit Gott im Bunde, 
Und dem Geiste! — Wer vermag 

Zu begreifen dieses Band? 
Vater, Sohn und Geist verwandt, 
Wie's einst Abraham erkannt. 

Als den Erbfeind Er geschlagen, 
Wie kein Kaiser siegt im Streit, 

Ward er aufwärts nun getragen. 
Da entstand der Juden Leid: 
Als Er Todesbamde brach, — 

Mit den Jüngern ging und sprach, — 
Den am Kreuz ihr Speer durchstach. 

Vierzig Tage noch im Lande 
Weilt' Er bis zur Himmelfahrt 

Auf zum Vater, der Ihn sandte. 
Seinen Geist, der uns bewahrt. 

Hat den Seinen Er gesandt. 
Heilig ist darum dies Land 
Vor Gott ist sein Nam' erkannt. 

In dies Land hat Er gesprochen 
Jenen grossen, ernsten Tag, 

Da die Witwe wird gerochen. 
Da die Waise klagen mag, 

Und der Arme, der Gewalt 
Leiden musste mannigfalt. 
Wohl ihm, der schon hier entgalt! 



— 2Ö4 — 

Hinnen fuor der sun zer helle 
von dem grabe, da er inne lac. 

des was ie der vater geselle 
und der geist, den nieman mac 

sunder scheiden: £st al ein, 
sieht und ebener danne ein zein, 
als er Abrahame erschein. 

D6 er den tievel d6 geschande, 
daz nie keiser baz gestreit, 

dö fuor er her wider ze lande. 
d6 huop sich der judöi leit, 

daz er hSrre ir huote brach 
und man in stt lebendic sach, 
den ir haut sluoc unde stach. 

Dar nach was er in dem lande 
vierzic tage: dö fuor er dar, 

dannen in stn vater sande. 
sinen geist, der uns bewar, 

den sant er hin wider ze hant. 
heilic ist daz selbe lant, 
stn nam' ist vor gote erkant. 

In diz lant hat er gesprochen 
einen angeslichen tac, 
da diu witwe wIrt gerochen, 
dS der weise klagen mac, 

und der arme den gewalt, 
der da wlrt mit ime gestalt. 
wol im dort, der hie vergalt! 



— 256 — 

Nieder fuhr zum Höllenschlunde 
Aus dem Grab, darin Er lag, 

Jesus, der mit Gott im Bunde, 
Und dem Geiste! — Wer vermag 

Zu begreifen dieses Band? 
Vater, Sohn und Geist verwandt, 
Wie's einst Abraham erkannt. 

Als den Erbfeind Er geschlagen, 
Wie kein Kaiser siegt im Streit, 

Ward er aufwärts nun getragen. 
Da entstand der Juden Leid: 
Als Er Todesbamde brach, — 

Mit den Jüngern ging und sprach, — 
Den am Kreuz ihr Speer durchstach. 

Vierzig Tage noch im Lande 
Weilt' Er bis zur Himmelfahrt 

Auf zum Vater, der Ihn sandte. 
Seinen Geist, der uns bewahrt. 

Hat den Seinen Er gesandt 
Heilig ist darum dies Land 
Vor Gott ist sein Nam' erkannt. 

In dies Land hat Er gesprochen 
Jenen grossen, ernsten Tag, 

Da die Witwe wird gerochen, 
Da die Waise klagen mag, 

Und der Arme, der Gewalt 
Leiden musste mannigfalt. 
Wohl ihm, der schon hier entgalt! 



— 266 — 

Unser lantrehtaere tihten 
fristet da niemannes klage, 

wan er wil ze stund da rihten 
s6 ez ist an dem lesten tage. 

und swer dheine schult hie lat, 
unverebenet, wie der stät 
dort, da er pfant noch bürgen hat. 

Ir enlät iuch niht verdriezen 
daz ich noch gesprochen hän, 

s6 wil ich die rede besliezen 
kürzlich', und iuch wissen län 

swaz got mit der werelt je 
wunderliches noch begie, 
daz huop sich und endet hie. 

Kristen, Juden unde heiden 
jehent, daz diz ir erbe st: 

got müez ez ze rehte scheiden 
durch die sine namen dri. 

al diu werelt strttet her: 
wir sin an der rehten ger; 
reht ist, daz er uns gewer! 

Anmerkung: 

Dies glaubensstarke, hoffnungsfrohe Lied ist wohl in die Zeit zwischen 
1228 und 29 zu setzen. Wir dürfen annehmen, dass Waltlier in der Tat 
das heilige Land betreten hat. Denn er war ein zu wahrhaftiger Mann, 
um das, was er in der ersten Strophe sagt, auszusprechen, wenn er es 
nicht erlebt hätte! 



— 267 — 

Unsres Richteramts Gebrechen 
Hemmt nicht mehr des Rechtspruchs Lauf. 

Wenn Er kommt, um Recht zu sprechen, 
Steigt der letzte Tag herauf. 

Und wer seine Sunde nicht 
In der Zeit gesühnt, dem spricht 
Oottes Urteil das Gericht. 

Wenn ihr euch nicht lasst verdriessen 
Das, was ich geredet hab'. 

Will die Rede ich beschliessen 
Weinn ich kurz zu wissen gab: 

Was der Herr in seiner Macht 
Uns von jeher zugedacht, 
Hub hier an — wird hier vollbracht! 

Christen sagen — Juden, Heiden, 
Dass dies Land ihr Erbe sei! 

Möge Gott den Streit entscheiden. 
Durch der heiFgen Namen Drei! 

Streite, Welt, nur hin und her! 
Unser einziges Begehr 
Ist, dass Gott uns Heil gewähr'! 



JmM MLti, M*#UlNftAkT, LAdttNiAklA 



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